Nordex und RWE liefern Rekordzahlen — Vulcan Energy fällt auf Jahrestief
Nordex verdoppelt Ergebnis, RWE hebt Prognose erneut an. Siemens Energy erschließt US-Markt, während Vulcan Energy trotz Fortschritten fällt.

Kurz zusammengefasst
- Nordex mit Rekordauftragsbestand und Gewinnsprung
- RWE hebt Jahresprognose zum zweiten Mal an
- Siemens Energy ermöglicht US-Investoren Zugang
- Vulcan Energy fällt auf neues Jahrestief
Selten lagen die Geschichten im Sektor der erneuerbaren Energien so weit auseinander wie in dieser Woche. Nordex verdoppelt sein Ergebnis, RWE hebt die Prognose zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit an, und Siemens Energy öffnet sich mit einem kräftigen Kurssprung einem neuen Kreis amerikanischer Anleger. Vulcan Energy dagegen rutscht auf ein neues Jahrestief, während Energiekontor unbeirrt an seiner Strategie förderfreier Projekte festhält.
Siemens Energy: Kurssprung und Brückenkopf in die USA
Siemens Energy öffnet mit einem sogenannten Listing Light eine neue Tür für US-Investoren. Seit Mittwoch sind Aktien des Energietechnik-Konzerns auf dem Top-Segment OTCQX der US-Handelsplattform OTC Markets in Form von American Depositary Receipts handelbar. Damit erhalten auch amerikanische Privatanleger und kleinere institutionelle Investoren Zugang, für die der direkte Kauf über die Frankfurter Börse bislang zu aufwendig war.
Ein Unternehmenssprecher betonte, die USA seien der wichtigste Einzelmarkt des Konzerns — ein großer Teil der Aktionäre stamme bereits heute von dort. Siemens Energy ist nach Adidas, BASF, Bayer, DHL, K+S, Lufthansa und der Deutschen Telekom das achte deutsche Unternehmen auf dem OTCQX-Segment.
Rund 12.000 Beschäftigte zählt der Konzern bereits in den USA, wo eine milliardenschwere Investition in den Ausbau der Produktion von Netz- und Gasturbinenkomponenten geplant ist. Getrieben wird das Vorhaben von der explodierenden Energienachfrage der KI-Rechenzentren.
Der Kurs reagierte kräftig: Am Donnerstag schoss die Aktie um 9,45 Prozent nach oben auf 145,70 Euro, nach einem Schlusskurs von 133,12 Euro am Vortag. Der Sprung reicht jedoch nicht aus, um den Abwärtstrend der vergangenen Wochen zu kompensieren.
Binnen 30 Tagen steht weiterhin ein Minus von 12,66 Prozent, zum Rekordhoch von 195,54 Euro von Ende April fehlt noch rund ein Viertel. Der RSI von 44,9 liegt im neutralen Bereich, während sich der Kurs mit 145,89 Euro nahezu exakt auf dem 200-Tage-Durchschnitt bewegt.
Vulcan Energy: Neues Jahrestief trotz Projektfortschritt
Vulcan Energy bleibt unter Druck. Der Kurs fiel am Donnerstag um 2,66 Prozent auf 1,54 Euro, nach einem Schlusskurs von 1,58 Euro am Mittwoch. Erst am Vortag hatte die Aktie damit ein neues 52-Wochen-Tief markiert.
Auf Monatssicht beträgt das Minus 19,98 Prozent, seit Jahresbeginn hat die Aktie 39,73 Prozent an Wert verloren. Zum Zwölfmonats-Vergleich steht ein Rückgang von 28,80 Prozent.
Zum bisherigen Rekordhoch von 3,98 Euro fehlen inzwischen mehr als 60 Prozent. Der RSI von 26,1 signalisiert eine überverkaufte Situation — ein möglicher Hinweis auf eine technische Gegenbewegung, sollte der Kurs seine gleitenden Durchschnitte zurückerobern.
Operativ kommt das Unternehmen dabei durchaus voran. Zuletzt meldete der Lithium-Geothermie-Entwickler den Financial Close für die Finanzierung des Lionheart-Projekts, den Spatenstich für die zugehörige Lithiumchemie-Anlage, einen bedeutenden Lieferauftrag an Siemens für das Projekt sowie eine Befreiung von der staatlichen Förderabgabe auf die Lithiumproduktion. Die operativen Fortschritte haben dem Kurs bislang jedoch keinen Halt gegeben — ein Muster, das viele vorumsatzstarke Lithium-Entwickler derzeit prägt.
Nordex: Rekordauftragsbestand treibt den Kurs an
Nordex liefert in dieser Woche die deutlichste Erfolgsmeldung im Sektor. Im zweiten Quartal 2026 verbesserte sich die Profitabilität des Windturbinenherstellers spürbar, der Auftragseingang zog an, und der freie Cashflow blieb positiv. Das Unternehmen bestätigte zugleich seine Jahresprognose.
Der Umsatz legte im zweiten Quartal um 16,3 Prozent auf rund 2,2 Milliarden Euro zu. Getragen wurde das Wachstum von einem kräftigen Schub im Projektgeschäft, wo sich die Nachfrage nach Windturbinen weiter beschleunigt.
Der Auftragseingang kletterte auf 3.054 Megawatt, ein Plus von 32,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, bei einem Gesamtauftragswert von 3,0 Milliarden Euro. Noch deutlicher fiel der Sprung auf der Ergebnisseite aus.
Das EBITDA mehr als verdoppelte sich auf 223,8 Millionen Euro von zuvor 108,2 Millionen Euro, die Marge stieg auf 10,3 Prozent. Auch unter dem Strich verdient Nordex inzwischen deutlich mehr — der Nettogewinn schnellte auf 111,5 Millionen Euro hoch, nach 31,0 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.
Rückenwind kommt zudem vom Auftragsbestand, der einen Rekordwert erreichte. Der Bestand stieg auf 18,4 Milliarden Euro, gegenüber 14,3 Milliarden Euro vor einem Jahr, wobei der Großteil auf das Projektgeschäft entfiel und der Rest auf das Servicegeschäft. Auch beim Cashflow bestätigt sich der positive Trend: Er lag mit 164,6 Millionen Euro deutlich im Plus, nach 145,1 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum.
CEO José Luis Blanco kommentierte: „Im zweiten Quartal 2026 haben wir unseren Auftragseingang um 32 Prozent gesteigert, eine EBITDA-Marge von 10,3 Prozent erreicht und einen positiven freien Cashflow erwirtschaftet. Diese Resultate spiegeln die kontinuierlichen Fortschritte in unserer operativen Umsetzung und Profitabilität wider.“ Nordex bestätigte die Jahresprognose 2026 und rechnet weiterhin mit einem Umsatz von 8,2 bis 9,0 Milliarden Euro.
Der Kurs reagierte spürbar: Die Aktie legte am Donnerstag um 1,92 Prozent auf 39,38 Euro zu, nach einem Schlusskurs von 38,64 Euro am Mittwoch. Auf Monatssicht steht zwar weiterhin ein Minus von 15,35 Prozent, seit Jahresbeginn hat die Aktie dagegen 35,23 Prozent gewonnen.
Jefferies bestätigte nach den Zahlen die Kaufempfehlung und beließ das Kursziel bei 58 Euro. Die Analysten verwiesen auf ein weiteres starkes Quartal, in dem zentrale Kennziffern die Erwartungen übertrafen.
RWE: Prognose zum zweiten Mal angehoben
RWE liefert vielleicht die größte Überraschung im Sektor. Deutschlands größter Stromproduzent hob die Ergebnisprognose für 2026 und 2027 an — getragen von einer robusten operativen Entwicklung im ersten Halbjahr und positiven Einmaleffekten.
Im ersten Halbjahr 2026 übertraf RWE die Markterwartungen deutlich: Das bereinigte EBITDA erreichte 3,011 Milliarden Euro, der bereinigte Nettogewinn 1,257 Milliarden Euro, bei einem bereinigten Ergebnis je Aktie von 1,77 Euro. Besonders stark entwickelten sich die Sparten Onshore/Solar, der Energiehandel und die flexible Erzeugung.
Für das Gesamtjahr hob RWE die EBITDA-Prognose auf 5,75 bis 6,35 Milliarden Euro an — eine deutliche Anhebung gegenüber der bisherigen Spanne. Auch beim Gewinn wird optimistischer geplant.
Der bereinigte Nettogewinn soll nun 1,95 bis 2,45 Milliarden Euro erreichen. Das bereinigte Ergebnis je Aktie wird bei 2,60 bis 3,30 Euro erwartet — spürbar mehr als in der bisherigen Prognose.
Der positive Ausblick reicht über das laufende Jahr hinaus: Für 2027 hob RWE die EBITDA-Prognose auf 6,7 bis 7,3 Milliarden Euro an. Für das zweite Halbjahr rechnet der Konzern mit zusätzlichen Gewinnbeiträgen aus der ausgebauten Beteiligung am Übertragungsnetzbetreiber Amprion sowie aus höheren Rohstoffpreisen.
Der Konzern bestätigte zudem das Dividendenziel von 1,32 Euro je Aktie für 2026 sowie die geplante jährliche Steigerung um 10 Prozent bis 2031. Der Kurs honorierte die Nachrichten: Am Donnerstag legte die Aktie um 1,94 Prozent auf 56,62 Euro zu, nach 55,54 Euro am Vortag.
Auf Monatssicht liegt die Aktie mit einem Plus von 0,07 Prozent nahezu unverändert, seit Jahresbeginn beträgt der Gewinn 25,10 Prozent. Die vollständigen Halbjahreszahlen präsentiert RWE am 13. August 2026.
Energiekontor: Solarpark ohne Förderung finanziert
Energiekontor treibt seine Strategie förderfreier Projekte konsequent weiter voran. Der Bremer Projektentwickler erreichte für den Solarpark Kolitzheim-Herlheim in Bayern den Financial Close und sicherte damit die Finanzierung für den Baustart. Die rund elf Megawatt Peakleistung starke Anlage im Landkreis Schweinfurt soll im ersten Halbjahr 2027 ans Netz gehen.
Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie das Projekt finanziert wird — komplett ohne staatliche Förderung. Energiekontor, der Energiedienstleister EHA und die Drogeriekette dm haben sich auf eine zehnjährige Liefervereinbarung ohne EEG-Einspeisevergütung verständigt, der Stromabnahmevertrag wurde am 22. Juli unterschrieben.
Der Bremer Entwickler verfolgt damit eine Strategie, Wind- und Solarparks zunehmend unabhängig von der EEG-Förderung zu realisieren — gestützt auf eine Projektpipeline von rund 11,2 Gigawatt. CEO Peter Szabo erklärte dazu: „Der Abschluss dieses PPA zeigt, dass sich hochwertige Solarprojekte in Deutschland auch ohne staatliche Förderung wirtschaftlich realisieren lassen.“
Der deutsche Markt für langfristige Stromlieferverträge ist nach dem Rekordjahr 2023 zwei Jahre in Folge geschrumpft, besonders im Solarbereich. Vor diesem Marktumfeld wiegt Energiekontors Fähigkeit, förderfreie Finanzierungen zu sichern, umso schwerer — ein Signal für die zunehmende Reife des Sektors.
Der Kurs zog am Donnerstag um 2,50 Prozent auf 34,80 Euro an, nach 33,95 Euro am Vortag. Auf Jahressicht bleibt die Bilanz allerdings negativ: Über zwölf Monate steht ein Minus von 29,98 Prozent, seit Jahresbeginn beträgt der Rückgang 3,20 Prozent.
Sektordynamik: Wer liefert, wird belohnt
Die Nachrichtenlage dieser Woche zeigt eine wachsende Kluft zwischen operativ starken, cashflow-generierenden Unternehmen und kleineren, kapitalintensiven Wachstumsgeschichten, die noch nach einem Katalysator suchen. Nordex und RWE lieferten harte Beweise — Rekordauftragsbestand, verdoppeltes EBITDA und angehobene Gewinnprognosen —, die sich direkt in Kursgewinnen und erneuertem Analystenvertrauen niederschlugen.
Siemens Energy geht trotz jüngster Kursschwäche einen strategischen Weg und verbreitert seine US-Investorenbasis, während Vulcan Energy weiterhin zeigt, wie schwer es frühphasige Lithium- und Geothermie-Projekte trotz technischer Meilensteine haben. Energiekontor positioniert sich dazwischen: kleiner, profitabel, aber mit einer Strategie, die angesichts der schwindenden Förderlandschaft zunehmend an Relevanz gewinnt.
- Nordex: Rekordauftragsbestand von 18,4 Milliarden Euro, EBITDA-Marge auf 10,3 Prozent verdoppelt
- RWE: Prognose zum zweiten Mal binnen wenigen Monaten angehoben, Dividendenziel bestätigt
- Siemens Energy: Kurssprung von 9,45 Prozent durch neue US-Notierung, Kurs aber weiter unter dem 50-Tage-Durchschnitt
- Vulcan Energy: Neues Jahrestief trotz Fortschritten am Lionheart-Projekt
- Energiekontor: Förderfreie Solarprojekte als tragendes Wachstumsmodell
Ausblick: Wachstumswerte suchen Anschluss an die Gewinner
Nordex hat mit dem Rekordauftragsbestand und der bestätigten Jahresprognose die Erwartungslatte für die kommenden Quartale hochgelegt, das neue Jefferies-Kursziel von 58 Euro signalisiert weiteres Potenzial. Bei RWE dürften die vollständigen Halbjahreszahlen am 13. August zeigen, ob Amprion-Beteiligung und Rohstoffpreise auch in der zweiten Jahreshälfte tragen. Siemens Energy könnte von der breiteren US-Aktionärsbasis mittelfristig profitieren, kurzfristig bleibt die Kursentwicklung aber stark an die Stimmung rund um das Windgeschäft gekoppelt.
Für Vulcan Energy wird entscheidend sein, ob sich die Fortschritte am Lionheart-Projekt endlich in einer technischen Trendwende niederschlagen. Energiekontor dürfte mit seiner Pipeline förderfreier Projekte weiterhin ein stetiger, wenn auch weniger auffälliger Wachstumstreiber bleiben.
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