Oracle Aktie: Wie teuer wird es, wenn Stromengpässe den Ausbau bremsen?
Das Datenbankgeschäft stützt Oracles Bewertung, während Stromversorgung, Infrastrukturkosten und künftiger Cashflow zentrale Risiken bleiben.

Kurz zusammengefasst
- Positiver Cashflow als Ziel für 2028
- Finanzierung begrenzt Kapitalaufnahmen auf 20 Milliarden Dollar
- Cloud- und Softwaremarge sank auf 55 Prozent
- Mindestens 30 Milliarden Dollar Cashflow für 2029 in Aussicht
Oracle will in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres 2028 wieder einen positiven freien Cashflow erreichen. Der am Investorentag vorgestellte Finanzierungspfad macht den Weg dorthin überprüfbarer; Baukosten und Kapazitätsausbau bleiben entscheidende Größen. Eduard Altmann richtet seinen Blick darauf, welche Verluste entstehen können, wenn Finanzierung und wirtschaftlicher Ertrag auseinanderlaufen.

Oracle (US68389X1054) — Schlusskurse 11.05.2026 bis 05.11.2026, Angaben in EUR. Stand: 05.11.2026.
Stock World Redaktion: Der Analysten-Konsens sieht erheblichen Bewertungsspielraum. Warum stellen Sie das Verlustrisiko so weit nach vorn – was unterschätzt diese Zuversicht?
Eduard Altmann: Im ungünstigen Fall stehen die Rechenzentren bereit, während der freie Mittelzufluss hinter den Erwartungen bleibt. Stromengpässe können die Nutzung verzögern, hohe Baukosten die spätere Rendite drücken. Für Aktionäre wird das teuer, wenn zusätzliche Zinsen und weitere Verwässerung einen größeren Teil der künftigen Erträge beanspruchen.
Die abgeschlossene Finanzierung verringert zunächst den Druck, kurzfristig Geld beschaffen zu müssen. Die angekündigte Begrenzung zusätzlicher Kapitalaufnahmen auf 20 Milliarden Dollar nimmt allerdings Refinanzierungen bestehender Schulden ausdrücklich aus. Eine vollständige Obergrenze sämtlicher Finanzierungsbelastungen ist damit nicht gesetzt.
Ich sehe durchaus erhebliches Potenzial. Mir ist nur die Reihenfolge wichtig: Erst muss die Verlustseite tragbar sein. Ein großes Auftragsbuch erledigt diese Prüfung nicht.
Stock World Redaktion: Welche wirtschaftliche Substanz trägt dann Ihre positive Einschätzung der Bewertung?
Eduard Altmann: Das bestehende Datenbankgeschäft gibt Oracle einen belastbaren Sockel. Kunden müssen bei einem Wechsel tief verknüpfte Anwendungen und Betriebsabläufe anfassen. Das macht die Erträge widerstandsfähiger, als es der Blick allein auf den KI-Ausbau vermuten lässt.
Der Bewertungsabschlag ist für mich substanziell. Damit daraus eine überzeugende Chance wird, muss Oracle den angekündigten positiven freien Cashflow in der zweiten Hälfte des Geschäftsjahres 2028 tatsächlich erreichen. Das ist ein Managementziel, kein bereits verdienter Ertrag.
Die KI-Nachfrage kommt Oracle von außen entgegen. Ob die neuen Kapazitäten wirtschaftlich genutzt werden und nach den Investitionen ausreichend Geld übrig bleibt, ist die eigene Bewährungsprobe. Darauf beruht meine vorsichtig positive Einschätzung.
Stock World Redaktion: „Der Bewertungsabschlag ist für mich substanziell“, sagen Sie. Sie stützen sich dabei auf die Kundenbindung im Datenbankgeschäft, obwohl das neue Geld in Rechenkapazität fließt. Übertragen Sie da nicht genau den Schutz, dessen Übertragbarkeit Sie bezweifeln?
Eduard Altmann: Die Kundenbindung sichert vor allem das bestehende Geschäft. Für allgemeine Rechenkapazität unterstelle ich diesen Schutz ausdrücklich nicht. Kunden können Angebote vergleichen; ein dauerhafter Kostenvorteil von Oracle ist dort bislang nicht belegt.
Deshalb gehört das Infrastrukturgeschäft mit einem erheblichen Risikoabschlag in die Bewertung. Im Quartal bis zum 31. August 2026 sank die ausgewiesene Segmentmarge für Cloud und Software von 60 auf 55 Prozent. Höhere Infrastrukturkosten belasteten sie. Das ist eine Segmentkennzahl, keine konzernweite Bruttomarge.
Das alte Geschäft trägt einen Teil der Bewertung. Den Erfolg des neuen Ausbaus bezahlt es wirtschaftlich nicht automatisch mit. Meine positive Einschätzung hängt entsprechend stark daran, dass Oracle den Investitionsbedarf später tatsächlich zurückführen kann.
Stock World Redaktion: Nach dem berichteten Rückzug aus dem Tencent-Vertrag wirkt Oracle gegenüber politischem Druck wenig durchsetzungsstark. Spricht das nicht gegen Ihre Zuversicht?
Eduard Altmann: Ich werte den Rückzug eher als Bereitschaft, auf ein Geschäft zu verzichten, dessen Bedingungen unsicher geworden sind. Um jeden Preis daran festzuhalten, wäre für mich die größere Schwäche. Der politische Druck bleibt trotzdem ein Problem.
Stock World Redaktion: Wie teuer wird Ihr Irrtum, wenn Stromengpässe den Ausbau verzögern und die neuen Kapazitäten später Geld verdienen als geplant?
Eduard Altmann: Dann trifft es die Aktionäre doppelt: Die laufenden Belastungen bleiben, während die erhofften Mittelzuflüsse warten lassen. Eine weitere Finanzierung könnte den Verlust zusätzlich verschärfen. Der Schaden wäre wirtschaftlich dauerhaft, soweit Zinsen und Verwässerung künftige Erträge je Aktie aufzehren.
Ungeschönt: Meine Rechnung kippt, wenn Oracle den Ausbau nur mit anhaltend hohen Investitionen aufrechterhalten kann und der angekündigte Rückgang der Ausgaben ausbleibt. Besonders kritisch wäre, wenn selbst die wachsende Nutzung der Rechenzentren keinen ausreichenden freien Cashflow hervorbrächte.
Das Management stellt für das Geschäftsjahr 2029 mindestens 30 Milliarden Dollar freien Cashflow in Aussicht. Verfehlt Oracle diesen Weg wegen dauerhaft schwacher Wirtschaftlichkeit deutlich, wäre meine heutige Bewertung zu großzügig. Eine bloße Verzögerung und ein unzureichender Ertrag sind dabei sehr unterschiedlich teuer.
Stock World Redaktion: Sie haben die zweite Hälfte des Geschäftsjahres 2028 als Termin für den positiven freien Cashflow genannt. Welche Entscheidung folgt daraus für Ihr Gesamturteil: Überwiegt heute die Chance aus dem Bewertungsabschlag oder das Verlustrisiko?
Eduard Altmann: Für mich überwiegt heute die Chance aus dem Bewertungsabschlag. Das bestehende Datenbankgeschäft trägt genug Substanz, um Oracle mehr zuzutrauen als einem reinen Infrastrukturprojekt. Der entscheidende Vorbehalt bleibt die Wirtschaftlichkeit des Ausbaus; die gesicherte Finanzierung allein rechtfertigt meine Zuversicht nicht. Oracle muss den angekündigten freien Cashflow liefern.
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