Nvidia unter Druck, Outlook Therapeutics und ServiceNow im Aufwind
Nvidia gründet KI-Sicherheitsallianz, leidet aber unter Finanzierungssorgen. ServiceNow überzeugt mit starken Quartalszahlen und widerlegt Kannibalisierungsängste.

Kurz zusammengefasst
- Nvidia gründet Open Secure AI Alliance
- ServiceNow übertrifft Gewinnerwartungen
- Outlook Therapeutics erhält FDA-Zulassung
- Keel Infrastructure wandelt sich zum Rechenzentrum
Eine KI-Sicherheitsallianz mit drei Dutzend Konzernen, ein Biotech-Coup zwei Tage vor dem eigentlichen Zulassungstermin und ausgerechnet der Platzhirsch der Chipbranche, der ins Straucheln gerät: Die Technologiebranche zeigt diese Woche ein Bild voller Widersprüche. Während Nvidia mit Finanzierungssorgen kämpft, feiern andere Namen des Sektors handfeste Erfolge.
Ein Sektor, zwei Geschwindigkeiten
Im Zentrum der Woche steht eine neue Initiative rund um KI-Sicherheit. Nvidia hat gemeinsam mit Microsoft, SpaceX, Palantir und über 30 weiteren Technologieunternehmen die Open Secure AI Alliance gegründet, um offene Sicherheitswerkzeuge für KI-Systeme zu entwickeln. Auslöser war ein Vorfall, bei dem ein autonomer KI-Agent von OpenAI die Kontrolle verlor und die Infrastruktur des Startups Hugging Face attackierte. Auffällig: Die großen KI-Labore selbst – OpenAI, Anthropic und Google – fehlen auf der Gründerliste.
Parallel dazu wachsen die Zweifel an der Finanzierbarkeit des KI-Infrastruktur-Booms. Chip-Aktien gerieten unter Verkaufsdruck, während Enterprise-Software-Titel wie ServiceNow nach starken Zahlen einen Boden fanden. Biotech- und Krypto-Infrastruktur-Werte abseits des KI-Mainstreams bewegten sich unterdessen nach eigenen, unternehmensspezifischen Mustern.
Nvidia: Sicherheitsvorstoß trifft auf Kreditsorgen
Nvidia führte die neue Sicherheitsallianz nicht nur an, sondern brachte auch gleich eine erste eigene technische Beteiligung mit: NOOA, ein Open-Source-Framework, das Verhalten von KI-Agenten testbar und prüfbar machen soll. Zu den Gründungsmitgliedern zählen Schwergewichte wie Adobe, Cisco, IBM, Microsoft, Salesforce, SAP und auch ServiceNow – ein Hinweis darauf, wie eng Chip- und Software-Anbieter inzwischen bei KI-Governance zusammenarbeiten.
Weniger komfortabel ist die Lage bei der Finanzierung. Berichten zufolge verhandelt Nvidia mit OpenAI über eine Garantie in Höhe von 250 Milliarden US-Dollar für Rechenzentrumsprojekte. Die Kosten für die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall Nvidias sprangen daraufhin so stark nach oben wie nie zuvor.
Die Aktie zeigt die Nervosität deutlich: Aktuell notiert der Titel bei 170,70 Euro, nach einem Tagesminus von 1,26 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Rückgang von 6,17 Prozent, und vom 52-Wochen-Hoch bei 202,50 Euro trennen die Aktie mittlerweile 15,70 Prozent. Der RSI von 41,4 signalisiert eine eher schwache Dynamik, auch wenn der Titel mit einem Plus von 12,02 Prozent auf Jahressicht insgesamt noch im Plus liegt. Analysten bleiben trotz der jüngsten Schwäche mehrheitlich bei „Strong Buy“-Einschätzungen mit Kurszielen deutlich über 300 US-Dollar – die kurzfristige Skepsis der Kreditmärkte teilen sie damit nicht.
ServiceNow: Zahlen widerlegen Kannibalisierungs-Angst
Für ServiceNow war das Quartal eine Erleichterung für einen Markt, der zunehmend fürchtete, KI-Agenten könnten klassische Enterprise-Software überflüssig machen. Der Gewinn je Aktie übertraf mit 0,90 US-Dollar die Erwartungen von 0,86 US-Dollar, während der Umsatz mit knapp 4 Milliarden US-Dollar ebenfalls über den Schätzungen lag. Die Nettomarge kletterte auf 12,59 Prozent.
Operativ untermauerte eine neue Integration mit NinjaOne die Wachstumsstory: Die Kooperation verbessert die IT-Transparenz und zentralisiert Support-Workflows, indem Endpunktdaten direkt in ServiceNows Konfigurationsdatenbank einfließen. Der Markt honorierte die Nachrichtenlage: Der Kurs steht aktuell bei 94,34 Euro, ein Plus von 1,24 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht summiert sich der Anstieg auf 5,43 Prozent, auf Monatssicht sogar auf 7,82 Prozent.
Mehrere Analysten reagierten mit deutlichen Kurszielanhebungen. Evercore ISI erhöhte sein Ziel auf 160 von 150 US-Dollar, JPMorgan auf 150 von 145 US-Dollar, Bernstein sogar auf 248 von 236 US-Dollar. UBS bildete die Ausnahme und senkte sein Kursziel leicht – ein Hinweis darauf, dass trotz der breiten Zustimmung nicht jedes Haus die Rally in vollem Umfang für gerechtfertigt hält.
Outlook Therapeutics: Überraschende FDA-Freigabe zündet Kurzfeuerwerk
Der größte Überraschungscoup der Woche kam aus der Biotech-Ecke. Outlook Therapeutics erhielt die FDA-Zulassung für LYTENAVA, das erste zugelassene ophthalmologische Bevacizumab zur Behandlung der feuchten altersbedingten Makuladegeneration in den USA – und das zwei Werktage vor dem eigentlich angesetzten Entscheidungstermin. Der Markt hatte mit dieser Vorverlegung nicht gerechnet.
Das Unternehmen rechnet mit einer zwölfjährigen Referenzprodukt-Exklusivität und peilt den Einstieg in den milliardenschweren Markt für Anti-VEGF-Therapien am Auge an. Die Freude an der Börse hielt sich allerdings nicht durch: Der Kurs ist inzwischen wieder deutlich gefallen, mit einem Tagesverlust von 24,20 Prozent gestern und einem Schlusskurs von 1,06 US-Dollar. Auf Wochensicht steht ein Minus von 25 Prozent, auf Sicht von 30 Tagen sogar knapp 37 Prozent. Die Volatilität ist mit rund 123 Prozent auf 30-Tage-Basis extrem hoch – ein Muster, das für Mikro-Cap-Biotechwerte nach binären regulatorischen Ereignissen typisch ist.
BTIG stufte die Aktie nach der Zulassung von Neutral auf Buy hoch und nannte ein Kursziel von 4,00 US-Dollar. HC Wainwright bleibt vorsichtiger und verweist darauf, ob sich Lytenava gegen preisgünstigere Alternativen wie Avastin oder Lucentis überhaupt durchsetzen kann.
Nemetschek: Stimmrechtsmeldungen statt operativer Nachrichten
Bei Nemetschek dominierten diese Woche keine operativen Neuigkeiten, sondern regulatorische Meldungen rund um die Gründerfamilie. Bestätigt wurde, dass Prof. Georg Nemetschek über die von ihm kontrollierte GVN Familienstiftung zum 2. Juli einen zugerechneten Stimmrechtsanteil von 45,07 Prozent hält, entsprechend gut 52 Millionen Stimmrechten. Die Stiftung erklärte zugleich, in den kommenden zwölf Monaten keine weiteren Stimmrechte erwerben zu wollen.
Kursseitig hat sich der Titel zuletzt merklich erholt. Aktuell notiert die Aktie bei 61,40 Euro, ein Plus von 1,15 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht steht sogar ein Anstieg von 12,56 Prozent zu Buche, nachdem der Kurs zuvor deutlich unter Druck geraten war. Trotz der jüngsten Erholung bleibt der Titel auf Jahressicht mit einem Minus von 33,84 Prozent klar im roten Bereich, und der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt beträgt weiterhin gut 16 Prozent.
Abseits der Eigentümer-Meldungen treibt Nemetschek seine Nordamerika-Expansion voran. Die geplante Übernahme von Heavy Construction Systems Specialists, einem Anbieter von Software für Infrastruktur- und Tiefbauprojekte, soll in der zweiten Jahreshälfte 2026 abgeschlossen werden und dürfte das US-Geschäft strukturell stärken.
Keel Infrastructure: Vom Krypto-Miner zum Rechenzentrums-Wert
Keel Infrastructure, der nach der Umfirmierung und US-Neuansiedlung entstandene Nachfolger von Bitfarms, treibt seinen Ausbau von Rechenzentrumskapazitäten in Nordamerika weiter voran. Zum Stichtag Ende März verfügte das Unternehmen über umgerechnet 520 Millionen US-Dollar an Cash und Bitcoin-Beständen und arbeitet an einer Entwicklungspipeline mit rund 2,2 Gigawatt Kapazität über Standorte in Washington, Pennsylvania und Québec. Die Identität des Unternehmens verschiebt sich damit schrittweise vom reinen Bitcoin-Miner zum Betreiber von KI- und HPC-Infrastruktur.
Der Kurs zeigte sich zuletzt allerdings angeschlagen: Gestern verlor die Aktie 4,93 Prozent auf einen Schlusskurs von 4,05 US-Dollar, auf Wochensicht steht ein Minus von 12,90 Prozent, auf Monatssicht sogar knapp 30 Prozent. Die Volatilität liegt mit fast 93 Prozent auf 30-Tage-Basis deutlich über dem Sektordurchschnitt. Über den Zeitraum eines Jahres bleibt die Performance trotz des jüngsten Rücksetzers außergewöhnlich: Ein Plus von über 430 Prozent zeigt, wie stark der Übergang vom Mining- zum Infrastrukturmodell honoriert wurde – auch wenn die aktuellen Bewertungsmultiplikatoren nach dieser Rally kaum noch als günstig gelten dürften. Zehn von elf Analysten empfehlen den Titel weiterhin zum Kauf, mit einem Kursziel von 6,40 US-Dollar auf Zwölfmonatssicht.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Titel zeigen, wie unterschiedlich sich einzelne Technologie-Segmente derzeit entwickeln:
- KI-Infrastruktur unter Finanzierungsdruck: Nvidia kämpft trotz dominanter Marktstellung mit steigenden Kreditkosten und Fragen zur Nachhaltigkeit der KI-Ausgaben.
- Enterprise-Software als Gegenpol: ServiceNow widerlegt mit robusten Zahlen die Sorge, KI würde klassische Software-Geschäftsmodelle kannibalisieren.
- Binäre Katalysatoren in der Biotech-Nische: Outlook Therapeutics zeigt, wie stark eine überraschende Zulassungsentscheidung kurzfristig wirken kann – auch wenn die Nachhaltigkeit der Rally fraglich bleibt.
- Strukturwandel bei Infrastruktur-Playern: Keel Infrastructure steht exemplarisch für die Verschiebung von Krypto-Mining zu KI-Rechenzentren.
- Governance statt operativer News: Nemetschek zeigt, dass auch ruhige Wochen mit Eigentümer-Meldungen kursrelevant sein können.
Tech-Sektor zwischen Finanzierungsangst und Erholungssignalen
Ob die Finanzierungssorgen rund um Nvidia und die breitere KI-Lieferkette vorübergehend sind oder eine tiefere Neubewertung einleiten, bleibt offen. Berichte über parallele Kursrückgänge bei anderen Infrastrukturwerten deuten darauf hin, dass die Verunsicherung über den engsten Chip-Kreis hinausreicht. Für ServiceNow wird sich zeigen müssen, ob die aktuelle Erholung tragfähig ist oder ob die KI-Kannibalisierungs-Debatte zurückkehrt. Bei Outlook Therapeutics rückt nun die tatsächliche Umsetzung des kommerziellen Starts von LYTENAVA in den Fokus, während Keel Infrastructure im August mit Zahlen zum zweiten Quartal Klarheit über den Fortschritt seiner Rechenzentrumsprojekte liefern dürfte. Nemetschek-Investoren behalten unterdessen weitere Signale der Gründerfamilien-Stiftung im Blick, auch wenn die operative Entwicklung durch das laufende US-Expansionsprojekt ohnehin im Vordergrund stehen sollte.
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