SAP-Aktie: Entscheidet der Cloud-Auftragsbestand über die Erholung bis zum Herbst?

SAP verzeichnet starkes Cloud-Wachstum und beendet Kartellverfahren. Analysten bewerten die Erholungschancen der Aktie unterschiedlich.

Andreas Sommer ·
SAP Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Kursplus von über neun Prozent
  • Cloud-Auftragsbestand wächst um 27 Prozent
  • Kartellverfahren der EU offiziell beendet
  • Analysten uneins über weiteres Potenzial

Ausgangslage

Der Sprung kam am Freitag: Die SAP-Aktie schloss bei 140,80 Euro, ein Plus von 9,15 Prozent binnen eines Tages. Auslöser war die Vorlage der Zahlen zum zweiten Quartal 2026. SAP meldete einen Umsatzanstieg um 9 Prozent auf 9,878 Milliarden Euro, das operative Ergebnis nach IFRS kletterte um 8 Prozent auf 2,643 Milliarden Euro. Im Zentrum der Reaktion stand jedoch eine andere Zahl: Der Cloud-Auftragsbestand wuchs um 27 Prozent auf 22,929 Milliarden Euro. Diese Kennzahl gilt als Frühindikator für künftige Umsätze und hat Sorgen um eine Wachstumsabschwächung offenbar vorerst zerstreut.

Der Zeitpunkt ist heikel für Anleger. Nach einem Kursverfall, der SAP allein binnen zwölf Monaten stark belastet hat, notiert das Papier weiterhin deutlich unter seinem 200-Tage-Durchschnitt, der Abstand beträgt fast 19 Prozent. Der jüngste Sprung markiert damit eher eine Erholungsbewegung innerhalb eines längeren Abwärtstrends als eine bestätigte Trendwende. Parallel dazu hat die EU-Kommission ein zuvor laufendes Kartellverfahren gegen SAP am 18. Juli offiziell beendet – ein regulatorischer Unsicherheitsfaktor ist damit vom Tisch. Zudem stockte eine Führungskraft des Unternehmens ihre eigene Aktienposition am Markt auf, was am Kapitalmarkt häufig als Vertrauenssignal gelesen wird.

Die entscheidende Frage

Für die kommenden Monate hängt die Bewertung von SAP an einer einzigen Größe: Gelingt es dem Konzern, den stark wachsenden Cloud-Auftragsbestand in tatsächliches Umsatzwachstum umzumünzen, ohne dass die operative Marge weiter erodiert? Im zweiten Quartal sank die Marge bereits leicht von 27,2 auf 26,8 Prozent. Ob dieser Rückgang eine vorübergehende Investitionsphase in KI-Fähigkeiten widerspiegelt oder ein strukturelles Problem andeutet, entscheidet darüber, ob Anleger den Kurssprung vom Freitag als Auftakt einer nachhaltigen Erholung werten dürfen oder als kurzfristige Gegenbewegung.

Bullisches Szenario

Für die optimistische Lesart spricht zunächst das Tempo des Backlog-Wachstums: 27 Prozent liegen deutlich über dem Umsatzwachstum des Kernquartals und signalisieren, dass sich das Wachstum in den kommenden Quartalen eher beschleunigen als abschwächen dürfte. Bernstein bestätigte am Freitag die Einstufung „Overweight“, senkte das Kursziel nur geringfügig von 276 auf 273 Euro und begründete dies mit dem weiterhin gesunden Wachstum. Jefferies bekräftigte am selben Tag die Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 210 Euro und verwies explizit auf den Cloud-Backlog als kurzfristigen Kurstreiber.

Hinzu kommt die strategische Flankierung: Mit den abgeschlossenen Übernahmen von Dremio und Prior Labs sowie der fortschreitenden Integration von WalkMe in den KI-Copiloten Joule baut SAP gezielt Fähigkeiten im Bereich der sogenannten Business AI und agentischer KI aus. Bleibt der Auftragsbestand auf diesem Wachstumspfad, dürfte sich die Investitionsphase in den Folgequartalen in höheren Umsätzen niederschlagen – die Marge könnte sich stabilisieren, sobald die KI-Integrationen skalieren.

Bärisches Szenario

Die Gegenposition beginnt bei der Marge selbst: Ein Rückgang von 27,2 auf 26,8 Prozent mag klein wirken, doch er tritt just in dem Quartal auf, in dem der Konzern seinen stärksten Backlog-Zuwachs seit Langem präsentiert. Sollte sich das Muster fortsetzen – starkes Auftragswachstum bei gleichzeitig sinkender Profitabilität – würde das darauf hindeuten, dass die Integrationskosten für Dremio, Prior Labs und WalkMe schwerer wiegen als die Skaleneffekte aus dem Cloud-Geschäft.

Auch die Analystenlandschaft ist gespalten: JP Morgan beließ die Einstufung am Freitag bei „Neutral“ mit einem Kursziel von lediglich 175 Euro, Deutsche Bank bewertete SAP mit 200 Euro. Diese Spanne gegenüber den 273 Euro von Bernstein zeigt, dass keineswegs Konsens über das Ausmaß der Erholung herrscht. Technisch bleibt der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von fast 19 Prozent ein Warnsignal: Ein einzelner starker Handelstag ändert nichts an einem seit Monaten intakten Abwärtstrend. Die hohe annualisierte Volatilität von gut 43 Prozent unterstreicht zudem, dass Kursausschläge in beide Richtungen wahrscheinlich bleiben.

Ausblick

Solange der Cloud-Auftragsbestand im zweistelligen Prozentbereich wächst und die Marge sich in der Nähe des aktuellen Niveaus stabilisiert, dürfte die Erholung Substanz behalten – gestützt auch durch den Wegfall des Kartellverfahrens und die laufende KI-Konsolidierung. Rutscht die operative Marge dagegen in den kommenden Quartalen weiter ab, ohne dass sich das Backlog-Wachstum in höheren Umsätzen niederschlägt, dürfte die Skepsis von JP Morgan und Deutsche Bank an Gewicht gewinnen. Der nächste konkrete Prüfstein folgt am 21. Oktober, wenn SAP die Zahlen zum dritten Quartal 2026 vorlegt. Erst dann zeigt sich, ob der Sprung vom Freitag der Beginn einer tragfähigen Erholung war oder nur eine Momentaufnahme.

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