Orcels Wunschchef, Berlins Bedingungen: Was bleibt Commerzbank-Aktionären?
RBC senkt das Commerzbank-Kursziel, während Berlin strengere Übernahmeregeln prüft und Rüstungswerte unterschiedlich bewertet werden.

Kurz zusammengefasst
- RBC reduziert Commerzbank-Kursziel auf 40 Euro
- Berlin prüft strengere Regeln für Übernahmen
- Bank of America stuft Renk herab
- Hensoldt erhält höhere Kursziele und Kaufvoten
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
die Übernahme der Commerzbank ist faktisch entschieden. Jetzt geht es nur noch um Posten, Preise und Gesetze. UniCredit hält knapp 50 Prozent des Kapitals und wartet allein auf die Freigabe der EZB. In dieser Woche sind drei Dinge sichtbar geworden: ein Kandidat für die Chefetage, eine Abstufung durch RBC und ein Berliner Plan, das Übernahmerecht zu verschärfen.
Dazu kam eine unruhige Börsenwoche. Der DAX fiel am Donnerstag erstmals seit Juli unter 25.000 Punkte. Am Freitag holte er die Marke zurück, weil nur 29.000 neue US-Stellen die Zinsangst dämpften und die G7 Ölreserven freigaben.
Commerzbank: Der Übergang wird organisiert
Andrea Orcel plant bereits die Zeit nach der Übernahme. Michael Diederich, früher Chef der HypoVereinsbank und heute bei der Deutschen Bank, gilt seit Donnerstag als Wunschkandidat des UniCredit-Chefs für die Nachfolge von Bettina Orlopp. Das berichteten Handelsblatt und Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf Insider.
Laut Milano Finanza könnte UniCredit nach den Genehmigungen im Januar 2027 eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen und die zehn Aktionärsvertreter im Aufsichtsrat vorzeitig austauschen. Der Betriebsrat warnt genau davor, zeigt sich aber verhandlungsbereit. Der Integrationsplan sieht rund 7.000 freiwillige Austritte binnen fünf Jahren vor.
Die Bundesregierung hält noch 12,7 Prozent und verhandelt intensiv mit UniCredit. Sie will Sitz und Börsennotierung in Frankfurt sichern. Im Gegenzug könnte Berlin eine Fusion von HVB und Commerzbank begünstigen. Diese brächte UniCredit laut Corriere della Sera Kapitaleinsparungen von rund 4 Milliarden Euro und Synergien von 1,2 bis 2 Milliarden Euro. Die EZB-Freigabe für eine Beteiligung über 30 Prozent wird bis Ende Oktober erwartet.
Für Aktionäre wird die Lage damit komplizierter. RBC stufte die Commerzbank am Freitag von Outperform auf Sector Perform ab und senkte das Kursziel von 43 auf 40 Euro. Die Begründung: Die UniCredit-Pläne erhöhen das Umsetzungsrisiko. RBC setzt deshalb die Eigenkapitalkosten der Commerzbank von 11 auf 12 Prozent hoch.
Die Commerzbank-Aktie schloss am Freitag bei 39,08 Euro, knapp unter dem neuen Ziel und ein Stück unter dem Jahreshoch von 43,34 Euro vom 16. September. Die UniCredit-Aktie bewertet RBC mit Sector Perform und Ziel 90 Euro, sie beendete die Woche bei 78,82 Euro.
Berlin zieht derweil Konsequenzen für künftige Fälle. Laut Bloomberg prüft das Finanzministerium ein zweites Pflichtangebot ab 50 Prozent und schärfere Meldepflichten beim Aufbau von Beteiligungen über Derivate. Das Tauschangebot von UniCredit lag mit 34,35 Euro je Aktie nur 0,3 Prozent über dem gesetzlichen Mindestpreis.
Diese Lücke will Berlin schließen, allerdings zu spät für diesen Fall. Wer Commerzbank hält, muss sich fragen, ob die Übernahmefantasie noch trägt. Möglicherweise hängt der Kurs künftig vor allem an den Integrationskosten und am Erfolg einer HVB-Fusion.
Rüstung: Elektronik schlägt Getriebe
Die Zeit, in der der Markt jede Rüstungsaktie gleich bezahlte, ist vorbei. Die Bank of America hat am Donnerstag europäische Rüstungswerte neu bewertet, und das Ergebnis ist eine klare Trennung. Begünstigt werden Sensorik und Luftverteidigung, belastet werden Komponentenhersteller. Renk verlor das Kaufvotum, das Kursziel fiel von 62,50 auf 42,50 Euro.
Analyst Holmes hält die geplante Produktion von 1.800 bis 2.000 Antriebssträngen im Jahr 2030 für nicht nachhaltig, verglichen mit 700 Systemen in diesem Jahr. Renk markierte am Donnerstag mit 36,20 Euro ein 52-Wochen-Tief und erholte sich am Freitag auf 37,44 Euro. Auf Jahressicht steht die Renk-Aktie 57 Prozent im Minus.
Hensoldt ist der Gewinner der Studie. Die Bank of America hob das Kursziel auf 94 Euro, bestätigte Buy und nahm die Aktie in ihre Best-Ideas-Liste für Nebenwerte auf. Am Freitag folgte Kepler Cheuvreux mit einer Kaufempfehlung und Ziel 90 Euro.
Analyst Poulain erwartet übertroffene Quartalsziele und eine Prognoseerhöhung für 2026, dazu beschleunigte Aufträge im vierten Quartal und den Kapitalmarkttag im November. Hensoldt schloss am Freitag bei 79,38 Euro, legte binnen einer Woche zu und notiert im Jahr 2026 gut 8 Prozent im Plus. Billig ist das nicht: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2026 wird auf 51 geschätzt.
Rheinmetall steht dazwischen. Rheinmetall beendete die Woche bei 959,80 Euro und notiert damit 51 Prozent unter dem Stand vor zwölf Monaten, das 52-Wochen-Hoch lag bei 2.007 Euro. Berenberg bleibt bei Buy mit Ziel 1.600 Euro, Bernstein bei Outperform mit Ziel 1.900 Euro. Die Bank of America stufte zugleich Saab auf Buy hoch, mit Ziel 720 Kronen, umgerechnet rund 63,70 Euro.
Rückenwind liefert ein polnischer U-Boot-Auftrag über 47 Milliarden Kronen oder etwa 4,2 Milliarden Euro. Dassault Aviation stieg ebenfalls auf Buy, das Ziel ging von 345 auf 360 Euro. Die Lehre dieser Woche: Der Markt unterscheidet jetzt zwischen Systemhäusern mit Elektronik und Zulieferern, deren Kapazitätsausbau an einen Nachfragegipfel stoßen könnte.
Diese Vorliebe des Marktes für Elektronik statt Mechanik zeigt sich gerade auch an einer viel größeren Front: dem globalen Halbleiter-Boom. McKinsey rechnet damit, dass die Chipbranche bis 2030 die Marke von einer Billion Dollar Jahresumsatz knackt, getrieben von KI-Chips in Autos, Fabriken und Rechenzentren. Felix Baarz zeigt im Live-Webinar „Der 1 Billion Dollar Chip“ morgen um 18:00 Uhr, an welchen vier Stellen dieser Investitionszyklus zwingend vorbeimuss und welche vier Unternehmen dort sitzen. Hintergrund ist die aktuelle Dynamik: Micron meldete diese Woche über 54 Milliarden Dollar Umsatz in nur einem Quartal. Am Ende der Sendung gibt es den Spezialreport mit allen vier Namen und WKN kostenlos dazu. Jetzt zum Webinar „Der 1 Billion Dollar Chip“ anmelden
Chemie und Stahl: Der Aufschwung kommt aus der Not
Die deutsche Chemieindustrie dreht ins Positive, aber aus fragwürdigen Gründen. Das ifo-Geschäftsklima der Branche stieg im September auf 5,5 Punkte, nach minus 2,6 im August. Die Erwartungen sprangen von minus 15,0 auf plus 2,3 Punkte.
Treiber sind Auslandsaufträge, Staatsausgaben für Verteidigung und Infrastruktur sowie Lieferausfälle im Nahen Osten und Asien infolge des Iran-Kriegs. Das ifo nennt die Erholung fragil, der Auftragsbestand bleibt sehr niedrig, der Personalabbau geht weiter.
An der Börse profitiert Evonik am stärksten. Evonik lehnte in dieser Woche eine unverbindliche BASF-Offerte von rund 22,15 Euro je Aktie ab. Die Evonik-Aktie gewann über zehn Prozent und markierte am Freitag mit 20,74 Euro ein 52-Wochen-Hoch. BASF und Evonik haben ihre Gewinnprognosen bereits angehoben. Dass Evonik ein Angebot oberhalb des eigenen Kurses ausschlägt, zeigt, wie viel Konsolidierungsprämie der Markt der Branche inzwischen zutraut.
Auch Thyssenkrupp arbeitet an einer Neubewertung. Die Stahlsparte Steel Europe will mittelfristig mindestens 1,2 Milliarden Euro bereinigtes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen erreichen. Eigene Maßnahmen sollen das operative Ergebnis um mehr als 800 Millionen Euro verbessern.
Das Thyssenkrupp-Management hatte die Ziele am 28. September beim Kapitalmarkttag in London konkretisiert. Für Anleger zählt hier weniger die Konjunktur als die Selbsthilfe: Ein großer Teil des Umbaus liegt in der Hand des Konzerns.
Konsum: Nike schrumpft, Lindt kappt, Deutschland spart
Die Konsumschwäche erfasst inzwischen alle Preisklassen. Nike meldete in der Nacht zum Freitag einen Quartalsumsatz von 11,2 Milliarden Dollar, ein Minus von 4 Prozent. Für das Geschäftsjahr erwartet Nike einen Umsatzrückgang im hohen einstelligen Prozentbereich. Die in Frankfurt gehandelte Nike-Aktie fiel am Freitag auf ein 52-Wochen-Tief und schloss 3,6 Prozent tiefer bei 30,10 Euro. Adidas hielt sich dagegen mit 144,25 Euro stabil im Plus.
Lindt senkte das Wachstumsziel für 2026 auf 0 bis 2 Prozent und verlor auf Wochensicht knapp 12 Prozent. In Deutschland sank das HDE-Konsumbarometer für Oktober auf 93,51 Punkte, die Einzelhandelsumsätze lagen im August real 0,4 Prozent unter dem Vorjahr.
Dazu kommt ein Richterspruch: Der Bundesgerichtshof kippte am Freitag die Amazon-Prime-Preiserhöhung von 2022, damals von 69 auf 89,90 Euro im Jahr. Wer Konsumwerte hält, braucht Marken mit Preismacht oder eine Sanierungsgeschichte, denn bei 3,3 Prozent deutscher Inflation kommt das Volumen nicht zurück.
Autos: Blume legt die Arbeitszeit auf den Tisch
Bei Volkswagen geht es jetzt an die Substanz der Tarifwelt. Auf die Kündigung von zehn Tarifverträgen folgt der nächste Schritt. Konzernchef Blume erwägt längere Wochenarbeitszeiten ohne Lohnausgleich oder weniger Urlaub für rund 130.000 Beschäftigte.
Eine 40-Stunden-Woche entspräche 14,3 Prozent Mehrarbeit, die IG Metall verteidigt die 35 Stunden und fordert 5 Prozent mehr Geld. Nach der Gewinnwarnung im September rechnet Volkswagen laut Branchenexpertin Wisbert nur noch mit rund 1 Prozent operativer Umsatzrendite. Die VW-Aktie markierte am Freitag mit 67,22 Euro ein 52-Wochen-Tief und steht im Jahr 2026 35 Prozent im Minus.
Volvo Cars senkte am Freitag die Jahresziele für Absatz und Cashflow wegen der China-Schwäche und verlor 7,4 Prozent. Am Mittwoch, dem 7. Oktober, startet zudem die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie für 3,7 Millionen Beschäftigte. Damit liegt der Lohnkonflikt bald nicht mehr nur in Wolfsburg auf dem Tisch.
Unterm Strich
Diese Woche hat der Markt Klarheit bezahlt und Umsetzungsrisiken bestraft, bei Renk, bei Volkswagen und nun auch bei der Commerzbank. Die kommende Woche liefert Prüfsteine für fast jedes Thema dieser Ausgabe. Am Montag hält die Deutsche Telekom ihren KI-Investorentag, am Mittwoch lädt die Porsche AG zum Kapitalmarkttag, am selben Abend um 20 Uhr erscheint das Fed-Protokoll.
Am Donnerstag folgen das EZB-Protokoll und die Herbstprojektion der Bundesregierung, die das Wachstum 2026 auf 1,3 Prozent anheben dürfte. Bis Ende Oktober entscheidet die EZB über die Kontrolle von UniCredit bei der Commerzbank. Danach wird aus der Übernahmestory eine Integrationsstory, und die wird an Kosten gemessen statt an Fantasie.
Genießen Sie den Rest dieses Feiertagswochenendes, ab Montag wird wieder gerechnet.
Beste Grüße,
Ihr Eduard Altmann
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