Rekordwachstum bei Intel, Kursrutsch bei Rocket Lab: Tech-Bilanzen spalten

Intel meldet stärkstes Umsatzplus seit 15 Jahren, SAP überzeugt im Cloud-Geschäft. Rocket Lab verliert trotz Milliarden-Deal massiv an Wert.

Eduard Altmann ·
SAP Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Intel mit 25 Prozent Umsatzplus
  • SAP Cloud-Auftragsbestand steigt auf 23 Milliarden
  • Rocket Lab verliert trotz Iridium-Übernahme
  • Micron mit langfristigen KI-Lieferverträgen

Selten lagen operative Bestleistung und Börsenreaktion so weit auseinander wie in dieser Berichtssaison. Intel meldet das stärkste Umsatzwachstum seit anderthalb Jahrzehnten – und die Aktie fällt trotzdem. SAP überzeugt mit Cloud-Zahlen, Rocket Lab verliert die Hälfte seines Werts trotz Milliardendeal. Fünf Technologie-Werte, fünf Geschichten, ein gemeinsamer Nenner: Gute Zahlen reichen den Anlegern gerade nicht mehr.

SAP: Rekordauftragsbestand trifft auf gesenkte Gewinnprognose

SAP legte am Donnerstag nach Börsenschluss Zahlen zum zweiten Quartal vor, die die Erwartungen beim Cloud-Geschäft übertrafen. Der aktuelle Cloud-Auftragsbestand kletterte währungsbereinigt um 26 Prozent auf fast 23 Milliarden Euro, die Cloud-Erlöse wuchsen um 24 Prozent auf 6,3 Milliarden Euro. Der Gesamtumsatz stieg um 11 Prozent.

Ein Wermutstropfen blieb: Finanzchef Dominik Asam senkte die Gewinnprognose um 0,1 Milliarden Euro, weil die Übernahmen von Dremio und Prior Labs im zweiten Halbjahr belasten werden. Der freie Cashflow überzeugte dagegen mit 3 Milliarden Euro im Quartal. CEO Christian Klein sprach von einem „außergewöhnlichen Quartal“ und verwies darauf, dass KI-Funktionen in über 90 Prozent der 50 größten Abschlüsse eingebettet waren.

Die Aktie reagierte mit einem kräftigen Sprung und schloss am Freitag bei 140,80 Euro, nach einem Tagesplus von 9,15 Prozent. Auf Monatssicht steht dennoch nur ein Plus von 3,56 Prozent zu Buche – der Titel notiert weiterhin rund 19 Prozent unter seinem 200-Tage-Durchschnitt. BMO Capital hob nach den Zahlen sein Kursziel an, andere Analysten mahnen wegen möglicher Margendrücke und geopolitischer Risiken zur Vorsicht.

Micron: Analysten bleiben bullish trotz scharfem Rücksetzer

Micron ist zum Symbol geworden für die Zerrissenheit zwischen KI-Euphorie und Bewertungsangst im Speicherchip-Segment. Die Aktie schloss am Freitag bei 809,20 Euro, ein Tagesminus von 6,96 Prozent. Auf Wochensicht steht trotzdem ein Plus von 6,88 Prozent, während der 30-Tage-Blick mit minus 18,70 Prozent deutlich negativer ausfällt.

Getragen wird die fundamentale Zuversicht von langfristigen Lieferverträgen. Eine strategische KI-Partnerschaft mit Anthropic sowie 16 langfristige Abkommen im Volumen von insgesamt 22 Milliarden US-Dollar stützen das Geschäftsmodell. Micron hatte zudem sein gesamtes verfügbares HBM-Volumen bis 2026 bereits verkauft, mit Bestellungen, die bis 2027 und 2028 reichen.

Wall Street bleibt entsprechend optimistisch gestimmt. Der Analystenkonsens lautet weiterhin „Strong Buy“, Wedbush hob sein Kursziel zuletzt von 1.300 auf 1.400 US-Dollar an. Belastend wirken dagegen die bekannte Short-Position von Michael Burry sowie zunehmender Wettbewerbsdruck durch chinesische Speicherchip-Hersteller. Seit Jahresbeginn steht bei Micron dennoch ein Plus von 220,98 Prozent zu Buche – ein Blick, der die aktuelle Nervosität relativiert.

Rocket Lab: Iridium-Deal beflügelt die Fantasie, der Kurs halbiert sich trotzdem

Kaum ein Technologiewert schwankte zuletzt so heftig wie Rocket Lab. Die Aktie schloss am Freitag bei 56,40 Euro, ein Tagesverlust von 8,29 Prozent, nach einem Monatsminus von 24,09 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 133,80 Euro trennen den Titel mittlerweile 57,85 Prozent.

Ausgelöst wurde der jüngste Ausverkauf auch durch die Ankündigung, den Satellitenbetreiber Iridium für rund 8 Milliarden US-Dollar zu übernehmen – ein Schritt, der Rocket Lab einen sofortigen Fuß in die Tür des weltraumgestützten IoT-Geschäfts verschafft. Operativ läuft es beim Unternehmen eigentlich rund: Der Umsatz sprang im ersten Quartal um 63,5 Prozent, der Auftragsbestand liegt bei 2,2 Milliarden US-Dollar, hinzu kommt ein neuer Space-Force-Auftrag über 266 Millionen US-Dollar.

Ein Teil der Schwäche dürfte auf Sektor-Ansteckung zurückzuführen sein, ausgelöst durch die Turbulenzen rund um SpaceX. Die Analystenmeinungen gehen weit auseinander: Morgan Stanley hob sein Bull-Case-Kursziel auf 293 US-Dollar an und bestätigte die Overweight-Einstufung, während Piper Sandler die Coverage mit einem Neutral-Rating und einem Kursziel von 83 US-Dollar aufnahm und stattdessen den Rivalen AST SpaceMobile bevorzugt. Die Ergebnisse Anfang August dürften zeigen, welche Lesart sich durchsetzt.

Diginex: Resulticks-Fantasie treibt die Mikro-Cap-Achterbahn

Diginex bleibt einer der volatilsten Werte im Technologie-Sektor. Nach einem außergewöhnlichen Lauf im Zuge der geplanten Übernahme von Resulticks notierte die Aktie zuletzt um 1,41 US-Dollar, mit einem Tagesplus von 5,22 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Zuwachs von 14,63 Prozent, über 30 Tage sogar von 59,65 Prozent zu Buche.

Im Zentrum der Übernahme steht die milliardenschwere Akquisition der Kundenbindungs- und KI-Analyseplattform Resulticks, strukturiert als reine Aktientransaktion. Damit vollzieht Diginex einen deutlichen Strategiewechsel: weg vom ESG-Softwareanbieter, hin zu einer breiter aufgestellten Datenplattform für Banken, Vermögensverwalter und Unternehmen. Personell wurde das Führungsteam bereits verstärkt, unter anderem mit einer neuen Marketingchefin und einem neuen Handelschef.

Fundamental bleibt dies ein hochspekulativer Titel mit einer Marktkapitalisierung von nur rund 41 bis 48 Millionen US-Dollar und negativem Gewinn je Aktie. Die dünne Handelstiefe sorgt für die extremen Ausschläge, ein neuer Berichtstermin steht noch nicht fest – Fortschritte bei der Resulticks-Übernahme bleiben der entscheidende Kurstreiber.

Intel: Schnellstes Wachstum seit 15 Jahren, die Rally verpufft schnell

Intel lieferte die Schlagzeile der Woche. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr – das stärkste Quartalswachstum seit mehr als 15 Jahren. Der bereinigte Gewinn je Aktie übertraf mit 42 Cent die Erwartungen von 21 Cent deutlich.

Treiber war klar erkennbar das Rechenzentrums- und KI-Geschäft, das um 59 Prozent zulegte, während die Sparte für PC-Chips um 13 Prozent wuchs. CEO Lip-Bu Tan sprach von einer „beispiellosen Nachfrage nach Rechenleistung“ – interessanterweise bremsen Lieferengpässe das Wachstum sogar noch, da die Nachfrage der Rechenzentrumskunden das Angebot übersteigt.

Die Kursreaktion verlief deutlich komplizierter als die Zahlen selbst. Nach ersten Kurssprüngen im nachbörslichen Handel drehte die Stimmung im Verlauf des Freitagshandels. Die Aktie schloss bei 81,14 Euro, ein Tagesminus von 7,73 Prozent, nach einem Monatsrückgang von 27,64 Prozent. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 158,41 Prozent – ein Kontrast, der zeigt, wie hoch die Erwartungen mittlerweile liegen. Die Analystenreaktionen fielen gespalten aus: JPMorgan hob das Kursziel von 45 auf 85 US-Dollar an, Wedbush von 60 auf 98 US-Dollar, während Stifel sein Ziel von 120 auf 110 US-Dollar senkte.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Sektor

Die Streuung zwischen diesen fünf Werten zeigt, wie ungleichmäßig der KI-Infrastruktur-Boom derzeit eingepreist wird. SAP und Intel lieferten beide handfeste operative Verbesserungen – Rekord-Auftragsbestand auf der einen, das schnellste Wachstum seit anderthalb Jahrzehnten auf der anderen Seite. Trotzdem verpufften beide Kursrallys binnen kurzer Zeit, weil Analysten Fragen zu Margen und Investitionsdisziplin stellen.

Ein Blick auf die zentralen Muster der Woche:

  • SAP und Intel: starke operative Zahlen, aber schnell verpuffende Kursreaktionen wegen Margensorgen
  • Micron: fundamental gestützt durch mehrjährige Lieferverträge, dennoch deutlicher Rücksetzer von den Hochs
  • Rocket Lab: operative Stärke trifft auf sektorweite Risikoscheu nach den SpaceX-Turbulenzen
  • Diginex: reine Übernahme-Spekulation statt operativer Fundamentaldaten als Kurstreiber

Rocket Lab steht dabei für die extremste Ausprägung dieser Dynamik – ein Unternehmen mit echtem operativem Momentum, dessen Aktie sich dennoch beinahe halbiert hat. Diginex bildet das Gegenstück: Hier bestimmt fast ausschließlich die Spekulation rund um eine einzelne Übernahme den Kurs, nicht die laufende Geschäftsentwicklung. Der gemeinsame Nenner über alle fünf Werte hinweg: Starke Fundamentaldaten reichen den Anlegern derzeit allein nicht mehr aus.

Woche der Bewährung: Diese Termine entscheiden

Die kommenden Wochen bringen für alle fünf Werte neue Belastungsproben. Rocket Lab meldet Ende der Woche Zahlen, ein Termin, der angesichts des Kurseinbruchs und der offenen Fragen rund um die Neutron-Rakete und die Iridium-Integration erhebliches Gewicht bekommt. Bei Diginex dürfte der weitere Kursverlauf eng an neue Nachrichten zur Resulticks-Übernahme geknüpft bleiben.

Für SAP, Micron und Intel richtet sich der Blick der Anleger vor allem auf Margenentwicklung und Investitionsausgaben. Alle drei müssen zeigen, dass hohe KI-bezogene Investitionen die kurzfristige Profitabilität nicht dauerhaft belasten, während das Umsatzwachstum robust bleibt. Mit der anstehenden Zinssitzung der US-Notenbank kommt eine weitere Unsicherheitsquelle hinzu, die gerade bei hochbewerteten Wachstumswerten im Sektor für zusätzliche Ausschläge sorgen könnte.

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