Neue Fabrik, Milliarden-Buyback, Existenzkampf — Grünstrom-Aktien im Spagat

Die Erneuerbaren-Branche zeigt extreme Unterschiede: Siemens Energy schließt Milliarden-Rückkauf ab, Nordex startet Fabrik in der Türkei, ABO Energy kämpft um Finanzierung.

Dieter Jaworski ·
Siemens Energy Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Nordex startet Rotorblatt-Produktion in der Türkei
  • Siemens Energy schließt Aktienrückkauf über zwei Milliarden Euro ab
  • Verbio kehrt mit Gewinn in die Gewinnzone zurück
  • ABO Energy ringt um Finanzierungsvereinbarung bis Juli

Während Nordex an der Ägäis eine Rotorblattfabrik hochfährt und Siemens Energy seinen Aktienrückkauf über zwei Milliarden Euro abschließt, ringt ABO Energy mit einer Finanzierungsfrist, die über die Zukunft des Unternehmens entscheidet. Selten war die Spreizung innerhalb der Erneuerbaren-Branche so ausgeprägt wie in diesen Wochen. Fünf Aktien, fünf völlig unterschiedliche Realitäten.

Nordex: Türkei-Fabrik als Wachstumsanker

Am 22. Mai startete Nordex die Produktion in seiner neuen Rotorblattfertigung im türkischen Menemen bei İzmir. Die Anlage in der dortigen Freihandelszone umfasst rund 130.000 Quadratmeter Gesamtfläche, davon etwa 90.000 Quadratmeter Produktionshalle. Bei voller Auslastung im Vier-Schicht-Betrieb sollen jährlich bis zu 1.200 Rotorblätter vom Band laufen — gefertigt von rund 1.200 Beschäftigten.

Produziert werden Blätter für die aktuellen Turbinentypen N163 und N175, die auf mittlere bis starke Windverhältnisse ausgelegt sind. Zunächst beliefert das Werk Projekte aus den türkischen YEKA-Ausschreibungen. Perspektivisch sollen auch europäische Windparks versorgt werden.

In der Türkei hält Nordex seit 2017 einen Marktanteil von rund 34 Prozent. Der Standort ist also kein Experiment, sondern die logische Verlängerung einer dominanten Position. Die Analysten sehen das ähnlich:

  • Deutsche Bank hebt das Kursziel auf 59 Euro (zuvor 58 Euro) und bestätigt die Kaufempfehlung
  • Jefferies erhöht auf 57 Euro (zuvor 54 Euro), ebenfalls mit Buy-Rating
  • Citi bleibt bei Neutral, setzt das Ziel aber von 45 auf 48 Euro hoch

Die Aktie notiert heute bei 43,42 Euro — ein Plus von knapp 2 Prozent am Montag. In der Wochenbilanz steht allerdings ein Minus von gut 8 Prozent. Nach der starken Jahresperformance mit einem Plus von über 44 Prozent seit Januar gönnen sich Anleger offenbar eine Verschnaufpause.

Verbio: Biomethane-Rekorde treiben den Turnaround

Verbio hat den Dreh geschafft — zumindest auf dem Papier. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 erzielte der Bioenergiekonzern einen Quartalsumsatz von 448 Millionen Euro und kehrte mit einem Nettogewinn von knapp 23 Millionen Euro in die Gewinnzone zurück. Im Vorjahreszeitraum hatte noch ein deutlicher Verlust zu Buche gestanden.

Besonders eindrucksvoll: Die Biomethane-Produktion erreichte in den ersten neun Monaten 1.040 GWh, ein Zuwachs von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das Nevada-Werk trägt wesentlich zum Hochlauf bei. Der Neunmonatsumsatz kletterte auf 1,34 Milliarden Euro, das EBITDA sprang von mageren 22 Millionen auf knapp 106 Millionen Euro. Der freie Cashflow drehte von minus 108 Millionen auf plus 33 Millionen Euro.

Analysten haben ihre Kursziele im Schnitt von etwa 18,90 auf rund 23,40 Euro angehoben. Die Aktie handelt heute bei 35,84 Euro — also deutlich darüber. Allerdings mit einem Tagesverlust von über 4,5 Prozent. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 61 Prozent.

Das größte Risiko bleibt die politische Unsicherheit rund um die Treibhausgas-Quotenmärkte. Ob sich die wiedergewonnene Profitabilität bei schwankenden Quotenpreisen halten lässt, wird die kommenden Quartale prägen.

Siemens Energy: Kapitalrückgabe als Stärkebeweis

Siemens Energy hat zwischen dem 4. März und dem 19. Mai insgesamt 12,6 Millionen eigene Aktien zurückgekauft — rund 1,47 Prozent des Grundkapitals, zu einem Durchschnittspreis von 158,50 Euro je Aktie. Gesamtvolumen: etwa zwei Milliarden Euro. Das Programm ist damit abgeschlossen.

Der Rückkauf fällt in eine Phase operativer Stärke. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026 erzielte der Konzern einen Umsatz von knapp 20 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 1,44 Milliarden Euro. Der Gewinn je Aktie hat sich im Vorjahresvergleich mehr als verdoppelt. Die Prognose für das vergleichbare Umsatzwachstum im Gesamtjahr wurde auf 14 bis 16 Prozent angehoben — zuvor waren es 11 bis 13 Prozent.

Grid Technologies und Gas Services liefern die Wachstumstreiber. Besonders die Nachfrage nach Gasturbinen für Rechenzentren in den USA beschleunigt das Geschäft. Siemens Gamesa, lange das Sorgenkind, bewegt sich schrittweise Richtung Break-even.

Die Aktie notiert bei 178,10 Euro, gut 5 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Das durchschnittliche Analysten-Kursziel liegt bei 191,40 Euro, die optimistischste Schätzung bei 250 Euro. Von 21 bewertenden Analysten empfehlen 19 den Kauf. Die Marktkapitalisierung beträgt rund 143 Milliarden Euro — eine Liga, in der Siemens Energy vor zwei Jahren noch nicht mitspielte.

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Vulcan Energy: Bagger rollen, Finanzierung offen

Am Industriepark Höchst in Frankfurt sind die Bagger angerollt. Vulcan Energy hat die Hauptbauphase seines Lionheart-Lithiumprojekts gestartet — ein Meilenstein, der allerdings unter einem gewichtigen Vorbehalt steht. Die finale Projektfinanzierung über 2,2 Milliarden Euro ist noch nicht geschlossen. Management und Kreditgeber peilen den Abschluss im laufenden Quartal an.

Dreizehn Kreditgeber stehen bereit, darunter die Europäische Investitionsbank. Export Development Canada hat bereits eine gesicherte Kreditlinie über 232 Millionen Dollar gewährt. Siemens beteiligte sich mit 67 Millionen Euro an Eigenkapital und sicherte sich Automatisierungsverträge im Wert von 40 Millionen Euro bis 2035.

Die erste Phase von Lionheart soll jährlich 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid produzieren — genug für rund 500.000 Elektrofahrzeuge. Die integrierte Geothermieanlage liefert zusätzlich 275 GWh Strom und 560 GWh Wärme.

Am 28. Mai steht die Hauptversammlung in Perth an. Neben der Wiederwahl von Vorstandsmitgliedern wird erstmals Roberto Gallardo zur Wahl gestellt. Abnahmevereinbarungen mit Stellantis, LG und Umicore sichern langfristige Umsätze — 72 Prozent der vertraglich gebundenen Mengen sind preislich fixiert oder durch Mindestpreise abgesichert.

Die Aktie handelt bei 2,20 Euro, fast 45 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch vom Oktober 2025. Canaccord Genuity hält an einem Kursziel von 12 Euro fest. Der RSI von unter 11 signalisiert eine extrem überverkaufte Lage — die hohe Volatilität von über 74 Prozent unterstreicht allerdings, wie nervös der Markt auf jede Nachricht reagiert.

ABO Energy: Operative Erfolge gegen die Uhr

ABO Energy kämpft gleichzeitig um operative Fortschritte und finanzielle Existenz. Die gute Nachricht: Die Restrukturierungsbeauftragte Britta Hübner bewertet den Erstentwurf des Restrukturierungsberichts als „Meilenstein“ und kommt vorläufig zu dem Schluss, dass das Unternehmen sanierungsfähig ist.

Operativ liefert ABO Energy handfeste Ergebnisse:

  • Mehr als 150 Megawatt Gesamtkapazität in die Mai-Ausschreibung für Windenergie eingebracht
  • Einen Windpark in Rheinland-Pfalz mit vier Turbinen und 16,8 MW Gesamtleistung an einen unabhängigen Stromerzeuger verkauft
  • Inbetriebnahme dieses Parks für das vierte Quartal 2026 geplant

Politischer Rückenwind kommt von der Energieministerkonferenz auf Norderney. Die Bundesländer lehnten einstimmig den geplanten Redispatch-Vorbehalt ab — ein Mechanismus, der neuen Erneuerbaren-Anlagen die Entschädigung bei Netzengpässen verweigert hätte. Für Projektentwickler wie ABO Energy ist das eine erhebliche regulatorische Entlastung.

Die Aktie schloss zuletzt bei 5,99 Euro, ein Rückgang von über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Marktkapitalisierung liegt bei rund 55 Millionen Euro. Entscheidend wird das Ende des Stillhaltezeitraums im Juli: Gelingt bis dahin eine nachhaltige Finanzierungsvereinbarung mit den Kreditgebern, hat der operative Fortschritt eine Chance, sich auszuzahlen. Scheitert die Frist, droht eine grundlegend andere Situation.

Drei Termine strukturieren die nächsten Wochen: Am 22. Juni werden die geprüften Jahresabschlüsse für 2025 erwartet. Die Hauptversammlung findet am 13. August in Wiesbaden statt. Halbjahreszahlen folgen am 1. September. Für eine Rückkehr zum positiven EBITDA peilt das Unternehmen frühestens 2027 an.

Grünstrom-Sektor zwischen Rückenwind und Bewährungsprobe

Die fünf Aktien zeichnen drei unterschiedliche Geschwindigkeiten innerhalb einer Branche. Siemens Energy und Nordex operieren aus einer Position der Stärke: solide Auftragsbücher, steigende Margen, analytischer Konsens klar auf der Kaufseite. Verbio vollzieht die Wende von der Verlust- in die Gewinnzone — überzeugend in den Zahlen, fragil beim Blick auf die regulatorischen Rahmenbedingungen. Vulcan Energy und ABO Energy stehen vor existenziellen Finanzierungsmeilensteinen, die innerhalb weniger Wochen fällig werden.

Die strukturellen Treiber — europäische Energiesouveränität, das Critical Raw Materials Act, beschleunigte Netzinvestitionen — bleiben intakt. Die Kluft zwischen den Gewinnern und den Kämpfern wird sich in den kommenden sechs bis acht Wochen entweder schließen oder dramatisch vergrößern. Die Juli-Frist von ABO Energy und Vulcans Finanzierungsschluss liefern die nächsten Weichenstellungen.

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Siemens Energy Aktie

179,50 EUR

+ 5,78 EUR +3,33 %
KGV 68,50
Sektor Industrieunternehmen
Div.-Rendite 0,40 %
Marktkapitalisierung 148,05 Mrd. EUR
ISIN: DE000ENER6Y0 WKN: ENER6Y

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