Pharma-Aktien: Milliardenspritze für Abivax, Rossmann fordert Redcare heraus

Abivax sichert sich 920 Millionen Dollar für US-Markteintritt, während Rossmann den Wettbewerb mit Redcare Pharmacy verschärft. Sellas, Gerresheimer und Carl Zeiss Meditec zeigen gemischte Signale.

Felix Baarz ·
Sellas Life Sciences Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Abivax sammelt 920 Millionen Dollar ein
  • Rossmann kündigt E-Rezept-Plattform an
  • Sellas-Aktie fällt trotz positiver Analystenstimmen
  • Carl Zeiss Meditec zeigt erste Erholungstendenzen

Ein französischer Biotech-Wert holt sich fast eine Milliarde Dollar frisches Kapital, ein deutscher Drogerie-Riese kündigt den Frontalangriff auf die größte Online-Apotheke Europas an, und ein Medizintechnik-Konzern zeigt erste Lebenszeichen nach drei verlorenen Jahren. Der Pharma- und Biotech-Sektor bietet aktuell ein Bild extremer Gegensätze. Während spekulative Fantasie und harte Wettbewerbsrealität aufeinanderprallen, sortieren sich die Rollen im Sektor neu.

Sektorüberblick: Kapitalpolster gegen Wettbewerbsdruck

Fünf Namen, fünf völlig unterschiedliche Geschichten. Abivax hat sich mit einer der größten Biotech-Finanzierungen des Jahres finanziell für Jahre abgesichert. Sellas Life Sciences lebt weiter von der Spannung vor einem entscheidenden Studienergebnis. Redcare Pharmacy kämpft plötzlich gegen einen mächtigen neuen Rivalen aus dem eigenen Land. Gerresheimer nutzte die Woche eher für Imagepflege als für operative Nachrichten. Carl Zeiss Meditec schließlich zeigt nach einem brutalen Jahr erste technische Erholungssignale, auch wenn die Analystenmeinungen weit auseinandergehen.

Sellas Life Sciences: Meme-Rally trifft auf Studien-Countdown

Kaum eine Aktie im Sektor hat zuletzt so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie Sellas. Im Zentrum steht die Phase-3-Studie REGAL zum Wirkstoff Galinpepimut-S, bei der bereits 78 der insgesamt entscheidenden Ereignisse eingetreten sind. Das 80. Ereignis würde die Datenbank sperren und den Weg für die finale Auswertung freimachen. Parallel treibt der CDK9-Hemmer SLS009 in der Leukämie-Behandlung die klinische Pipeline voran.

Am Freitag rutschte die Aktie um 4,64 Prozent auf 11,30 Euro ab, nachdem sie zuvor bereits einen Teil ihrer Gewinne der vergangenen Woche abgegeben hatte. Der langfristige Trend bleibt davon unberührt: Auf Monatssicht steht ein Plus von rund 82 Prozent zu Buche, über zwölf Monate hat sich der Kurs mehr als versiebenfacht.

Bemerkenswert ist die Begründung hinter der jüngsten Analystenreaktion. Alliance-Global-Analyst James Molloy hob sein Kursziel Anfang Juli von 10 auf 25 Dollar an und beließ die Kaufempfehlung. Seine Logik: Die Verzögerung bei den finalen Studienergebnissen deutet für ihn darauf hin, dass Patienten länger überleben als ursprünglich erwartet – ein Umstand, der eigentlich für das Medikament spricht, auch wenn er die Datenveröffentlichung hinauszögert. Finanziell verschafft sich Sellas mit einer Barreserve von gut 107 Millionen Dollar und einem noch ungenutzten ATM-Programm über bis zu 150 Millionen Dollar zusätzlichen Spielraum bis zum Datenlock.

Abivax: 920 Millionen Dollar für den Alleingang in den USA

Die größte Finanzierungsgeschichte des Sommers im Sektor kommt aus Frankreich. Abivax hat nach vollständiger Ausübung der Mehrzuteilungsoption durch die Konsortialbanken insgesamt 920 Millionen Dollar eingesammelt. Die Aktien wurden zu 125 Dollar je American Depositary Share platziert, was netto rund 874 Millionen Dollar in die Kassen spülte. Das Unternehmen wird an der Börse inzwischen mit knapp 11 Milliarden Euro bewertet.

CEO Marc de Garidel machte gegenüber CNBC deutlich, was die frische Liquidität strategisch bedeutet: Das Kapital reiche bis Ende 2029 und erlaube den Aufbau einer eigenen Infrastruktur für den US-Marktstart. Statt sich einen Partner aus der Großindustrie zu suchen, will Abivax sein Mittel Obefazimod künftig selbst kommerzialisieren. Übernahmespekulationen sind trotzdem nicht verstummt – manche Modelle sehen einen möglichen Kaufpreis von bis zu 23 Milliarden Dollar, sollte ein Immunologie-Konzern zugreifen wollen. De Garidel gab sich kämpferisch und erklärte, die beste Verteidigung sei der eigene Angriff.

Der Raise folgt auf turbulente Wochen: Nach einem früheren Studienupdate, das sieben Krebsdiagnosen innerhalb der Studienpopulation offenlegte, war die Aktie zeitweise um bis zu 40 Prozent eingebrochen und Jefferies stufte den Titel herab. Ergänzende Daten zeigten anschließend, dass die Fallzahlen im Rahmen der für diese Patientengruppe erwarteten Hintergrundrate lagen, was den Kurs weitgehend wiederherstellte. Über zwölf Monate steht nun ein Plus von mehr als 1.600 Prozent zu Buche. Ende Juli steht ein Pre-NDA-Treffen mit der US-Arzneimittelbehörde an, das über den weiteren Zulassungsfahrplan entscheidet. Das zuletzt bekannte Analystenkursziel liegt bei 130 Euro, verbunden mit einer Kaufempfehlung.

Gerresheimer: Nachhaltigkeitsbericht statt operativer Befreiungsschlag

Während andere Sektor-Namen von Studienergebnissen oder Übernahmefantasie leben, setzte Gerresheimer diese Woche auf ein anderes Signal. Der Düsseldorfer Verpackungs- und Drug-Delivery-Spezialist veröffentlichte erstmals einen eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht nach den Vorgaben der europäischen CSRD-Richtlinie. CFO Wolf Lehmann betonte, man habe zentrale Nachhaltigkeitskennzahlen trotz eines herausfordernden Geschäftsjahres 2025 deutlich verbessert.

Konkret sanken die Scope-1- und Scope-2-Emissionen um 31 Prozent gegenüber dem Basisjahr 2019, während der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix auf 54 Prozent stieg. Das Rating von EcoVadis verbesserte sich von 76 auf 78 von 100 möglichen Punkten – genug, um das Unternehmen unter die besten vier Prozent aller bewerteten Firmen und das beste Prozent der eigenen Branche zu heben.

Für die Kursentwicklung dürften solche Meldungen kurzfristig kaum den Ausschlag geben. Am Freitag gab die Aktie um 1,86 Prozent auf 28,50 Euro nach, nachdem sie sich zuvor über 30 Tage um mehr als 15 Prozent erholt hatte. Der Vergleich zum Vorjahr bleibt aber ernüchternd: Über zwölf Monate steht ein Kursverlust von gut 43 Prozent zu Buche, ein Erbe der operativen und bilanziellen Baustellen, die den Titel seit Monaten belasten.

Redcare Pharmacy: Rossmann greift an, Analysten bleiben gelassen

Redcare Pharmacy zählte zuletzt zu den auffälligsten Erholungsgeschichten im Sektor – bis diese Woche eine neue Unsicherheit hinzukam. Drogeriekette Rossmann kündigte an, mit einer eigenen Plattform für verschreibungspflichtige Medikamente noch bis Ende 2026 in den Markt einzusteigen, samt direkter Integration von E-Rezepten. Der Angriff nutzt gezielt die enorme Markenbekanntheit des Rivalen.

Der Markt reagierte prompt: Die Aktie fiel am Freitag um 3,75 Prozent auf 61,65 Euro, auf Wochensicht summiert sich der Verlust auf fast 13 Prozent. Felix Dennl von Bankhaus Metzler hielt dagegen und verwies auf die etablierte Logistikinfrastruktur und die Markenstärke von Shop Apotheke – ein neuer Wettbewerber brauche erhebliche Zeit und Investitionen, um ernsthaft aufzuschließen.

Regulatorisch bekommt das Online-Apotheken-Modell derweil Rückenwind. Die Gematik veröffentlichte einen Entwurf, der die Einlösung von E-Rezepten per App drastisch vereinfachen soll – künftig ohne die bislang nötige PIN, direkt über Anwendungen wie die von Redcare. Auch bei den Bewertungen überwiegt weiterhin Zuversicht: Sieben von acht Analysten empfehlen den Titel zum Kauf, im Schnitt bei einem Kursziel von 86,00 Euro. Seit dem 1. Juli erhalten Apotheken zudem 9,00 Euro statt zuvor 8,35 Euro je Rezept, 2027 soll die Honorierung auf 9,50 Euro steigen.

Carl Zeiss Meditec: Erste Bodenbildung nach drei schwierigen Jahren

Nach einer der schmerzhaftesten Talfahrten im Sektor mehren sich bei Carl Zeiss Meditec die Anzeichen einer Stabilisierung. Am Freitag legte die Aktie um 4,51 Prozent auf 30,56 Euro zu, nach einem zuvor erreichten Monatshoch nahe 30 Euro in einem insgesamt schwachen Marktumfeld. Über 30 Tage beträgt das Plus fast 19 Prozent, ausgehend vom 52-Wochen-Tief bei 22,66 Euro im März.

Bankhaus-Metzler-Analyst Victor Beyer sieht die Erholungssignale nach drei Jahren Margenerosion und operativen Problemen in China und den USA als intensiver werdend und stufte die Aktie mit einem Kursziel von 42 Euro auf Kauf hoch. Entscheidend sei die Umsetzung des Restrukturierungsprogramms „ProfitUp“, das die operative Wende bringen soll. Ganz anders die Einschätzung von JP Morgans David Adlington: Er bleibt bei „Underweight“ mit einem Kursziel von 21,70 Euro – deutlich unter dem aktuellen Niveau.

Auf Jahressicht bleibt der Titel mit einem Minus von gut 22 Prozent klar im roten Bereich, über zwölf Monate beläuft sich der Verlust auf mehr als 42 Prozent. Als nächste Katalysatoren gelten eine verzögerte chinesische Ausschreibung für mengenbasierte Beschaffung, die im Sommer erwartet wird, sowie die laufende Suche nach einem neuen Vorstandschef, die bis Ende 2026 abgeschlossen sein soll. Rückhalt kommt von der Konzernmutter Carl Zeiss, die Aktienrückkäufe von bis zu 200 Millionen Euro angekündigt hat, ohne dabei einen Rückzug der Tochter von der Börse zu planen.

Sektordynamik im Vergleich

Die fünf Werte zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich der Kapitalmarkt klinisches Risiko und etabliertes Geschäft bewertet:

  • Abivax hat sein Finanzierungsrisiko durch die Kapitalspritze bis 2029 praktisch neutralisiert und verfolgt nun einen eigenständigen US-Marktstart.
  • Sellas bleibt auf kleinere ATM-Finanzierungen angewiesen, während die finale REGAL-Analyse näher rückt.
  • Redcare Pharmacy verteidigt seine Marktposition gegen einen neuen inländischen Rivalen, genießt aber weiterhin überwiegend positive Analystenbewertungen.
  • Carl Zeiss Meditec navigiert durch ein mehrjähriges Restrukturierungsprogramm, wobei sich die Meinungen zwischen bullishen und bearishen Häusern deutlich unterscheiden.
  • Gerresheimer positioniert sich als Zulieferer der Branche vor allem über Nachhaltigkeits- und Governance-Themen, weniger über Wachstumsimpulse.

Auffällig ist, wie stark einzelne Analystenstimmen die Kursreaktionen prägen – von Molloys spektakulärer Kurszielanhebung bei Sellas bis zur klaren Uneinigkeit zwischen Metzler und JP Morgan bei Carl Zeiss Meditec.

Diese Termine entscheiden über die nächsten Wochen

Bei Sellas zählt vor allem der Countdown zum 80. Ereignis in der REGAL-Studie und der darauffolgende Datenbank-Lock. Abivax steuert auf das Pre-NDA-Gespräch mit der FDA Ende Juli zu, das den Zeitplan für einen möglichen US-Launch festlegen dürfte. Redcare-Investoren beobachten, wie schnell Rossmann seine Plattform tatsächlich aufbauen kann und ob die vereinfachte E-Rezept-Einlösung den Wechsel zur digitalen Apotheke beschleunigt. Bei Carl Zeiss Meditec hängt viel von der chinesischen Beschaffungsausschreibung und der Nachfolgeregelung an der Unternehmensspitze ab. Gerresheimer wiederum dürfte sich weiter über seine Nachhaltigkeitsposition als Differenzierungsmerkmal gegenüber Pharma- und Biotech-Kunden profilieren, während die operativen Herausforderungen bestehen bleiben.

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Sellas Life Sciences Aktie

10,95 EUR

– 1,05 EUR -8,75 %
KGV 0,00
Sektor Gesundheitswesen
Div.-Rendite 0,00 %
Marktkapitalisierung 2,66 Mrd. EUR
ISIN: US81642T2096 WKN: A2PU3T

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