Preissetzungsmacht: Warum Adidas und ATOSS mehr verraten als der DAX-Rücksetzer

Adidas zeigt Margenstärke, ATOSS bietet antizyklisches Potenzial, Daimler Truck warnt vor EU-Regulierung. Der DAX korrigiert geopolitikgetrieben.

Eduard Altmann ·
Adidas Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Adidas: Weniger Rabatte steigern Marge
  • ATOSS: Berenberg sieht 83 Prozent Kurspotenzial
  • Daimler Truck: EU-Klimaziele als Gewinnrisiko
  • Apple verklagt OpenAI wegen Geheimnisdiebstahl

Liebe Leserinnen und Leser,

während gestern noch 58 Milliarden Euro Rüstungs-Marktkapitalisierung im Mittelpunkt standen, liefert diese Woche einen anderen, ruhigeren Beweis dafür, dass Bewertung und Substanz auseinanderlaufen können – nur diesmal nicht als Warnung, sondern als Kaufargument. Der DAX pendelt zwischen Nahost-Sorgen und Zinsfantasie, doch abseits der Indexbewegung liefern vier Unternehmensgeschichten diese Woche etwas Selteneres: belastbare Zahlen statt Bewertungsdiskussionen um KI-Töchter. Eine fünfte Geschichte zeigt, wie schnell geopolitische Schlagzeilen genau diese Fundamentaldaten überlagern können.

Adidas: Wenn weniger Rabatt mehr Marge bedeutet

Pricing Power ist eines der meistgenutzten und am seltensten belegten Worte der Finanzbranche. Adidas liefert gerade den Beweis in Zahlen: eine verbesserte operative Entwicklung, gesteigerter Gewinn und ein spürbar größerer Vollpreisanteil im Geschäft – weniger Abverkauf über Rabatte, mehr Marge pro verkauftem Trikot. Wie stark gehebelte Anleger diese Entwicklung bereits goutieren, zeigt ein Call-Optionsschein auf den Titel (WKN UQ9JE5), der zuletzt ein Plus von 181 Prozent verzeichnete. Als zusätzlicher Nachfragetreiber kommt die Fußball-WM in den USA hinzu, die laut Markteinschätzung zusätzliche Nachfrage nach Trikots und Teamsportartikeln auslösen dürfte.

Für Anleger zählt hier weniger der Optionsschein-Gewinn als das, was dahintersteckt: ein struktureller Margen-Trend, der sich in den kommenden Quartalen am Vollpreisanteil weiter nachvollziehen lässt – keine Modeerscheinung, sondern genau jene Substanz, die im aktuellen Marktumfeld rar geworden ist.

ATOSS: Vergessen vom Markt, nicht von Berenberg

Ganz anders die Lage bei ATOSS Software: Die Aktie hat sich seit Sommer 2025 fast halbiert – ein Lehrbuchfall dafür, wie ein solider Softwarewert im Sog der großen Tech-Rotation aus dem Blick gerät. Berenberg bestätigt dennoch die Kaufempfehlung und sieht, trotz eines von 150 auf 135 Euro gesenkten Kursziels, noch 83 Prozent Kurspotenzial. Als Wachstumstreiber nennen die Analysten die KI-Welle, von der ATOSS als Anbieter von Workforce-Management-Software profitieren dürfte.

Das ist antizyklisches Investieren in Reinform: Die Kurshalbierung hat die Bewertung deutlich unter das fundamentale Potenzial gedrückt – auch wenn die Kurszielsenkung selbst zeigt, dass auch Berenberg die kurzfristigen Wachstumserwartungen zurückgeschraubt hat. Wer einen europäischen Nischenwert mit realer Geschäftsgrundlage statt Bewertungsfantasie sucht, findet hier einen konkreten Ansatzpunkt.

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Dass ausgerechnet ein Workforce-Management-Anbieter wie ATOSS von der KI-Welle profitiert, ist kein Einzelfall – Robotik und künstliche Intelligenz verändern gerade ganze Industrien von Grund auf. Ein kostenloser Report zeigt, welche Unternehmen bei dieser nächsten industriellen Revolution ganz vorne mitspielen und wohin die Milliarden-Investitionen tatsächlich fließen. Jetzt Gratis-Report zur Industrierevolution sichern

Daimler Truck: Wenn Brüssels Klimaziel zur Gewinnwarnung wird

Nicht jede Zahl dieser Woche war erfreulich. Daimler-Truck-Chefin Karin Rådström warnte am Wochenende in ungewöhnlich deutlichen Worten vor einer „existenziellen Bedrohung“ der europäischen Nutzfahrzeugindustrie – und belegte das mit Zahlen statt ESG-Rhetorik. Die EU verlangt bis 2030 eine CO2-Reduktion von 43 Prozent gegenüber 2019, was einen E-Lkw-Anteil von 35 Prozent an den Neuzulassungen voraussetzt. 2025 lag dieser Anteil bei gerade einmal 2 Prozent.

Die Rechnung dahinter ist konkret: Jeder verfehlte Prozentpunkt kostet Daimler Truck nach eigenen Angaben rund 120 Millionen Euro. Eine Verfehlung von zehn Prozentpunkten würde das gesamte operative Ergebnis von Mercedes-Benz Trucks auslöschen – 2025 bei 698 Millionen Euro, nach 922 Millionen Euro im Jahr davor. Hauptprobleme bleiben die fehlende Ladeinfrastruktur und die im Vergleich zum Diesel weiterhin hohen Kosten für E-Lkw. Für Anleger heißt das: Das Regulierungsrisiko ist hier keine diffuse Zukunftssorge, sondern eine bezifferte Ergebnisgröße, die zum Belastungsfaktor werden kann, sollte Brüssel den von Rådström geforderten „Realitätscheck“ nicht liefern.

Apple gegen OpenAI: Der Hardware-Burggraben wird juristisch verteidigt

Am Freitag reichte Apple vor einem kalifornischen Bundesgericht Klage gegen OpenAI und zwei ehemalige eigene Manager ein – wegen systematischen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen. Im Zentrum steht Tang Yew Tan, Ex-Apple-Vizepräsident und heute OpenAI-Hardware-Chef, dem vorgeworfen wird, vertrauliche Lieferanteninformationen weitergegeben und Apple-Mitarbeiter zum Diebstahl von Prototypen angestiftet zu haben. Hinzu kommt Chang Liu, der nach seiner Kündigung illegal auf das Apple-Netzwerk zugegriffen und Dutzende vertrauliche Hardware-Dateien heruntergeladen haben soll.

Brisant macht den Fall eine Zahl: Über 400 ehemalige Apple-Beschäftigte arbeiten mittlerweile für OpenAI, das seit der Übernahme des Hardware-Start-ups IO Products von Jony Ive im Jahr 2025 selbst in den Gerätemarkt vorstößt. Apple hatte seit Februar erfolglos versucht, den Streit außergerichtlich beizulegen; OpenAI weist die Vorwürfe zurück. Für Anleger, die auf Apple als liquiden, breit gehandelten Wert setzen, ist die Klage ein Signal: Der Konzern verteidigt sein Hardware-Ökosystem offensiv – während OpenAI selbst als Direktinvestment unzugänglich bleibt. Der Börsengang wurde auf 2027 verschoben, aktuell wird das Unternehmen über einen Mitarbeiter-Anteilsverkauf mit 500 Milliarden Dollar bewertet.

DAX: Die Korrektur kommt aus Hormus, nicht aus Frankfurt

Der DAX ist nach einem Allzeithoch knapp unter 26.000 Punkten auf rund 25.124 Punkte zurückgefallen – belastet von der Eskalation um die Straße von Hormus, die Iran übers Wochenende erneut für gesperrt erklärte. Bemerkenswert ist der Kontrast zu den deutschen Konjunkturdaten: Die Exporte legten im Mai überraschend um 0,9 Prozent zu, in die USA sogar um 23,1 Prozent, nach China um 7,1 Prozent. Die Industrie-Auftragslage stieg um 1,9 Prozent. Laut Markteinschätzung besteht eine 55-prozentige Chance auf einen erneuten Lauf Richtung Allzeithoch, sofern die 25.124-Punkte-Marke als Unterstützung hält.

Für Anleger bedeutet das: Diese Korrektur wirkt geopolitisch getrieben, nicht fundamental gerechtfertigt – ein Unterschied, den es in der kommenden Woche gegen die Entwicklung an der Straße von Hormus abzuwägen gilt.

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Quintessenz

Vier Geschichten, ein Muster: Adidas beweist Preissetzungsmacht in harten Zahlen, ATOSS zeigt, wie eine Kurshalbierung die Bewertung unter das fundamentale Potenzial drücken kann, und Daimler Truck macht vor, wie man Regulierungsrisiko beziffert statt beschwört. Nur der DAX selbst folgt gerade nicht der Substanz, sondern der Schlagzeile aus dem Nahen Osten. Die kommende Woche bringt mit US-Inflationsdaten, dem Auftakt der US-Bankenberichtssaison und der weiteren Entwicklung um die Straße von Hormus gleich mehrere Belastungsproben für die aktuelle Marktberuhigung. Wer dagegen auf Unternehmen mit nachweisbarer Preissetzungsmacht und quantifizierbaren Risiken setzt, ist besser gewappnet als über reine Index-Wetten – eine Lektion, die sich nahtlos an die gestrige Rüstungs-Neubewertung anschließt: Auch dort war am Ende nicht die Story das Problem, sondern die Bewertung, die ihr vorauslief.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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