Rocket Lab Aktie: Fünf-Flug-Deal für Neutron
Trotz 60% Kursrutsch bleibt Rocket Labs Auftragslage stark. Neutron-Start weiterhin für Q4 2026 geplant, Analysten sehen Übertreibung.

Kurz zusammengefasst
- Kurssturz trotz starker Auftragslage
- Neutron-Startplan bleibt unverändert
- Rekordquartal für Electron-Rakete
- Auftragsbestand wächst auf 2,2 Mrd. Dollar
Ein Kurssturz von fast 60 Prozent seit dem Jahreshoch, ein RSI von 36,2, eine annualisierte Volatilität von fast 96 Prozent — auf dem Papier sieht Rocket Lab aus wie ein Unternehmen in der Krise. Wer sich die Geschäftszahlen ansieht, findet davon kaum eine Spur. Genau das macht diesen Ausverkauf so bemerkenswert.
Die Aktie notiert aktuell bei 55,70 Euro, nach einem Minus von 37,49 Prozent binnen 30 Tagen. Zum Vergleich: Vor zwölf Monaten stand noch ein Plus von 44,30 Prozent zu Buche. Der Chart zeigt keine schleichende Verschlechterung, sondern eine brutale, schnelle Neubewertung eines Titels, der zuvor deutlich zu heiß gelaufen war.
Was sich wirklich verändert hat — und was nicht
Der Bären-Fall stützt sich fast ausschließlich auf eine Verzögerung: die Erstflug-Rakete Neutron. Ende Februar musste Rocket Lab den Erststart erneut verschieben, nachdem am 21. Januar bei einem Test ein Treibstofftank der ersten Stufe geplatzt war. CEO Peter Beck räumte den Rückschlag offen ein, betonte aber, das Team habe die Tank-Konstruktion inzwischen deutlich verbessert — sowohl bei der Festigkeit als auch bei der Fertigbarkeit.
Entscheidend: Der Zeitplan ist seither nicht weiter gerutscht. Rocket Lab hält weiterhin am vierten Quartal 2026 als Zieltermin für den Neutron-Erstflug fest. Noch im April bezeichnete Beck das Projekt als „on track“, während der Archimedes-Antrieb, der Neutron in die Umlaufbahn bringen soll, gerade „üble“ Tests durchläuft — seine eigene Wortwahl.
Für mich ist das der Kern der Fehlbewertung: Der Markt straft eine Verzögerung ab, die seit Monaten stabil ist, als wäre sie eine neue, sich verschärfende Krise. Dabei bucht die Kundschaft munter weiter. Ein Fünf-Flug-Deal für Neutron wurde abgeschlossen, während das Fahrzeug noch gar nicht geflogen ist. Eine Rakete, die noch nicht existiert, aber schon ausgebucht ist — das klingt nicht nach einem Geschäft im strukturellen Niedergang.
Das operative Geschäft läuft rund
Abseits von Neutron liefert Rocket Lab ab. Die kleinere Electron-Rakete verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 die stärkste Phase ihrer Geschichte. Allein im ersten Quartal unterschrieb das Unternehmen 36 neue Startverträge — 31 für Electron und das Hyperschall-Testprogramm HASTE, fünf für Neutron. Das ist mehr, als im gesamten Jahr 2025 an Missionen tatsächlich geflogen wurden.
Der Auftragsbestand ist entsprechend gewachsen: 2,2 Milliarden Dollar, ein Plus von 20,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal, dazu mehr als zwei Milliarden Dollar an verfügbarer Liquidität. Genau diese Kombination macht die aktuelle Panik aus meiner Sicht unverhältnismäßig. Rocket Lab muss nicht um Kapital kämpfen, um die zusätzlichen Qualifikationstests für Neutron zu finanzieren — das Geld liegt bereits bereit.
Hinzu kommen ein neuer Mehrfachstart-Deal mit dem japanischen Unternehmen iQPS für drei weitere Electron-Missionen und ein Rekordauftrag der US Space Force über 266 Millionen Dollar für Hyperschall-Tests. Die Auftragspipeline für die kommenden Jahre wirkt solider, als es der Kursverlauf vermuten lässt.
Startpunkt entscheidet über die Erzählung
Wer nur auf den Absturz vom Mai-Hoch schaut, sieht eine Katastrophe. Wer weiter zurückblickt, sieht etwas anderes: Selbst nach dem heftigen Rückgang liegt die Aktie noch immer 70,86 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 32,60 Euro aus dem November 2025. Anleger, die damals eingestiegen sind, sitzen weiterhin auf satten Gewinnen. Verluste haben nur jene, die auf dem euphorischen Mai-Hoch gekauft haben.
Mein Fazit: Volatilität, kein Fundamentalbruch
Das Risiko ist damit nicht vom Tisch. Rocket Lab schreibt weiterhin keine schwarzen Zahlen, und die Vergangenheit zeigt, dass sich Entwicklungszeitpläne neuer Raketen erneut verschieben können. Bei einer annualisierten Volatilität von 96 Prozent sind heftige Kursausschläge in beide Richtungen rund um den nächsten Quartalsbericht das Naheliegendste, was passieren kann.
Der Fall für einen strukturellen Einbruch des Geschäfts bleibt für mich aber dünn. Der Auftragsbestand wächst, staatliche wie kommerzielle Verträge stapeln sich, und der Neutron-Zeitplan hat sich seit dem Frühjahr nicht verschoben — nur verzögert wurde er bereits vorher. Frühere Quartalsberichte haben bei Rocket Lab schon mehrfach heftige Tagesausschläge in beide Richtungen ausgelöst, je nachdem, ob Neutron-Nachrichten oder Umsatzzahlen im Vordergrund standen. Vor dem nächsten Bericht spricht für mich mehr dafür, über den kurzfristigen Chartschaden hinwegzusehen, als sich von ihm leiten zu lassen.
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