Profitloses Wachstum: Die Weltwirtschaft transportiert mehr – und verdient weniger

Trotz steigender Transportmengen brechen die Gewinne bei Reedereien wie Hapag-Lloyd ein. Unternehmen reagieren mit Kapazitätskürzungen und hohen Liquiditätsreserven, während politische Unsicherheiten anhalten.

Eduard Altmann ·
Profitloses Wachstum: Die Weltwirtschaft transportiert mehr – und verdient weniger

Kurz zusammengefasst

  • Hapag-Lloyd Gewinn bricht trotz Volumenplus ein
  • Volkswagen kürzt globale Produktionskapazitäten deutlich
  • Mittelstand hortet Eigenkapital und investiert zurückhaltend
  • Politische Risiken belasten Investitionsklima weiter

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern schrieb ich, der Markt sortiere mit chirurgischer Präzision zwischen Unternehmen mit Preismacht und solchen ohne. Hapag-Lloyd liefert dafür den bislang schärfsten Beleg dieser Berichtssaison.

3,3 Millionen Standardcontainer beförderte die Hamburger Reederei im Schlussquartal 2025 über die Weltmeere – 5,5 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Die Schiffe sind voll, die Häfen arbeiten am Limit, die Lieferketten rotieren. Wer nur auf das Volumen schaut, könnte meinen, der Welthandel brumme.

Dann die Bilanz: Der operative Gewinn brach im selben Quartal um 84,4 Prozent ein, auf magere 124 Millionen Euro. Der Nettogewinn schrumpfte um 89 Prozent. Der Grund passt auf eine Zeile: Die durchschnittliche Frachtrate fiel um über 16 Prozent auf 1.310 US-Dollar je Container. Mehr Ware, weniger Erlös pro Einheit. Die Preissetzungsmacht, die in den Inflationsjahren ganze Branchen trug, ist aufgebraucht.

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Das ist kein Einzelfall. Es ist ein Zustandsbericht der globalen Realwirtschaft im Frühjahr 2026: Wachstum findet statt – aber es ist profitloses Wachstum.

Kapazitäten streichen als letzter Hebel

Wenn die Erlöse sinken, bleibt den Unternehmen ein Instrument: die Kostenseite. Wie entschlossen dieser Hebel angesetzt wird, machte VW-Konzernchef Oliver Blume am Dienstag im „Manager Magazin“ deutlich. Volkswagen will die weltweiten Produktionskapazitäten um eine weitere Million Fahrzeuge kappen. Von einst zwölf Millionen soll der Konzern auf „nachhaltig neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr“ schrumpfen. Nach den Einschnitten in Europa und China ist das der dritte Akt einer Rückzugsstrategie, die inzwischen die gesamte Konzernarchitektur erfasst.

Das Muster reicht bis in den Mittelstand. Die am Dienstag veröffentlichte Frühjahrsstudie von Creditreform, für die 1.850 kleine und mittlere Unternehmen befragt wurden, zeichnet ein aufschlussreiches Bild: Der Geschäftsklimaindex klettert nach zwei Minus-Jahren wieder auf +5,3 Punkte. Doch dieser Optimismus ist defensiv finanziert.

Die Eigenkapitalquote im Mittelstand hat mit 36 Prozent den höchsten Stand seit drei Jahrzehnten erreicht. Die Unternehmen horten Liquidität, statt sie einzusetzen. Nur knapp 45 Prozent planen Investitionen. Die geopolitischen Risiken – der Konflikt zwischen den USA und dem Iran, die unberechenbaren Energiepreise – halten die Betriebe in einer Wartestellung, die sich zunehmend verfestigt.

Rentenstreit und Mietausfälle

Während die Industrie sich auf Effizienz trimmt, sorgt die Politik für zusätzliche Verunsicherung. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte beim Bankenverband, die gesetzliche Rentenversicherung werde künftig allenfalls noch die „Basisabsicherung“ im Alter sein. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf kündigte umgehend „erbitterten Widerstand“ an. Ein Koalitionskrach, der zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kommt – mitten in einer Phase, in der Verbraucher und Unternehmen ohnehin jeden Euro zweimal umdrehen.

Wie dünn die finanzielle Decke stellenweise geworden ist, zeigt der Fall Galeria. Der Gesamtbetriebsrat der Warenhauskette schlägt Alarm: Offenbar sind im April bei mehreren Vermietern die Mietzahlungen ausgeblieben. Es wurde um Stundungen gebeten. Gestern hatte ich Galeria als Gegenbeispiel zu Unternehmen mit Preismacht angeführt. Die Entwicklung bestätigt die Diagnose schneller, als mir lieb ist.

Alle Augen auf Islamabad

Der DAX nahm von all dem am Dienstagnachmittag kaum Notiz und pendelte weitgehend unverändert um 24.460 Punkte, nachdem er zum Wochenstart Federn gelassen hatte.

Die Aufmerksamkeit der Händler gilt einem anderen Schauplatz. Am Mittwoch sollen US-Vizepräsident JD Vance und der iranische Parlamentspräsident Ghalibaf zu Friedensgesprächen in Islamabad eintreffen – bevor die zweiwöchige Waffenruhe zwischen Washington und Teheran ausläuft. US-Präsident Donald Trump gab sich am Dienstag im CNBC-Interview gewohnt selbstsicher: Der Iran habe angesichts der US-Seeblockade „keine andere Wahl“, man werde einen „großartigen Deal“ erzielen.

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Dass Europas Energieversorgung in diesem Kräftemessen unter die Räder geraten könnte, deutet eine Meldung aus Brandenburg an. Rosneft Deutschland prüft bereits Ersatzlieferungen für die PCK-Raffinerie in Schwedt. Ab Mai drohen Schwierigkeiten beim Transport von kasachischem Öl über die Druschba-Pipeline – ein logistisches Nadelöhr, das sich nicht per Handschlag in Islamabad öffnen lässt.

Was bleibt

Die Container sind voll, die Margen dünn, die Investitionsbereitschaft verhalten. Volkswagen schrumpft planmäßig, der Mittelstand hortet Eigenkapital, und bei Galeria reicht es nicht einmal mehr für die Miete. Zwischen diesen Datenpunkten liegt die eigentliche Nachricht dieses Dienstags: Die Weltwirtschaft bewegt sich, aber sie verdient dabei immer weniger. Wer morgen auf die Nachrichten aus Islamabad schaut, sollte im Hinterkopf behalten, dass selbst ein Friedensabkommen an diesem Grundproblem nichts ändert.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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