Rheinmetall gegen Salzgitter: Zwei Wetten auf denselben Staat
Berenberg kürzt Rheinmetalls Kursziel wegen unsicherer Umsätze, während UBS Salzgitter nach der Hochstufung weiteres Potenzial zutraut.
Kurz zusammengefasst
- Berenberg senkt Rheinmetall auf Halten
- Nur 29 Prozent Umsatz vertraglich gedeckt
- UBS stuft Salzgitter auf Kaufen hoch
- Aktie steigt am Freitag um 13,4 Prozent
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
Rheinmetalls Umsätze für 2030 sind laut Berenberg nur zu 29 Prozent vertraglich gesichert. Mit diesem Befund stuft die Bank den Rüstungskonzern auf Halten ab. Zwei Analystenurteile haben in dieser Woche die Richtung für zwei Depot-Lieblinge vorgegeben.
UBS hebt Salzgitter dagegen auf Kaufen und schickt die Aktie am Freitag um gut 13 Prozent nach oben. Hinter beiden Urteilen steht dieselbe Frage: Wie belastbar ist Wachstum, das von Staatsaufträgen, Zöllen und Lagerzyklen abhängt?
Rheinmetall: Volles Auftragsbuch, aber 2030 ist erst zu 29 Prozent gedeckt
Ein großer Auftragsbestand ist noch kein gesicherter Umsatz, und genau diese Unterscheidung kostet Rheinmetall gerade ein Drittel des Kursziels. Berenberg senkte Rheinmetall am Freitag von Kaufen auf Halten und kürzte das Kursziel von 1.600 auf 1.020 Euro. Analyst George McWhirter hat 417 Auftragschancen einzeln durchgerechnet und kommt für 2030 auf einen Konzernumsatz von 37,6 Milliarden Euro.
Der Konsens liegt bei 41 Milliarden, Rheinmetall selbst peilt rund 50 Milliarden Euro bei einer Marge über 20 Prozent an. Der Auftragsbestand von 80,5 Milliarden Euro Ende Juni klingt beruhigend, doch fest sind davon nur 56,3 Milliarden. Für die Sparte Waffen und Munition sind laut Berenberg erst 16 Prozent des erwarteten 2030er-Umsatzes vertraglich unterlegt.
Bemerkenswert ist, wie gelassen der Markt die Abstufung hinnahm. Die Rheinmetall-Aktie hielt sich am Freitag mit 935,30 Euro nahezu stabil. Sie notiert damit nur wenig über dem 52-Wochen-Tief von 902,50 Euro aus dem Juni und hat seit Jahresbeginn 40 Prozent verloren. Das neue Berenberg-Ziel liegt gerade einmal rund neun Prozent über dem Freitagsschluss.
Die Abstufung ist also eher ein Nachvollziehen dessen, was der Kurs längst eingepreist hat. Bernstein hält mit einem Kursziel von 1.200 Euro an „Outperform“ fest und verweist auf den Kapitalmarkttag im November und die erwartete Bundeswehr-Bestellung für den Radpanzer Boxer („Arminius“). RBC bleibt sogar bei 1.600 Euro und erwartet im dritten Quartal einen starken Auftragseingang.
Politisch weht der Wind dagegen von der Seite. Beim deutsch-französischen Panzerprojekt MGCS, dem Leopard-Nachfolger, sprach Frankreichs Generalstabschef von einem Ausstieg Berlins. Verteidigungsminister Pistorius und seine Pariser Kollegin dementierten das zwar, die Unsicherheit bleibt.
Operativ läuft es bei Rheinmetall dagegen weiter: In dieser Woche wurden ein Großauftrag über rund 1,7 Milliarden Euro für Radarsatelliten und die Übernahme eines Lokomotivenwerks für die Radpanzer-Produktion bekannt.
Die syndizierte Kreditlinie wurde von 750 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro verdoppelt, die Jahresprognose mit 37 bis 42 Prozent Umsatzwachstum und rund 19 Prozent operativer Marge bestätigt. Ein Insider, die Sarah Georgie Stiftung aus dem Umfeld des Aufsichtsrats, kaufte zu 954 Euro Aktien für rund 250.000 Euro.
Für Anleger ist die Lage damit klar umrissen. Das 2027er-KGV von 18,1 ist für ein Unternehmen mit über 40 Prozent Gewinnwachstum nicht teuer, aber die Bewertung lebt von Aufträgen, die noch nicht unterschrieben sind.
Genau diese Lücke muss Rheinmetall am 5. November mit den Quartalszahlen und beim Kapitalmarkttag schließen. Wie wenig Vertrauen der Sektor derzeit genießt, zeigt Renk: Der Getriebehersteller markierte am Mittwoch ein 52-Wochen-Tief und schloss am Freitag bei 34,35 Euro.
Stahl: UBS setzt auf Zölle, Engpässe und Salzgitter als Top-Pick
Wo Berenberg bei Rheinmetall den Staat als unsicheren Kunden sieht, setzt UBS beim Stahl auf den Staat als Türsteher. UBS stufte Salzgitter am Freitag von Neutral auf Kaufen hoch und hob das Kursziel von 56 auf 71 Euro. Die MDAX-Aktie schoss daraufhin um 13,4 Prozent auf 49,94 Euro nach oben, nachdem sie am Donnerstag noch rund vier Prozent verloren hatte.
Analyst Andrew Jones macht Salzgitter zum Top-Pick des Sektors, weil der Gewinn 2,5- bis 3,5-mal sensibler auf EU-Stahlpreise reagiert als bei den Wettbewerbern. Gleichzeitig wanderten voestalpine (Ziel 49 auf 64 Euro) und ArcelorMittal (Ziel 71 Euro) auf Kaufen, SSAB bleibt mit 120 Kronen (rund 10,70 Euro) ebenfalls ein Kauf. voestalpine gewann am Freitag 6 Prozent auf 44,76 Euro.
Das Argument der UBS ist eine schlichte Mengenrechnung. Seit dem 1. Juli dürfen nur noch 18,3 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr zollfrei in die EU, darüber greift ein Zoll von 50 Prozent. Das kappt laut UBS rund 9 Millionen Tonnen Importe, während Störungen bei HKM und ein möglicher Produktionsstopp in Taranto ab dem 28. Oktober das Inlandsangebot zusätzlich verknappen.
Der Branchenverband EUROFER erwartet bis 2027 ein Defizit von 7 Millionen Tonnen. UBS rechnet deshalb mit Warmbandpreisen von rund 820 Euro je Tonne im Jahr 2027, gegenüber derzeit 745 Euro am Kassamarkt.
Salzgitter hat die Jahresprognose bereits angehoben: Das EBITDA soll 725 bis 825 Millionen Euro erreichen, nach zuvor 625 bis 725 Millionen. UBS erwartet das Q3-EBITDA 9 Prozent über dem Konsens; die Neunmonatszahlen kommen am Donnerstag, 12. November.
Zusätzlichen Wert sieht die Bank in einem Teilverkauf der Aurubis-Beteiligung oder der Abfülltechnik-Tochter KHS. Aurubis selbst legte am Freitag zu, liegt auf Monatssicht aber noch 11 Prozent im Minus.
Der Haken an der Geschichte liegt in ihrer Herkunft. Wer bei Salzgitter einsteigt, kauft eine Wette auf Protektionismus und Angebotsengpässe, nicht auf Nachfrage. Die Bau- und Autokonjunktur bleibt schwach, und ein Stahlzyklus, der von Zollquoten lebt, dreht genauso schnell wieder, wie er gekommen ist. Die Dividendenrendite von 0,30 Prozent bei Salzgitter zahlt für diese Geduld nichts.
Konjunktur: 1,3 Prozent Wachstum, getragen vom Staat
Die neue Wachstumsprognose der Bundesregierung sieht besser aus, als sie ist. Die Bundesregierung hat am Mittwoch ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0,5 auf 1,3 Prozent angehoben. Für 2027 erwartet sie 1,1 Prozent, für 2028 nur noch 0,6 Prozent. Die Zusammensetzung ist ernüchternder als die Schlagzeile.
Rund 0,3 Prozentpunkte stammen allein aus zusätzlichen Arbeitstagen. Der Staatskonsum soll um 2,6 Prozent wachsen, der private Konsum um 0,3 Prozent, die privaten Investitionen um 0,2 Prozent. Die öffentlichen Investitionen steigen 2026 um 2,7 und 2027 um 6,6 Prozent.
Auch die Exportzahl verdient einen zweiten Blick. Die Exporte sollen um 3,7 Prozent zulegen. Das hat direkt mit der Stahl-Geschichte zu tun: Ausländische Kunden haben im zweiten Quartal wegen der Hormus-Blockade ihre Lager mit energieintensiven Gütern aus Deutschland aufgefüllt, bei Stahl, Aluminium und Düngemitteln.
Die DIHK verweist bereits auf schwächere Exportzahlen im August und nennt den Aufschwung „teuer erkauft“. Die Creditreform-Herbstumfrage misst die Investitionsbereitschaft im Mittelstand auf einem 20-Jahres-Tief bei steigenden Insolvenzen. Die Inflation soll 2027 auf 3,0 Prozent steigen, im September lag sie bei 3,3 Prozent.
Der DAX passt zu diesem Bild. Nur 9 der 40 Indexwerte haben 2026 ein Rekordhoch erreicht, im Schnitt liegen die Aktien rund 18 Prozent unter ihren Jahreshochs.
Der Index rutschte zur Wochenmitte unter die 200-Tage-Linie und holte sich am Freitag die 25.000er-Marke zurück, gestützt von sinkenden französischen Anleiherenditen und einer Ölpause. Exakt die Hälfte der DAX-Werte behauptet ihre 200-Tage-Linie, ein Niveau, das in den vergangenen zwei Jahren rückblickend Einstiegsgelegenheiten markierte.
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Öl: Trumps Wahlkampf-Pause und ein Diesel-Deal mit Moskau
Die Entspannung am Ölmarkt ist eine Pause, keine Lösung. Trump schloss am Donnerstag einen Angriff auf den Iran vor den Zwischenwahlen am 3. November aus, die Seeblockade bleibt aber bestehen. Brent beruhigte sich daraufhin oberhalb der 100-Dollar-Marke, nachdem der Preis am Donnerstag nach Angriffen auf Tanker noch um fast 4 Prozent gestiegen war.
Teheran prüft einen Sieben-Tage-Plan zur Öffnung der Straße von Hormus. Die Dimension des Problems zeigen die Daten der US-Energiebehörde: Im zweiten Quartal flossen 4,9 Millionen Barrel täglich durch Hormus, im vierten Quartal 2025 waren es 21,6 Millionen. Ein Tankertransport von den USA nach Asien kostet laut Baltic Exchange 77 Millionen Dollar, 2025 waren es im Schnitt 9,2 Millionen.
Am Freitag kam ein Telefonat zwischen Trump und Putin hinzu. Russland soll Diesel an die USA und den Weltmarkt liefern, Washington lockert dafür vorübergehend Sanktionen auf russischen Treibstoff, zum Unmut Kiews. Gleichzeitig hat Hurrikan Isaias im Golf von Mexiko 1,3 Millionen Barrel Tagesförderung stillgelegt, rund 63 Prozent der dortigen Produktion. Die Huthi-Angriffe auf den Flughafen Riad forderten drei Tote.
Wer die Rechnung zahlt, zeigt Delta Air Lines. Die Airline senkte die bereinigte Gewinnprognose für 2026 von 6,50 bis 7,50 Dollar auf 5,10 bis 5,60 Dollar je Aktie und absorbiert in diesem Jahr Treibstoffmehrkosten von 6 Milliarden Dollar. Gold stieg am Freitag um 1,5 Prozent auf knapp 4.200 Dollar. Der deutsche Gaspreis für November notiert bei rund 80 Euro je Megawattstunde.
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Kurz notiert: BASF und Evonik
Im Chemie-Poker dürfte bald nachgelegt werden. Reuters berichtet, dass BASF nach der im September abgelehnten Offerte von 22,15 Euro je Aktie ein neues Angebot für Evonik vorlegen könnte.
Am Freitag tagten sowohl das Kuratorium der RAG-Stiftung, mit 43 Prozent größter Evonik-Aktionär, als auch der BASF-Aufsichtsrat. Die Evonik-Aktie schloss bei 21,36 Euro und bleibt damit unter dem alten Gebot. Ein höherer Preis ist der nächste logische Schritt, die Frage ist, wie viel Prämie BASF für die Zustimmung der Stiftung zahlen muss.
Unterm Strich
Rüstung und Stahl hängen in dieser Woche am selben Faden: Beide leben vom Staat, einmal als Auftraggeber, einmal als Zollwächter, und beide Aktien werden an der Frage gemessen, wie lange diese Stütze trägt.
Bei Rheinmetall zweifelt Berenberg an der Unterschrift, bei Salzgitter setzt UBS auf die Quote. Auch die Wachstumsprognose der Bundesregierung ruht vor allem auf Staatskonsum und öffentlichen Investitionen.
In der kommenden Woche eröffnen die US-Großbanken die Berichtssaison, für den S&P 500 erwarten Analysten im dritten Quartal ein Gewinnplus von 30,6 Prozent. Wichtige Termine danach: SSAB am Mittwoch, 28. Oktober, Rheinmetall am Donnerstag, 5. November, Salzgitter am Donnerstag, 12. November.
Gönnen Sie sich einen Sonntag ohne Kurszettel, die Auftragsbücher laufen Ihnen nicht davon.
Beste Grüße,
Ihr Eduard Altmann
Stand heute, 10. Oktober: Rheinmetall – Kaufen, halten oder verkaufen?
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