Plus 350 Prozent erwartet: Bei Micron ist der Beat längst bezahlt
Micron veröffentlicht Zahlen zum vierten Geschäftsquartal 2026; Marktreaktionen hängen auch von Ausblick und Speicherpreisen ab.
Kurz zusammengefasst
- Wall Street erwartet über 350 Prozent Umsatzplus
- Netlist beantragte Einfuhrverbot für Micron-Chips
- LPKF senkte Umsatzprognose für 2026
- UniCredit hält Zugriff auf fast 50 Prozent
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
über 350 Prozent Umsatzplus erwartet die Wall Street heute Abend von Micron. Genau diese Erwartung ist das eigentliche Risiko. Nach US-Börsenschluss zeigt der Speicherhersteller, was der KI-Boom in Speicherchips tatsächlich wert ist. Wie schnell selbst übertroffene Prognosen bestraft werden, hat Jabil heute vorgeführt. Daneben rückt UniCredit bei der Commerzbank an die 50-Prozent-Marke, und BMW stellt sich auf Jahre dünner Margen ein.
Micron: Nicht die Zahlen sind das Problem, sondern die Erwartung
Micron muss heute Abend mehr liefern als Rekorde. Der Konzern meldet die Zahlen zum vierten Geschäftsquartal 2026, in Deutschland sichtbar ab etwa 22 Uhr. Die Wall Street rechnet mit 51,3 bis 51,4 Milliarden Dollar Umsatz und einem Gewinn je Aktie von 31,73 Dollar auf bereinigter Basis.
Im Vorjahresquartal waren es 3,03 Dollar. Micron selbst hat eine bereinigte Bruttomarge von rund 86 Prozent in Aussicht gestellt. Der Optionsmarkt preist für die Reaktion eine Bewegung von knapp 8 Prozent in beide Richtungen ein.
Die Micron-Aktie notiert im deutschen Handel aktuell bei rund 942 Euro, das entspricht etwa 1.068 Dollar. Seit Jahresanfang steht ein Plus von 274 Prozent, das Juni-Hoch liegt allerdings noch spürbar höher.
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Bernstein bleibt bei Outperform mit Kursziel 1.300 Dollar und hebt die Umsatzschätzung für das Geschäftsjahr 2026 auf 130,1 Milliarden Dollar. Der Konsens von 22 Analysten sieht die Aktie im Schnitt bei 1.469 Dollar, nur einer rät zum Halten.
Zwei Warnsignale sollten Sie trotzdem kennen. Der Preisanstieg bei DRAM-Speicher kühlt ab: Analysten erwarten für das dritte Kalenderquartal 13 bis 18 Prozent, nach 50 bis 60 Prozent im zweiten. Und Netlist hat Ende September bei der US-Handelsbehörde ITC ein Einfuhrverbot für Micron-Speicherchips beantragt. Die Klage wegen zweier Patente auf Hochleistungsspeicher (HBM) zielt auch auf KI-Produkte von Google, Nvidia und Broadcom.
Weniger dramatisch, als es auf den ersten Blick wirkt, sind dagegen die Insiderverkäufe. In den vergangenen zwölf Monaten trennten sich Insider von Micron-Aktien für 386 Millionen Dollar, gekauft wurden nur für 7,8 Millionen. Ein Großteil dieser Verkäufe lief allerdings über vorab festgelegte, planmäßige Handelsprogramme – als Stimmungsindikator taugen sie daher kaum.
Wie der Markt heute gestimmt ist, zeigt Jabil. Der Auftragsfertiger hob die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2027 auf 44,5 Milliarden Dollar, der Konsens lag bei 42,79 Milliarden. Das abgelaufene Quartal brachte 28,6 Prozent mehr Umsatz.
Die Jabil-Aktie liegt im deutschen Handel trotzdem knapp 6 Prozent im Minus. Die These für heute Abend lautet deshalb: Bei Micron entscheidet nicht der Beat, sondern der Ausblick auf die Investitionen und die Speicherpreise 2027 – alles andere ist bei einer Vervierfachung des Umsatzes längst bezahlt.
Deutsche Tech-Werte: Jefferies sieht den Zyklus-Gipfel, LPKF und Ionos zahlen die Zeche
Hierzulande ist die Chip-Euphorie bereits einer nüchternen Rechnung gewichen. Jefferies belässt Infineon auf Kaufen mit Kursziel 96 Euro. Analyst Menon erwartet den Höhepunkt des Chipzyklus jedoch bereits im vierten Quartal 2026. Die Bewertungen der Branche dürften deshalb drei bis sechs Monate unter Druck bleiben.
Infineon notiert aktuell bei gut 59 Euro, der Konsens von sieben Analysten liegt bei 82,14 Euro. Wer hier investiert ist, sollte das Kaufvotum als Langfristurteil lesen, nicht als Signal für das Weihnachtsquartal.
LPKF liefert den Beleg aus der Zulieferkette. Der Laserspezialist senkt die Umsatzprognose 2026 auf 93 bis 100 Millionen Euro, zuvor waren 105 bis 120 Millionen geplant.
Die bereinigte EBIT-Marge soll nun bei minus 7,0 bis minus 2,5 Prozent landen. Grund sind ein verzögerter Solar-Auftrag und verspätete Bestellungen im Halbleiterbereich. Die LPKF-Aktie brach im SDAX zeitweise um fast 13 Prozent ein.
Ionos trifft es ohne eigene Nachricht. Metzler-Analyst Veysel Taze startet mit Verkaufen und Kursziel 28,50 Euro. Trotz aller Cloud- und KI-Ambitionen sei Ionos im Kern ein traditioneller Webhoster mit nachlassendem Wachstum bis 2030. Die Ionos-Aktie liegt aktuell bei 31,40 Euro, gut 6 Prozent im Minus. Die Mutter United Internet verliert im Verlauf rund 2 Prozent.
Commerzbank: Der Abwehrkampf ist vorbei, verhandelt werden nur noch Konditionen
In Frankfurt ist die Machtfrage faktisch entschieden. UniCredit hat Zugriff auf fast 50 Prozent der Commerzbank, der Bund hält noch rund 13 Prozent. Laut Financial Times will Andrea Orcel nach behördlicher Genehmigung eine außerordentliche Hauptversammlung bis Ende Februar, im Idealfall schon im Januar.
Ziel ist der komplette Umbau der Kapitalseite im Aufsichtsrat. Auch die Ablösung von Vorstandschefin Bettina Orlopp gilt als möglich, ihr Vertrag läuft bis 2029. Die EZB soll im Oktober über die Fusion entscheiden.
Bemerkenswert ist der Tonwechsel der Arbeitnehmerseite. Konzernbetriebsratschef Sascha Uebel signalisiert nach zwei Jahren Widerstand Kooperationsbereitschaft für einen „Europäischen Champion“. Die Bankengewerkschaft DBV fordert Gespräche mit den 40.110 Beschäftigten. Der Bund stellt den Verkauf seiner Restanteile in Aussicht, wenn UniCredit Zusagen zu Standort und Belegschaft liefert.
Für Aktionäre hat sich damit die Rechnung geändert. Deutsche Bank Research streicht die Kaufempfehlung und geht auf Neutral, behält aber das Kursziel von 42 Euro.
Die Commerzbank-Aktie notiert aktuell bei 40,32 Euro, rund 3 Prozent im Minus, das Jahreshoch von 43,34 Euro stammt vom 16. September. Die Übernahmefantasie ist im Kurs, der Rest ist Integrationsarbeit: Wer jetzt noch hält, setzt auf UniCredits Umsetzung – nicht mehr auf einen Aufschlag.
BMW und der Standort: Krisenmargen mit Ansage bis 2028
Bei BMW feiert die Börse, dass die schlechte Nachricht endlich eine Zahl hat. BMW peilt laut Kapitalmarkttag für 2028 eine Automobil-Marge von nur 3 bis 5 Prozent an. Erst Anfang des nächsten Jahrzehnts sollen wieder 8 bis 10 Prozent erreicht werden.
Der Markt reagiert erleichtert, die Aktie liegt aktuell bei rund 55,74 Euro und gut 1 Prozent im Plus. Am Dienstag markierte BMW bei 52,50 Euro ein Jahrestief, seit Jahresanfang steht ein Minus von 40 Prozent. Volkswagen hatte am 18. September die Renditeprognose auf maximal 1 Prozent gesenkt.
Der Rahmen dazu kommt aus der Industrie selbst. Der Wettbewerbsindex von Alvarez & Marsal fällt 2026 auf 3 Punkte, nach 21 Punkten 2024 und 11 im Vorjahr. 56 Prozent der befragten Firmen haben Produktion ganz oder teilweise ins Ausland verlagert, 45 Prozent auch Forschung und Entwicklung.
Der Arbeitsmarkt spiegelt das: Saisonbereinigt stieg die Arbeitslosigkeit im September um 12.000, erwartet waren 1.000. Sachsen verlor binnen Jahresfrist 19.200 sozialversicherungspflichtige Jobs, 10.000 davon im Verarbeitenden Gewerbe.
Die Autowerte sind so billig wie lange nicht, aber die Managements selbst versprechen für drei Jahre keine Margenwende. Wer hier einsteigt, kauft Zeit, keinen Turnaround.
Während die bekannten Chipwerte wie Infineon oder Micron im Rampenlicht der aktuellen Berichtssaison stehen, bleiben andere Nutznießer der KI-Infrastruktur oft unbeachtet. Ein kostenloser Spezialreport stellt vier KI-Aktien vor – darunter einen Marktführer, einen Nischen-Monopolisten und einen Spezialisten für Rechenkapazität und Speicherplatz. Spezialreport herunterladen
EZB gegen Fed: Die Zinspfade laufen auseinander
Diesseits und jenseits des Atlantiks zeigen die Zinsen gerade in verschiedene Richtungen. Die deutsche Inflation ist im September auf 3,3 Prozent gesprungen, getrieben von Energie mit plus 14,9 Prozent. Die Kernrate blieb bei 2,4 Prozent.
Der Markt preist laut Helaba eine EZB-Erhöhung Ende 2026 voll ein, eine weitere im ersten Quartal 2027. Ökonomen erwarten den Einlagensatz am 29. Oktober bei 2,75 Prozent, nach aktuell 2,5.
In den USA läuft es umgekehrt. Der PCE-Index, das bevorzugte Inflationsmaß der Fed, stieg im August in der Kernrate um 3,0 Prozent, erwartet waren 3,3. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung am 28. Oktober fiel von rund 70 Prozent zu Wochenbeginn auf grob die Hälfte oder weniger. Dennoch liegt die zehnjährige US-Rendite über 5,2 Prozent, so hoch wie zuletzt 2007.
Bitcoin zeigt, wie zinssensibel Risikoanlagen bleiben. Das dritte Quartal brachte ein Plus von knapp 42 Prozent, das beste seit Ende 2024. Aktuell notiert Bitcoin bei rund 84.500 Dollar, auf Jahressicht aber noch 26 Prozent im Minus.
Die Spekulation auf Kredit ist seit Monatsanfang um ein Fünftel gesunken, während US-Bitcoin-ETFs zuletzt 2,4 Milliarden Dollar in einer Woche einsammelten. Eine EZB, die strafft, während die Fed zögert, stützt den Euro – und macht Dollar-Anlagen für deutsche Depots zum Währungsrisiko.
Unterm Strich
Micron entscheidet heute Abend, ob die Hardware-Story des KI-Booms noch Luft hat oder ob Jabils Kursreaktion zur Regel wird. Bei Infineon und LPKF signalisiert die Branche bereits, dass der Zyklus seinen Gipfel sucht. Und bei der Commerzbank sowie BMW gilt dasselbe Muster: Die Fantasie ist im Kurs, jetzt zählt die Umsetzung.
Beste Grüße,
Ihr Eduard Altmann
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