Oracle-Aktie: Überverkauft am Tiefpunkt?

Oracle-Aktie notiert nahe Jahrestief, Analysten sehen trotz Schuldenlast Kurspotenzial von rund 95 Prozent.

Eduard Altmann ·
Oracle Aktie

Kurz zusammengefasst

  • RSI von 25,7 signalisiert Überverkauf
  • Kurs 60 Prozent unter September-Hoch
  • Analysten sehen 95 Prozent Kurspotenzial
  • Free Cashflow Defizit belastet Bewertung

Ein RSI von 25,7. Ein Kurs nur 1,13 Prozent über dem 52-Wochen-Tief. Oracle liefert derzeit ein Lehrbuchbeispiel für eine technisch überverkaufte Aktie — die Frage ist nur, ob das etwas bedeutet.

Am Dienstag verlor die Aktie 2,59 Prozent und rutschte auf 112,84 Euro. Damit steht Oracle 59,80 Prozent unter dem September-Hoch von 280,70 Euro. Binnen 30 Tagen hat das Papier rund ein Drittel seines Wertes eingebüßt.

Die entscheidende Frage

Im Kern geht es um eine einzige Spannung: Kann Oracle seinen gewaltigen Auftragsbestand schnell genug in echten Cashflow verwandeln? Nur so ließe sich die Schuldenlast rechtfertigen, mit der der Konzern seine KI-Infrastruktur finanziert. Beschleunigt sich diese Umwandlung von Backlog zu Cash, spricht das für einen Boden. Stockt sie weiter, könnte der aktuelle Ausverkauf erst der Anfang sein.

Das bullische Szenario: Vertrauen trotz Tiefstkurs

Für die Bullen zählt vor allem die Nachfrage — die auf dem Papier robust bleibt. Hinzu kommt ein prominentes Signal: William Blair nahm Oracle just in der aktuellen Schwächephase neu in seine Top-Empfehlungsliste auf.

Das Timing ist bemerkenswert. Die Bank hätte auch vor dem Ausverkauf einsteigen können. Sie tat es mitten im Tief — ein Hinweis darauf, dass zumindest ein Teil der Analystenzunft den Kursrückgang von den fundamentalen Nachfragetrends abgekoppelt sieht.

Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 219,87 Euro. Das entspräche einem theoretischen Kurspotenzial von rund 94,9 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Schließt sich diese Lücke durch steigende Kurse statt durch gesenkte Kursziele, hätte der Markt mehr Pessimismus eingepreist, als die Fundamentaldaten aktuell rechtfertigen.

Das bärische Szenario: Kapitalbindung und Cash-Verbrauch

Das Gegenargument ist ebenso konkret. Es dreht sich um die Kapitalintensität des Oracle-Ausbaus im KI-Geschäft. Analysten von Melius Research bringen es auf den Punkt: Es sei schwer abzuschätzen, ob Oracle seinen Investitionsplan halten kann, falls zusätzliches Geschäft von Kunden wie OpenAI oder Anthropic hinzukommt. Zudem dürften Wettbewerber ihre Ausgaben kaum drosseln — im Gegenteil, sie könnten eine Investitionspause bei Oracle nutzen, um Marktanteile zu gewinnen.

Diese Warnung trifft den Kern des Problems. Oracle hat sich auf einen bestimmten Investitionspfad festgelegt. Die Nachfrage der KI-Entwickler ist aber unberechenbar, und die Konkurrenz gibt Oracle kaum Spielraum für eine Kurskorrektur.

Die Zahlen zeigen das Risiko bereits deutlich. Die höheren Investitionsausgaben im Geschäftsjahr 2026 haben das Freecashflow-Defizit auf 23,7 Milliarden Dollar vertieft. Im Vorjahr lag das Defizit noch bei lediglich 394 Millionen Dollar.

Für das laufende Geschäftsjahr plant Oracle Nettoinvestitionen von rund 70 Milliarden Dollar, um den Ausbau von KI-Rechenzentren für Kunden wie OpenAI zu beschleunigen. Finanziert werden soll das über weitere 40 Milliarden Dollar an Fremd- und Eigenkapital — darunter eine bereits angekündigte Aktienausgabe im Volumen von 20 Milliarden Dollar. Diese Eigenkapitalkomponente hält die Verwässerungssorgen der Anleger lebendig, während der Schuldenanteil der Finanzierung immerhin fixiert bleibt.

Verschärfend kommt hinzu: Oracle fehlen die üppigen operativen Cashflows, mit denen andere Tech-Konzerne ihre Investitionen stemmen. Der Konzern muss also Barreserven aufbrauchen und Schuldtitel platzieren — ausgerechnet während das klassische Software-Geschäft unter Druck der eigenen KI-Tools steht, die Oracle über seine Cloud künftig selbst anbieten will.

Ausblick

Solange Oracle beim Cloud- und OCI-Umsatzwachstum mit den eigenen Investitionszusagen mithält, könnte die aktuelle Überverkauft-Lage taktische Käufer anziehen. Ein RSI von 25,7 und ein Kurs knapp über dem Jahrestief laden zu einer Erholungswette in Richtung des 50-Tage-Durchschnitts bei 156,99 Euro ein.

Weitet sich das Freecashflow-Defizit in den kommenden Quartalen dagegen weiter aus, ohne dass sich der 70-Milliarden-Dollar-Investitionsplan in verbuchten Umsätzen niederschlägt, dürfte die Aktie in der Nähe ihrer Tiefs verharren. Das Gleiche gilt, falls der Eigenkapitalanteil der Finanzierung über die bereits angekündigten 20 Milliarden Dollar hinauswächst — unabhängig von Backlog-Schlagzeilen oder vereinzelten Analysten-Empfehlungen.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der kommende Quartalsbericht von Oracle. Dort wird sich zeigen, ob die aktualisierte Prognose zu Cloud-Wachstum und Investitionsdisziplin die bullische Umwandlungsthese bestätigt — oder die Skepsis des Marktes gegenüber Oracles kapitalintensiver KI-Strategie weiter untermauert.

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Oracle Aktie

113,44 EUR

– 6,10 EUR -5,10 %
KGV 24,08
Sektor Technologie
Div.-Rendite 1,39 %
Marktkapitalisierung 405,11 Mrd. EUR
ISIN: US68389X1054 WKN: 871460

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