Rheinmetall zwischen Auftragsflut und Prognoserisiko: Wie geht es 2027 weiter?

Rheinmetall verzeichnet starke Q2-Zahlen, doch die gesenkte Jahresprognose belastet die Aktie. Analysten sind uneins über die weitere Entwicklung.

Redaktion Stock-World ·
Moderne industrielle Fertigungsanlage in atmosphärischem Dämmerlicht zur Veranschaulichung von Verteidigung und Industrie. (KI-generiertes Symbolbild)
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Umsatzplus von 69,8 Prozent
  • Prognose wegen F126 gesenkt
  • Analysten uneins über Kursentwicklung
  • Aktie 26 Prozent unter Jahresstart

Ausgangslage

Rheinmetall bleibt operativ auf Wachstumskurs, doch die Aktie hat diesen Umstand zuletzt nicht honoriert. Am Freitag schloss das Papier bei 1.156,40 Euro, ein Minus von 0,3 Prozent zum Vortag. Über die vergangenen sieben Tage summiert sich der Rückgang auf 4,0 Prozent.

Zugleich hat der Konzern erst am Montag einen Bundeswehr-Abruf über mehr als 500 Millionen Euro für 149 zusätzliche mobile Rettungsstationen bekanntgegeben – der Rahmenvertrag stammt aus dem Jahr 2024, das Gesamtvolumen des Projekts wächst damit auf über 600 Millionen Euro.

Der Produktionsstart der neuen Systeme soll im ersten Quartal 2027 erfolgen. Parallel demonstrierten Rheinmetall und Hensoldt am Mittwoch bei der Luftwaffenübung „Timber Express 2026″ erfolgreich die Vernetzung von Skymaster und dem Passivradar Twinvis unter NATO-Bedingungen.

Operativ liefert der Konzern also weiterhin Nachrichten am laufenden Band. Die entscheidende Frage für Anleger ist nicht, ob Aufträge hereinkommen, sondern ob sie die Prognosesenkung aus den jüngsten Quartalszahlen kompensieren können.

Die entscheidende Frage

Bei der Vorlage der endgültigen Zahlen zum zweiten Quartal am 10. August meldete Rheinmetall einen Umsatzanstieg um 69,8 Prozent auf 3,289 Milliarden Euro und ein operatives Ergebnis, das um 115 Prozent auf 562 Millionen Euro kletterte.

Diese Zahlen wären für sich genommen ein klarer Kurstreiber. Doch der Konzern senkte gleichzeitig die Jahresumsatzprognose, weil das Fregattenprojekt F126 gestoppt wurde.

Genau hier liegt der Kern der Unsicherheit: Kann das Wachstum in anderen Segmenten – Landsysteme, Munition, die neue Naval-Systems-Division – den Ausfall aus dem Marineprogramm auffangen, oder bleibt die Guidance-Kürzung ein Vorbote für weitere Anpassungen? Der Rückgang der Aktie um 26 Prozent seit Jahresbeginn deutet darauf hin, dass der Markt diese Frage derzeit skeptisch beantwortet.

Bullisches Szenario

Für Optimisten spricht die schiere Breite der Auftragslage. Der jüngste Rettungsstationen-Abruf und die erfolgreiche Skymaster-Twinvis-Integration zeigen, dass Rheinmetall in mehreren Programmen gleichzeitig liefert und technologisch anschlussfähig bleibt.

Mit der zum 1. März abgeschlossenen Übernahme der Lürssen-Werftensparte NVL treibt der Konzern zudem den Aufbau einer „All-Domain“-Verteidigungsgruppe voran; für die neue Naval-Systems-Division wird bis 2030 ein jährliches Umsatzpotenzial von 5 Milliarden Euro angepeilt.

RBC-Analyst Colin Moody nahm die Coverage am 11. August mit „Outperform“ und einem Kursziel von 1.600 Euro auf, gestützt auf ein erwartetes jährliches EBITA-Wachstum von 35 Prozent bis 2030. Warburg-Analyst Christian Cohrs bestätigte am 10. August nach Analyse der Quartalszahlen die Einstufung „Buy“ mit Kursziel 1.500 Euro.

Sollte sich die europäische Aufrüstungsdynamik fortsetzen und Naval Systems planmäßig hochlaufen, hätte die Aktie von aktuellem Niveau aus erhebliches Aufholpotenzial.

Bärisches Szenario

Skeptiker verweisen auf die Kehrseite der Prognosesenkung: Wenn ein einzelnes Großprojekt wie F126 die Jahresguidance spürbar belastet, offenbart das eine Konzentration auf wenige Großaufträge, deren Ausfall kaum kurzfristig kompensierbar ist.

JPMorgan-Analyst David Perry bestätigte am 21. August die Einstufung „Neutral“ mit Kursziel 1.350 Euro und verwies trotz starker Q2-Zahlen auf Unsicherheiten beim Auftragsbestand Ende 2026 sowie potenziell geringere Umsätze ab 2027. Die Aktie notiert derzeit rund 19 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt – ein Indiz dafür, dass der mittelfristige Trend angeschlagen ist.

Zudem liegt der Kurs 42 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch vom 3. Oktober, was zeigt, wie stark die Neubewertung der Verteidigungswerte bereits ausgefallen ist. Bleibt die Visibilität für 2027 gering, dürfte sich die Skepsis der Analysten eher verfestigen als auflösen.

Ausblick

Solange Rheinmetall neue Abrufe und Kooperationen wie die Skymaster-Twinvis-Integration liefert und die Naval-Systems-Wachstumsstory intakt bleibt, dürfte die fundamentale Wachstumsgeschichte für geduldige Anleger tragfähig bleiben.

Kippt jedoch die Visibilität für 2027 weiter – etwa durch zusätzliche Projektstopps oder eine erneute Prognoseanpassung –, dürfte die Aktie ihren bisherigen Abwärtstrend fortsetzen und die vorsichtigere JPMorgan-Einschätzung stärker Gehör finden.

Der nächste konkrete Prüfstein dürfte die weitere Konkretisierung der Naval-Systems-Strategie sowie die Entwicklung des Auftragsbestands zum Jahresende sein, auf die sowohl RBC als auch JPMorgan in ihren jeweiligen Einschätzungen bereits verwiesen haben.

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