Nordex punktet mit US-Großauftrag, RWE greift nach Amprion-Anteilen

Nordex erhält Großauftrag aus den USA, RWE stockt Amprion-Beteiligung auf. Verbio leidet unter fallendem Ölpreis, Siemens Energy mit Rekordaufträgen.

Felix Baarz ·
Siemens Energy Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Nordex: 484 MW US-Auftragspaket
  • RWE vor Amprion-Anteilsaufstockung
  • Verbio unter Ölpreis-Druck
  • Siemens Energy mit Rekordaufträgen

Ein 484-Megawatt-Auftragspaket aus den USA, eine milliardenschwere Netzübernahme und ein Ölpreis-Schock für Biokraftstoffe — der grüne Energiesektor zeigt zur Jahresmitte ein erstaunlich zersplittertes Bild. Während Turbinenbauer und Netzbetreiber von der KI-getriebenen Stromnachfrage profitieren, kämpfen Biokraftstoff-Produzenten mit dem geopolitischen Gegenwind aus dem Nahen Osten.

Siemens Energy: Spin-off-Fantasie trifft auf Rekordaufträge

Jefferies-Analyst Lucas Ferhani hat sein Kursziel von 215 Euro und die Kaufempfehlung bestätigt. Sein Argument: Die mögliche Abspaltung der Sparte „Transformation of Industry“ (ToI) könnte den verbleibenden Konzern — Gasturbinen und Netztechnik — als wachstumsstärkere Einheit positionieren, mit höherem Ausschüttungspotenzial für Aktionäre. Ein Bericht des Manager Magazins hatte die Diskussion um eine Trennung angestoßen. Eine offizielle Bestätigung steht aus.

Das Momentum im operativen Geschäft untermauert die Zuversicht. Im zweiten Quartal kletterten die Aufträge auf ein Allzeithoch von 17,7 Milliarden Euro, das Book-to-Bill-Verhältnis lag bei 1,72. Der Auftragsbestand erreichte 154 Milliarden Euro. Der Umsatz legte vergleichbar um 8,9 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro zu, das Ergebnis vor Sondereffekten stieg kräftig auf 1,164 Milliarden Euro.

Für das Gesamtjahr peilt das Management ein vergleichbares Umsatzwachstum von 14 bis 16 Prozent und einen Nettogewinn von rund vier Milliarden Euro an. JPMorgan sieht den fairen Wert bei 225 Euro, Goldman Sachs bei 212 Euro. Ein Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von bis zu drei Milliarden Euro läuft bis zum Ende des Geschäftsjahres. Die Aktie notiert bei 171,28 Euro — seit Jahresbeginn ein Plus von rund 39 Prozent.

Nordex: 484 Megawatt aus den USA an einem einzigen Tag

Der Hamburger Windturbinenbauer hat am Montag drei neue US-Aufträge über insgesamt 484 Megawatt vermeldet. Ein Paket umfasst 32 Turbinen des Typs N133/4.8 mit rund 154 MW Leistung, die beiden weiteren Projekte bringen zusammen etwa 330 MW. Kundennamen und Projektstandorte blieben unter Verschluss.

Manav Sharma, CEO von Nordex North America, sprach von beschleunigtem Momentum in der Region. Die Aufträge reihen sich in eine Serie jüngster Erfolge in Deutschland, Südeuropa und der Türkei ein. Im ersten Quartal 2026 verzeichnete Nordex Projektaufträge über 1.869 MW bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 0,91 Millionen Euro je MW.

Die Quartalszahlen untermauern den Aufwärtstrend:

  • Umsatz Q1 2026: 1,59 Milliarden Euro (+11 Prozent)
  • Ergebnis je Aktie: 0,23 Euro (Vorjahr: 0,034 Euro)
  • Marktkapitalisierung: rund 9,3 Milliarden Euro

Analysten honorieren die Dynamik. Die Deutsche Bank hob ihr Kursziel auf 59 Euro an, Jefferies zog von 54 auf 57 Euro nach — beide mit Kaufempfehlung. Die Aktie legte in den vergangenen sieben Tagen über 20 Prozent zu und notiert bei 48,74 Euro nur knapp unter ihrem Jahreshoch.

RWE: Der Griff nach Amprion wird konkreter

RWE steht vor einer strategischen Weichenstellung. Einem Bloomberg-Bericht zufolge ist eine Aufstockung der Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion unmittelbar bevorstehend. Aktuell hält RWE über ein Joint Venture mit dem US-Vermögensverwalter Apollo 25,1 Prozent. Der Erwerb weiterer 16,5 Prozent von einem Konsortium um die Ärzteversorgung Westfalen-Lippe würde die Beteiligung auf über 40 Prozent treiben. Das Transaktionsvolumen wird im niedrigen einstelligen Milliardenbereich veranschlagt.

Der strategische Reiz liegt auf der Hand. Amprion betreibt einen großen Teil des deutschen Höchstspannungsnetzes. Investitionen in diese Infrastruktur gelten als politisch sensibel, versprechen aber regulierte, planbare Erträge — ein willkommener Stabilitätsanker neben dem volatileren Erzeugungsgeschäft. Die zuständigen Gremien könnten noch vor Ende Juni zusammentreten.

Operativ präsentiert sich RWE solide. Im ersten Quartal stieg das EBITDA um 15 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro, das bereinigte Ergebnis je Aktie sprang um 25 Prozent auf 0,85 Euro. Die Jahresprognose mit einem EPS-Korridor von 2,20 bis 2,90 Euro wurde bestätigt. Bei einem Kurs von 55,70 Euro liegt der durchschnittliche Analysten-Zielkurs bei 63,16 Euro, die optimistischste Schätzung bei 68,50 Euro. Jefferies bekräftigte am 18. Juni seine Kaufempfehlung, Goldman Sachs tat dasselbe am 11. Juni.

Verbio: Ölpreis-Schock offenbart das Dilemma der Biokraftstoffe

Die US-iranische Friedensvereinbarung hat Brent-Rohöl erstmals seit Monaten unter die Marke von 80 Dollar gedrückt — und damit Verbio ins Mark getroffen. Biodiesel und Bioethanol konkurrieren direkt an der Zapfsäule mit fossilem Kraftstoff. Fällt der Ölpreis, schrumpfen die Margen.

Die Folgen im Chart waren deutlich: Über 30 Tage verlor die Aktie rund 17 Prozent und steht nun bei 31,18 Euro. Vom Jahreshoch bei knapp 47 Euro trennen den Kurs über 33 Prozent. Kurzfristig zeigte sich zuletzt eine leichte Stabilisierung, die Wochenbilanz ist mit gut 3 Prozent Plus wieder positiv.

Die Fundamentaldaten zeichnen ein differenzierteres Bild. Verbio hat die EBITDA-Prognose für das laufende Geschäftsjahr deutlich auf 160 bis 180 Millionen Euro angehoben. Im dritten Quartal drehte das Ergebnis je Aktie auf 0,36 Euro — nach einem Verlust von 0,22 Euro im Vorjahr. Der Umsatz kletterte um 14 Prozent auf 452,7 Millionen Euro.

Allerdings liegt der durchschnittliche Analysten-Zielkurs mit 28,33 Euro derzeit rund 10 Prozent unter dem aktuellen Kurs. Die Bandbreite reicht von 15 bis 42 Euro — ein Spiegelbild der Unsicherheit. Für den weiteren Verlauf bleiben Regulierung, insbesondere Beimischungsquoten und Nachhaltigkeitskriterien, sowie die Rohstoffpreisdynamik die entscheidenden Hebel.

Vulcan Energy: VULSORB®-Technologie erobert Bolivien

Abseits der großen Schlagzeilen treibt Vulcan Energy seine internationale Lizenzstrategie voran. EAU Lithium, ein Partnerunternehmen, hat ein Verhandlungsabkommen mit der bolivianischen Staatsfirma YLB unterzeichnet. Ziel ist der mögliche Aufbau industrieller Anlagen auf Basis der VULSORB®A-DLE-Technologie, die über eine Vulcan-Tochtergesellschaft lizenziert wird.

Der Weg dorthin war kompetitiv: EAU Lithium und Vulcan setzten sich gegen 34 Mitbewerber in einer öffentlichen Ausschreibung durch. Vorausgegangen waren technische Tests an Sole-Proben aus drei bolivianischen Standorten. Die Partnerschaft genießt diplomatische Unterstützung der Europäischen Union — ein Signal, dass die Technologie als europäisches Exportgut wahrgenommen wird.

Das Flaggschiffprojekt bleibt der Lionheart-Standort in Deutschland mit einem Finanzierungspaket von 2,2 Milliarden Euro. Die geplante Jahresproduktion: 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat, dazu geschätzt 275 Gigawattstunden erneuerbarer Strom und 560 Gigawattstunden Wärme. Die Aktie notiert bei 2,03 Euro und liegt damit rund 49 Prozent unter ihrem Jahreshoch. Bei einer Marktkapitalisierung von etwa einer Milliarde Euro spiegelt der Kurs das typische Risikoprofil eines Pre-Revenue-Unternehmens wider.

Drei Geschwindigkeiten im grünen Sektor

Die fünf Aktien illustrieren, wie weit die Schere im Cleantech-Universum auseinanderklafft:

  • Industrielle Schwergewichte (Siemens Energy, Nordex): Rekord-Auftragsbücher, steigende Analystenziele, Rückenwind durch KI-bedingten Strombedarf
  • Regulierter Infrastruktur-Pivot (RWE): Planbare Netzerlöse als strategische Ergänzung zum volatilen Erzeugungsgeschäft
  • Commodity-exponiert (Verbio): Profitable, aber hochgradig abhängig von Ölpreis und Regulierung — kurzfristig anfällig für externe Schocks
  • Pre-Revenue-Technologie (Vulcan Energy): Hoher Optionswert durch Lizenzmodell, aber Bewertung vollständig an Projektexekution gekoppelt

Grüne Energie zur Jahresmitte — zwischen Rekorden und Risiken

In der zweiten Jahreshälfte 2026 fallen mehrere Entscheidungen, die das Kräfteverhältnis im Sektor neu sortieren könnten. Bei Siemens Energy wird sich zeigen, ob die ToI-Abspaltung über das Spekulationsstadium hinauskommt — die Quartalszahlen im August liefern den nächsten harten Datentest. Nordex muss die US-Dynamik verstetigen, während politische Unwägbarkeiten die Rahmenbedingungen jederzeit verändern können. RWE könnte die Amprion-Transaktion noch im Juni unter Dach und Fach bringen und damit den Umbau zum Netzinfrastruktur-Konzern beschleunigen.

Für Verbio hängt alles am Ölpreis und an der Entwicklung der europäischen Treibhausgas-Quotenpreise. Die angehobene EBITDA-Prognose bietet einen gewissen Puffer, aber die Margensichtbarkeit bleibt eingeschränkt. Vulcan Energy steht vor der Aufgabe, das bolivianische Verhandlungsabkommen in einen bindenden Vertrag umzuwandeln — ein Meilenstein, der das globale Lizenzmodell validieren würde. Eines zeigt der Blick auf alle fünf Unternehmen klar: „Erneuerbare Energien“ ist längst kein einheitlicher Sektor mehr, sondern ein Sammelbecken grundverschiedener Geschäftsmodelle mit sehr unterschiedlichen Risikoprofilen.

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Siemens Energy Aktie

173,96 EUR

+ 5,08 EUR +3,01 %
KGV 67,49
Sektor Industrieunternehmen
Div.-Rendite 0,41 %
Marktkapitalisierung 145,29 Mrd. EUR
ISIN: DE000ENER6Y0 WKN: ENER6Y

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