Sell-on-Good-News: Warum SAP glänzt, während die Rohstoff-Wende leiser kommt

SAP glänzt mit Cloud-Wachstum, während Rohstoff- und Batteriesektor sich neu ordnen. Traton hebt Prognose an.

Eduard Altmann ·
Biogen Aktie

Kurz zusammengefasst

  • SAP überzeugt mit starkem Cloud-Geschäft
  • Bundesregierung prüft Vacuumschmelze-Übernahme
  • Varta stellt Insolvenzantrag in Eigenverwaltung
  • Traton profitiert von US-Bestellungsboom

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

diese Woche hat einmal mehr gezeigt, dass gute Zahlen allein nicht mehr reichen. Wer nicht doppelt und dreifach überzeugt, wird trotz solider Bilanz abgestraft — das war schon am Freitag bei Munich Re und Volkswagen zu besichtigen, und es setzte sich nahtlos fort. SAP durfte die Ausnahme sein und lieferte einen der stärksten DAX-Tage seit Wochen. Spannender als die Cloud-Euphorie ist aber, was sich parallel in der Rohstoff- und Batterie-Industrie abspielt: eine Neuordnung zwischen Insolvenz, Übernahme und Staatsinteresse, die mit weniger Schlagzeilen auskommt, aber für Anleger die langfristig relevantere Geschichte sein dürfte.

SAP trägt den DAX — Cloud schlägt, Lizenzen brechen weg

SAP war der Gewinner der Woche. Die Aktie schloss am Freitag bei 140,34 Euro und zog den DAX über die 25.000-Punkte-Marke. Der Grund liegt in der Cloud: Der Auftragsbestand kletterte auf 22,9 Milliarden Euro, ein Plus von 26 Prozent, der Cloud-Umsatz wuchs zweistellig. Beim Gewinn je Aktie übertraf SAP mit 1,89 Euro (Vorjahr: 1,45 Euro) die Analystenerwartung von 1,76 Euro deutlich.

Der Haken steckt im Kleingedruckten. Die klassischen Softwarelizenzen brachen um 32 Prozent auf nur noch 131 Millionen Euro ein, und die Prognose für das operative Ergebniswachstum wurde auf 13 bis 17 Prozent gesenkt — belastet durch die Zukäufe Dremio und Prior Labs. Bei einem KGV von rund 34 ist SAP damit kein Schnäppchen mehr. Wer investiert ist, sollte die Cloud-Transition als das begreifen, was sie ist: der Umbau eines Tankers. Sein Erfolg zeigt sich am Auftragsbestand — nicht an der schrumpfenden Lizenzzeile, die ohnehin zum Auslaufmodell gehört.

Zwischen Lithium-Boden, VAC-Deal und Varta-Pleite

Die eigentlich unterschätzte Geschichte der Woche spielt sich in der Rohstoffkette ab. Die Bundesregierung prüft die Übernahme des Magnetherstellers Vacuumschmelze durch den US-Konzern Energy Fuels für 1,9 Milliarden Dollar. Vacuumschmelze ist einer der wenigen Produzenten von Seltene-Erden-Magneten außerhalb Chinas und beschäftigt 3.600 Menschen. Eine Untersagung gilt als unwahrscheinlich, doch Berlin knüpft den Deal an Auflagen zur Sicherung des Standorts Hanau. Das ist ein Lehrstück in angewandter Wirtschaftssicherheit: Kapital darf kommen, die strategische Kapazität soll im Land bleiben.

Die Kehrseite zeigt sich bei Varta. Der Batteriehersteller hat einen Antrag auf vorläufige Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt, die Gläubigergruppe um Deutsche Bank und RBC BlueBay plant die Ausgliederung des Haushaltsbatteriegeschäfts. Branchenexperten warnen, dass Deutschland die Volumenherstellung — etwa bei Natrium-Ionen-Batterien als kommender Zukunftstechnologie — gegen China schlicht nicht stemmen kann.

Für Depot-Anleger liegt der handelbare Winkel woanders, nämlich breiter gefasst: Der Lithiummarkt stabilisiert sich nach dem langen Preisverfall. Rio Tinto baut seine globale Präsenz aus, Lithium Americas konzentriert sich auf das Großprojekt Thacker Pass. Wer auf die Bodenbildung bei Rohstoffen setzen will, findet in diesen liquiden, diversifizierten Namen die solidere Basis als in insolvenzgefährdeten Nischenwerten wie Varta.

Der GLP-1-Krieg wird zum Gerichtsfall

Der Adipositas-Markt, bis Ende des Jahrzehnts auf über 100 Milliarden Dollar taxiert, trägt seinen Wettbewerb inzwischen vor Gericht aus. Novo Nordisk beantragt eine einstweilige Verfügung gegen Eli Lilly — Termin ist der 17. August — wegen angeblich irreführender Dosierungsvergleiche in der Werbung für Zepbound und Mounjaro. Lilly verweist zur Verteidigung auf seine SURMOUNT- und SURPASS-Studien als Goldstandard. Am Markt gab Novo leicht nach, Lilly hielt sich stabil. Die eigentliche Botschaft: Der Wettbewerb ist so eng geworden, dass er juristisch entschieden werden muss — ein Zeichen von Marktreife, keine Schwäche.

Für Timing-orientierte Anleger ist die anstehende Berichtswoche relevanter. Biogen legt am 29. Juli vor, nachdem das erste Quartal mit 3,57 Dollar je Aktie deutlich über den Erwartungen lag. Moderna folgt am 31. Juli. Für deutsche Depots zählt vor allem der 4. August: BioNTech veröffentlicht dann Quartalszahlen samt strategischem Update zum Umbau Richtung Onkologie. Die Aktie zeigt derzeit schwaches Momentum, während Analysten langfristig weiter zum Kauf raten — der 4. August dürfte zeigen, ob sich das Blatt wendet.

Traton hebt die Prognose — der stille Gewinner im MDAX

Während Halbleiterwerte in dieser Woche korrigierten, lieferte die VW-Nutzfahrzeugtochter Traton eine echte Überraschung: Die US-Bestellungen sprangen um 141 Prozent, die Prognose wurde angehoben. Die Aktie markierte am Freitag mit 40,82 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch, bevor sie bei 39,56 Euro aus dem Handel ging — auf Zwölfmonatssicht steht damit ein Plus von gut 30 Prozent zu Buche.

Bemerkenswert ist das vor allem im Konzernkontext: Mutter Volkswagen meldete für das erste Halbjahr einen Gewinneinbruch von über 30 Prozent und plant weltweit rund 50.000 Stellen abzubauen. Traton beweist, dass der Nutzfahrzeug-Zyklus in den USA dreht — unabhängig von der Schwäche im Pkw-Geschäft des Konzerns. Wer VW pauschal abschreibt, übersieht damit einen Konzernteil, der gerade das Gegenteil vormacht.

Wo gute Zahlen bestraft wurden

Zum „Sell-on-Good-News“-Muster gehören auch die Verlierer der Woche. STMicroelectronics gab nach einer Q3-Umsatzprognose unter den Erwartungen deutlich nach und notiert spürbar unter seinem 52-Wochen-Hoch. Nebius stürzte am Freitag rund 15 Prozent ab — trotz einer Nvidia-Beteiligung von 9,3 Prozent, ein Warnsignal dafür, wie schnell die KI-Fantasie an der Börse kippen kann. Swatch (schwaches Halbjahr) und LVMH leiden zusätzlich unter dem anhaltenden Luxus-Gegenwind. Wer defensiv denkt, sieht darin eine Bestätigung: Die Bewertungen sind gedehnt, und die Toleranz für Enttäuschungen ist praktisch aufgebraucht.

Diese Nervosität rund um Nvidia und die Halbleiterbranche steht nicht für sich allein, sondern spiegelt einen viel größeren Konflikt: den technologischen Machtkampf zwischen den USA und China um die Vorherrschaft bei Mikrochips. Genau dazu lädt Chip- und Tech-Experte Bernd Wünsche morgen um 18:00 Uhr zum Live-Webinar „TAM Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“ ein. Er ordnet ein, wie chinesische KI-Modelle zuletzt einen historischen Kurssturz bei US-Chip-Aktien ausgelöst haben und wie Washington mit einem milliardenschweren Deal zum Ausbau der eigenen Chip-Produktion gegensteuert. Im Mittelpunkt steht dabei eine konkrete Aktie, die Wünsche als möglichen nächsten großen Profiteur dieser Verschiebung sieht. Anleger, die verstehen wollen, wie sich diese Neuordnung der Chip-Industrie auf ihr Depot auswirken könnte, finden hier eine zeitnahe Einordnung abseits der Tagesvolatilität. Jetzt zum Webinar „TAM Chipkrieg USA vs China – Die neue NVIDIA“ anmelden

Unterm Strich

Die kommende Woche wird von Zahlen getaktet — Moderna, Biogen und US-Konjunkturdaten treffen auf eine wieder aufflammende Inflationsdebatte, während Brent über der 100-Dollar-Marke notiert und die Fed an ihrer restriktiven Rhetorik festhält. Anders als am Freitag, als mit Munich Re und Volkswagen zwei Schwergewichte gegensätzliche Signale sendeten, zeigt diese Woche eine feinere Unterscheidung: Selbst innerhalb eines Konzerns wie Volkswagen kann ein Unternehmensteil — Traton — genau das liefern, was der Mutter fehlt. Für deutsche Depots heißt das: Die stabileren Geschichten liegen dort, wo Substanz auf strukturellen Rückenwind trifft, sei es im US-Nutzfahrzeug-Zyklus oder in der Neuordnung der Rohstoffkette zwischen Hanau und dem Lithiummarkt. Bei allem anderen bleibt es dabei, dass ein guter Bericht allein derzeit keine Kurse mehr rettet.

Ein ruhiges Restwochenende wünsche ich Ihnen trotzdem — die Zahlenflut der neuen Woche kommt früh genug.

Beste Grüße,
Ihr Eduard Altmann

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