Oracle Aktie: 638 Milliarden Backlog, 23,7 Milliarden Cashflow-Loch

Oracles Auftragsbestand erreicht 638 Milliarden Euro, doch hohe Ausgaben belasten den freien Cashflow und drücken den Aktienkurs.

Dieter Jaworski ·
Oracle Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Rekord-Auftragsbestand von 638 Milliarden Euro
  • Investitionsausgaben steigen auf 55,7 Milliarden Euro
  • Freier Cashflow wird negativ
  • Partnerschaft mit OpenAI für Cloud-Credits

Die Dualität des aktuellen Technologiezyklus lässt sich nirgendwo klarer ablesen als an Oracle. Das Unternehmen meldet Zahlen, die zu Zeiten als reiner Datenbankanbieter undenkbar gewesen wären. Der Markt reagiert trotzdem mit Verkäufen. In den vergangenen sieben Tagen hat die Aktie 14,36 Prozent verloren und notiert aktuell bei 158,82 Euro — knapp unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 158,89 Euro. Der Grund für diese Spannung ist so einfach wie unbequem: Die Zukunft ist bereits bestellt, aber die Rechnung kommt jetzt.

Der Auftragsberg und seine Kosten

Am 10. Juni 2026 präsentierte Oracle ein Zahlenwerk, das das Unternehmen endgültig zum Proxy für den gesamten KI-Infrastrukturhandel macht. Der Auftragsbestand an noch nicht realisierten Erlösen — die sogenannten Remaining Performance Obligations — erreichte einen Rekordwert von 638 Milliarden Euro. Das entspricht einem Wachstum von 363 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dieser Berg an zukünftiger Arbeit übersteigt mittlerweile die gesamte Marktkapitalisierung von Oracle, die bei rund 513 Milliarden Euro liegt.

Das Problem: Die Kosten für dieses Wachstum sind früher angekommen als die Gewinne. Im abgelaufenen Geschäftsjahr kletterten die Investitionsausgaben auf 55,7 Milliarden Euro. Das Ergebnis war ein negativer freier Cashflow von 23,7 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass Anleger nervös reagieren.

Für das kommende Geschäftsjahr plant Oracle Gesamtinvestitionen von 95 Milliarden Euro. Zur Finanzierung will das Unternehmen weitere 40 Milliarden Euro über Fremd- und Eigenkapital aufnehmen. Genau diese Ankündigung hat den Kurs auf 43,42 Prozent unter das 52-Wochen-Hoch von 280,70 Euro gedrückt. Der Markt bewertet nicht den Auftragsbestand — er bewertet die Verwässerung und den Zinsaufwand, der damit einhergeht.

KI-Beschaffung neu gedacht

Inmitten dieser finanziellen Turbulenzen verfolgt Oracle eine strategisch kluge Positionierung. Die neu angekündigte Partnerschaft mit OpenAI ist kein reines Produktgeschäft mehr — sie ist ein Vertriebsmodell. Kunden können ihre bestehenden Oracle Universal Credits nutzen, um direkt auf OpenAI-Modelle zuzugreifen, darunter GPT-5.5 und Codex. Oracle beseitigt damit die Beschaffungshürden, die große Unternehmen typischerweise bei der KI-Einführung bremsen.

Das Ziel: ungenutzte Cloud-Credits in aktive KI-Rechenkapazität umwandeln. Das Cloud-Infrastrukturgeschäft OCI wächst bereits mit 93 Prozent und erzielte im letzten Quartal 5,8 Milliarden Euro Umsatz. Der Markt schaut derzeit aber weniger auf diese Wachstumszahlen als auf die Frage, wie teuer die Rechenzentren werden, in denen diese Modelle laufen sollen.

Technische Stabilisierung — oder längere Wartezeit?

Technisch versucht die Aktie, nach einem volatilen Halbjahr Boden zu finden. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 69,75 Prozent, der RSI bei 42,1 — kein überkauftes Niveau, aber auch kein klares Kaufsignal. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 176,66 Euro beträgt noch immer rund zehn Prozent.

Reicht der Auftragsbestand allein, um das Vertrauen zurückzugewinnen — oder braucht Oracle dafür erst konkrete Cashflow-Verbesserungen im laufenden Geschäftsjahr? Das professionelle Konsens-Kursziel liegt bei 220,58 Euro, was einem Aufwärtspotenzial von knapp 39 Prozent entspricht. Dieser Optimismus setzt voraus, dass Oracle seinen 638-Milliarden-Backlog in tatsächlich gebuchte Erlöse überführt, ohne die Bilanz weiter zu belasten.

Oracle ist damit zur reinsten Wette auf die physische Realität des KI-Booms geworden: Die Nachfrage existiert zweifellos. Aber der Preis für den Bau der „Fabriken“, die diese Nachfrage bedienen sollen, testet gerade die Geduld selbst überzeugter Investoren. Wer die nächste Quartalsmeldung abwartet, bekommt spätestens dann Klarheit darüber, ob der Cashflow-Tiefpunkt bereits hinter Oracle liegt.

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Oracle Aktie

157,30 EUR

– 1,20 EUR -0,76 %
KGV 31,52
Sektor Technologie
Div.-Rendite 0,00 %
Marktkapitalisierung 529,48 Mrd. EUR
ISIN: US68389X1054 WKN: 871460

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