Rüstungsaktien: Milliardenaufträge treffen auf Verkaufsdruck

Rheinmetall, Renk, OHB und Hensoldt melden operative Fortschritte, während sinkende Kurse die Skepsis der Anleger im Sektor zeigen.

Dieter Jaworski ·
Moderne Produktionshalle eines Rüstungsunternehmens mit hochtechnologischer Fertigungsausrüstung. (KI-generiertes Symbolbild)
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Rheinmetall liefert ersten Lynx-Prototyp
  • Renk erweitert Fertigung für Puma-Getriebe
  • OHB erhält milliardenschweren IRIS²-Auftrag
  • Airbus kämpft mit Triebwerksengpässen

Ein Prototyp für die US-Army, ein Milliardenauftrag für europäische Satelliten, ein Avionik-Deal in Indien— die Nachrichtenlage im Rüstungssektor war diese Woche prall gefüllt mit positiven Meldungen. Die Kurse honorierten das kaum. Zwischen operativem Fortschritt und Aktienperformance klafft bei Rheinmetall, Renk, OHB, Hensoldt und Airbus derzeit eine auffällige Lücke.

Rheinmetall: Bradley-Nachfolge kommt voran, die Aktie nicht

Der Panzerbauer hat einen wichtigen Meilenstein erreicht. Die US-Tochter American Rheinmetall lieferte den ersten Prototyp des Lynx XM30 an die US-Army aus— ein zentraler Schritt im Wettlauf um die Nachfolge des betagten Bradley-Schützenpanzers. Sieben weitere Prototypen sollen im Rahmen des rund 764 Millionen Dollar schweren Entwicklungsvertrags folgen.

Das Volumen der Gesamtausschreibung ist enorm: Rund 4.000 Fahrzeuge stehen zur Vergabe, das Auftragspotenzial liegt bei über 45 Milliarden Dollar. CEO Matt Warnick sprach von einer sichtbareren Phase des Programms, in der Rheinmetall nun beweisen müsse, tatsächlich liefern zu können. Konkurrent im Rennen ist General Dynamics Land Systems, während die Bundeswehr parallel eine vorläufige Straßenverkehrszulassung für das LUNA NG-Aufklärungsdrohnensystem erteilte.

Trotz dieser Fortschritte bleibt die Aktie unter Druck. Aktuell notiert das Papier bei 1.072,60 Euro, nach einem Rückgang von 6,2 Prozent auf Wochensicht und fast 10 Prozent im Monatsvergleich. Der Titel handelt damit rund 47 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 2.007 Euro. Der Auftragsbestand von etwa 80,5 Milliarden Euro und ein Rekordquartal mit 69 Prozent Umsatzwachstum ändern daran wenig— die Skepsis sitzt tiefer.

Analysten sind uneins: Goldman Sachs bestätigte ein Kursziel von 2.300 Euro mit „Buy“-Einstufung, während mwb research die Aktie von „Hold“ auf „Sell“ herabstufte und das Kursziel auf 1.050 Euro senkte. Kritikpunkt war unter anderem die halbierte Investitionsquote. Der Durchschnitt von 28 Analysten liegt bei 1.817 Euro— wurde aber in den vergangenen drei Monaten deutlich nach unten revidiert.

Renk Group: Getriebe-Ausbau trifft auf Bewertungszweifel

Während der Kurs weiter nachgibt, investiert Renk kräftig in seine deutsche Fertigung. Am Standort Rheine gingen drei neue Bearbeitungszentren in Betrieb, finanziert durch Investitionen von über 20 Millionen Euro bis 2030. Sie produzieren Komponenten für das Getriebe des Schützenpanzers Puma.

COO Emmerich Schiller bezeichnete den Ausbau als konsequente Skalierung des globalen Produktionssystems in Richtung Serienfertigung. Bis 2028 will Renk im Rahmen der „Made for Germany“-Initiative bis zu 325 Millionen Euro in Digitalisierung und Kapazitätsausbau stecken. Das Ziel: eine Verdopplung der jährlichen Panzergetriebe-Produktion von über 800 Einheiten im Jahr 2023 auf mehr als 2.000 Einheiten bis 2030.

Operativ läuft es rund— der Auftragsbestand wuchs auf 6,9 Milliarden Euro, gestützt durch einen Rekord-Auftragseingang von 582,3 Millionen Euro im ersten Quartal. An der Börse zählt das derzeit wenig. Die Aktie notiert bei 44,09 Euro und liegt damit 51 Prozent unter ihrem Jahreshoch. Der RSI von 33,7 signalisiert eine überverkaufte Situation, doch das Vertrauen in eine nachhaltige Erholung fehlt vielen Marktteilnehmern noch.

OHB SE: IRIS²-Auftrag reißt die Aktie nach oben— und wieder zurück

Kaum ein Name im Sektor zeigte diese Woche so viel Bewegung wie OHB. Ausgangspunkt war ein milliardenschwerer Auftrag von Satellitenbetreiber SES für die Entwicklung und den Bau von 18 Satellitenplattformen im Rahmen des europäischen Sicherheitsprogramms IRIS². Es handelt sich um den ersten großen Auftrag nach dem offiziellen Start der Umsetzungsphase des Programms und die erste bedeutende Bestellung unter der IRIS²-Konzession.

Die ersten Satelliten sollen 2029 starten, das Gesamtsystem soll aus 348 Satelliten in niedrigen und mittleren Erdorbits bestehen— positioniert als europäische Antwort auf Starlink. CEO Marco Fuchs nannte den Auftrag einen bedeutenden Schritt Europas in Richtung Unabhängigkeit bei kritischer Kommunikationsinfrastruktur.

Die Freude an der Börse war jedoch nur von kurzer Dauer. Aktuell notiert die Aktie bei 176,60 Euro, nach einem Tagesverlust von 4 Prozent und einem Minus von 25 Prozent auf Monatssicht. Zum Vergleich: Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 51 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sogar von 173 Prozent— die Korrektur der vergangenen Wochen relativiert sich damit etwas. Der Titel notiert derzeit 74 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 688 Euro.

Die Analystengemeinde bleibt trotz der Kursschwankungen optimistisch. Zahlreiche Häuser haben in den vergangenen Wochen die Coverage aufgenommen, fast durchweg mit Kaufempfehlungen. Die Kursziele reichen von 250 Euro bei Goldman Sachs (neutral eingestuft) bis 360 Euro bei Rothschild.

Hensoldt: Indien-Deal kann Abwärtstrend nicht stoppen

Auch bei Hensoldt zeigt sich das bekannte Muster: operativer Erfolg, aber kein Kursschutz. Die indische ePlane Company (Ubifly Technologies) beauftragte den Sensorik-Spezialisten mit der Lieferung einer kompletten Avionik-Suite für den elektrischen Senkrechtstarter „e200X“— Indiens erstes eVTOL-Lufttaxi. Das System soll als digitales Nervensystem für Navigation, Lageerkennung und sichere Konnektivität im dichten urbanen Luftraum fungieren.

Der Auftrag markiert für Hensoldt den Übergang von der gemeinsamen Entwicklung zur Serienreife in einem völlig neuen Marktsegment. Enthalten sind unter anderem das Kartensystem EuroNav 7 NG und die visuelle Landehilfe CaviSight.

An der Börse zeigt sich davon wenig. Die Aktie verlor zuletzt weiter und notiert aktuell bei 81,30 Euro, nach einem Rückgang von 6,9 Prozent auf Wochensicht. Der Auftragsbestand von 8,8 Milliarden Euro steht einem anspruchsvollen Bewertungsniveau von rund dem 40-Fachen der erwarteten Gewinne gegenüber— das lässt wenig Spielraum für operative Enttäuschungen. Auch hier gehen die Analystenmeinungen weit auseinander: Deutsche Bank bleibt mit einem Kursziel von 101 Euro der prominenteste Optimist, während MWB Research sein Ziel von 65 auf 57 Euro senkte und die zu starke Konzentration auf klassische Landplattformen kritisierte, die für die aktuelle Gefechtsfelddynamik weniger zentral seien.

Airbus: Das vierte Quartal wird zur Nagelprobe

Airbus kämpft mit einem ganz anderen Problem als seine Rüstungs-Peers— nicht mit Vertrauen, sondern mit der Lieferkette. Bis Ende August waren rund 466 Verkehrsflugzeuge ausgeliefert, etwa 7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Doch das Tempo bröckelt: Im Juli wurden 67 Maschinen ausgeliefert, im August nur noch rund 48.

Um das Jahresziel von 870 Flugzeugen noch zu erreichen, müsste der Konzern zwischen September und Dezember weitere 404 Maschinen liefern— im Schnitt 101 pro Monat. Das würde den bisherigen Rekord für einen Vier-Monats-Zeitraum aus dem Jahr 2019 von 363 Flugzeugen deutlich übertreffen. Der entscheidende Flaschenhals bleibt die Verfügbarkeit von Pratt & Whitney-Triebwerken für die A320-Familie.

Die Aktie notiert aktuell bei 194,02 Euro, gut 12 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 221,25 Euro. Trotz der operativen Hürden bleiben Analysten gelassen: Selbst eine Verschiebung von 20 bis 40 Auslieferungen ins kommende Jahr würde angesichts eines Auftragsbestands von über 9.000 Flugzeugen lediglich die Erfassung von Umsatz und Gewinn zeitlich verschieben, nicht deren Substanz gefährden. Der Durchschnitt von 66 Analysten sieht ein Kursziel von 217,26 Euro— rund 6,6 Prozent Luft nach oben. Langfristig strebt Airbus eine Verdopplung des bereinigten operativen Gewinns auf 12 bis 13 Milliarden Euro bis 2029 an und hat ein fünf Milliarden Euro schweres Rückkaufprogramm aufgesetzt.

Sektordynamik im Überblick

Die fünf Unternehmen zeigen, wie unterschiedlich sich der Rüstungsboom auf Bilanzebene niederschlägt:

  • Rheinmetall und Renk hängen am Landsystem-Geschäft und der US-Expansion— Rheinmetalls Bradley-Nachfolge-Gebot zählt zu den größten adressierbaren Verträgen im gesamten Sektor
  • OHB profitiert als Raumfahrt-Spezialist von EU-Souveränitätsinitiativen statt von klassischer Kampfausrüstung
  • Hensoldt bewegt sich zwischen Verteidigungselektronik und ziviler Luftfahrt, bleibt aber wegen seiner Bewertung anfällig für Ausführungsrisiken
  • Airbus tickt nach einer völlig anderen Uhr— hier entscheiden Industrielieferketten und Triebwerksverfügbarkeit, nicht Verteidigungsbudgets

Was alle fünf Titel verbindet, ist eine neue Skepsis gegenüber einem Sektor, der jahrelang nahezu grenzenloses Wachstum eingepreist hatte. Interne Berichte der Bundeswehr und von Beschaffungsstellen, die Verzögerungen bei zwei größeren Rüstungsprojekten kritisieren, haben das Anlegervertrauen in die termingerechte und qualitätsgerechte Auftragserfüllung zuletzt spürbar gedämpft. Selbst Rheinmetalls Rekord-Umsatzwachstum von 69 Prozent im zweiten Quartal konnte die vorherrschende Skepsis kaum aufwiegen.

Rüstungssektor zwischen Auftragsflut und Vertrauenskrise

Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob sich die Stimmung dreht. Rheinmetalls nächste Quartalszahlen am 5. November werden genau darauf abgeklopft, ob die Kritik aus dem Verteidigungsministerium eine vorübergehende Randnotiz bleibt oder tiefer nachwirkt. Bei Airbus entscheidet das vierte Quartal darüber, wie glaubwürdig das Jahresziel von 870 Auslieferungen noch ist— die Triebwerksverfügbarkeit bei Pratt & Whitney bleibt der Schwachpunkt.

Renk muss beweisen, dass sich der wachsende Auftragsbestand tatsächlich in Margenverbesserung übersetzen lässt, sobald die Kapazitätserweiterungen in Rheine und Augsburg greifen. OHBs IRIS²-Erfolg liefert derweil ein Modell dafür, wie weltraumgestützte Souveränitätsprogramme stabilere Erträge liefern könnten als klassische Landsystem-Zyklen. Hensoldts Aufgabe bleibt, den prall gefüllten Auftragsbestand in ein Gewinnwachstum zu verwandeln, das die hohe Bewertung rechtfertigt.

Die fundamentalen Treiber— Auftragsbücher, Verteidigungsbudgets, NATO-Fähigkeitsziele— zeigen weiterhin nach oben. Wie schnell kurzfristige Vertrauenskrisen die Kurse trotzdem ins Wanken bringen können, hat diese Woche eindrücklich vorgeführt.

Anzeige

Rheinmetall-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Rheinmetall-Analyse vom 2. September liefert die Antwort:

Die neusten Rheinmetall-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Rheinmetall-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 2. September erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

Rheinmetall: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Rheinmetall Aktie

1.076,00 EUR

+ 1,00 EUR +0,09 %
KGV 42,74
KUV 4,72
Sektor Industrieunternehmen
Div.-Rendite 1,00 %
Marktkapitalisierung 50,16 Mrd. EUR
Ø Kursziel 1.679,38 EUR
ISIN: DE0007030009 WKN: 703000

Community Forum zu Rheinmetall

Ähnliche Artikel

Applied Materials Aktie: Qualcomm-Manager verstärkt Board

Applied Materials Aktie: Qualcomm-Manager verstärkt Board

Dividenden ·
Bitzero Aktie: Schulden getilgt, Kurs fällt 8 Prozent

Bitzero Aktie: Schulden getilgt, Kurs fällt 8 Prozent

Krypto-Aktien ·
Novartis Aktie: Remibrutinib schlägt Teriflunomid

Novartis Aktie: Remibrutinib schlägt Teriflunomid

Pharma & Biotech ·
BrainChip Aktie: 2.000 AKD1500 ausgeliefert

BrainChip Aktie: 2.000 AKD1500 ausgeliefert

KI & Quantencomputing ·
Microvision Aktie: Nasdaq-Delisting abgewendet

Microvision Aktie: Nasdaq-Delisting abgewendet

Nasdaq ·

Weitere Artikel zu Rheinmetall

Alle Artikel anzeigen
Rheinmetall Aktie: 46 Prozent unter 52-Wochen-Hoch

Rheinmetall Aktie: 46 Prozent unter 52-Wochen-Hoch

Rüstung & Luftfahrt ·
Rheinmetall vor US-Bewährungsprobe: Kippt der Kursdruck bei einer Panzer-Entscheidung?

Rheinmetall vor US-Bewährungsprobe: Kippt der Kursdruck bei einer Panzer-Entscheidung?

Industrie ·
Rheinmetall, Renk, OHB: Kursrutsch trotz voller Auftragsbücher

Rheinmetall, Renk, OHB: Kursrutsch trotz voller Auftragsbücher

Raumfahrt ·
Rheinmetall Aktie: 250-Millionen-Camp in Litauen geplant

Rheinmetall Aktie: 250-Millionen-Camp in Litauen geplant

Industrie ·
Warum Renks Rekordproduktion den Kursrutsch bei Rheinmetall nicht stoppt

Warum Renks Rekordproduktion den Kursrutsch bei Rheinmetall nicht stoppt

Industrie ·