Siemens Energy: Das Todeskreuz und die 245-Euro-Wette der Analysten
Siemens Energy verbindet starke Quartalsdaten und hohe Bestellungen mit charttechnischen Warnsignalen, während Analysten deutlich höhere Kurse sehen.

Kurz zusammengefasst
- Analystenziele reichen bis 245 Euro
- Auftragsbestand steigt auf 162 Milliarden Euro
- Volkswagen plant 50.000 weitere Stellenstreichungen
- BioNTech präsentiert Pumitamig-Daten in Seoul
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
wenn zwei Großbanken und die Charttechnik über dieselbe Aktie fundamental uneinig sind, wird es interessant. JPMorgan sieht Siemens Energy bei 245 Euro, Jefferies bei 210 Euro – Chartanalysten warnen dagegen vor einem „Todeskreuz“ mit Abwärtsrisiko bis 100 Euro. Die Aktie schloss am Freitag bei 147,08 Euro, binnen zwölf Monaten ein Plus von 65 Prozent. Diese Spanne ist keine Randnotiz, sie ist die eigentliche Geschichte der Woche – interessanter als der Volkswagen-Sanierungsplan, der die meisten Schlagzeilen zog.
Siemens Energy: Rekordauftragsbestand trifft auf Sabotage-Warnung. Der Umsatz legte im jüngsten Quartal um rund 18 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro zu, der bereinigte Gewinn je Aktie stieg von 0,71 auf 1,28 Euro. Wichtiger als diese Momentaufnahme ist der Auftragsbestand: 17,9 Milliarden Euro neue Bestellungen ließen den Backlog auf 162 Milliarden Euro anschwellen. Das ist Planungssicherheit für Jahre, keine Eintagsfliege. Parallel treibt Vorstandschef Christian Bruch einen Konzernumbau voran – die Sparte Transformation of Industry soll verselbstständigt werden, was nach Einschätzung von Beobachtern das Kursniveau anheben könnte. Und dann ist da noch die Warnung, die aufhorchen lässt: Bruch sprach öffentlich über zunehmende hybride Angriffe auf die deutsche Energie-Infrastruktur, Strom und Wasser eingeschlossen, und forderte einen zivilen Operationsplan sowie dezentrale Ersatzteillager. Das Unternehmen beschäftigt allein in Deutschland 27.000 der insgesamt 103.000 Mitarbeiter – wer hier warnt, meint es ernst. Rückenwind liefert nebenbei der KI-Boom: Broadcom meldete einen KI-Halbleiterumsatz von 16,7 Milliarden Dollar, plus 221 Prozent, und rechnet mit einer Verdopplung bis 2027. Der daraus resultierende Strombedarf für Rechenzentren gilt Beobachtern als direkter Rückenwind für Energieinfrastruktur-Ausrüster wie Siemens Energy. Fazit für Anleger: Wer hier einsteigt, kauft eine fundamental starke, aber charttechnisch angeschlagene Story – beide Seiten der Wette sind mit Zahlen unterlegt, keine ist zu ignorieren.
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Ganz anders die Lage in Wolfsburg, wo es nicht um Wachstum, sondern um Schadensbegrenzung geht.
Volkswagen: Der Aufsichtsrat hat geliefert, die Wall Street glaubt es, vorerst. Der einstimmig gebilligte „Zukunftsplan 2030“ sieht einen weltweiten Abbau von 50.000 Stellen vor, zusätzlich zu den bereits 2024 beschlossenen 50.000 Stellen bis 2030. Ziel ist eine operative Umsatzrendite von 9 Prozent bis 2030 – nach mageren 3,8 Prozent im ersten Halbjahr. Die Produktion soll auf 9 Millionen Fahrzeuge pro Jahr schrumpfen, vier Werke (Emden, Zwickau, Hannover, Neckarsulm) verlieren zwischen 2031 und 2034 ihre Folgebelegung, weil Europa nach Konzernangaben eine Überkapazität von mehr als 500.000 Fahrzeugen trägt. Die Restrukturierung soll bis zu 10 Milliarden Euro kosten, im Gegenzug stehen für 2027 bis 2031 Investitionen von 135 Milliarden Euro im Plan. Rund die Hälfte des Anpassungsbedarfs entfällt auf Deutschland, wo etwa 25.000 Stellen wegfallen dürften – bei einer Konzernbelegschaft von 663.000 Mitarbeitern Ende 2025, davon 284.000 hierzulande. Ab dem 1. Oktober übernimmt mit Erika Rasch eine neue Personalchefin die Umsetzung. Die Aktie reagierte am Freitag kräftig, je nach Meldung zwischen sechs und zehn Prozent im Plus. Doch der eigentliche Prüfstein kommt erst noch: Ein Konzept für die europäische Produktionsstruktur muss bis Ende Juni 2027 vorliegen. Erst dann zeigt sich, ob der Kompromiss zwischen Kapital und Belegschaft trägt oder nur Zeit gekauft wurde.
Von der Industrie zur Onkologie: Auch dort wird gerade neu verteilt, wer die nächsten Jahre dominiert.
Lungenkrebs-Onkologie: BioNTechs Pumitamig-Daten treffen auf verschärften Wettbewerb. Die BioNTech-Aktie notiert stabil über 100 Dollar, während der Blick der Anleger auf die World Conference on Lung Cancer vom 12. bis 15. September in Seoul gerichtet ist, wo neue Daten zum Wirkstoff Pumitamig präsentiert werden sollen. Der Zeitpunkt ist heikel: Erst am 3. September meldete Summit Therapeutics, dass der eigene Bispezifikum-Kandidat Ivonescimab in einer Studie bei metastasiertem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom den Merck-Blockbuster Keytruda beim Gesamtüberleben schlug – die Aktie legte daraufhin deutlich zu. Gleichzeitig zeigte Daraxonrasib von Revolution Medicines, ein bereits für Bauchspeicheldrüsenkrebs zugelassener Wirkstoff, in einer frühen Phase-1-Studie bei mehr als 30 Prozent der Lungenkrebspatienten eine Tumorverkleinerung – allerdings bei schweren Nebenwirkungen bei 54 Prozent der Teilnehmer, was das Sicherheitsprofil belastet. Für Anleger heißt das konkret: Der Markt für PD-1/VEGF-gerichtete Antikörper in der Lungenkrebstherapie wird gerade neu verteilt, und Pumitamig muss in Seoul liefern, um im Rennen zu bleiben. Die Volatilität dieser Titel dürfte in den kommenden zwei Wochen hoch bleiben.
Industrieaufträge: Die Erholung ist real, aber ungleich verteilt. Die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe legten im Juli um 2,5 Prozent zum Vormonat und 13 Prozent zum Vorjahr zu – getragen allerdings von einem außergewöhnlichen Sprung im sonstigen Fahrzeugbau (Flugzeuge, Schiffe) von rund 126 Prozent. Ohne Großaufträge stehen die Bestellungen sogar mit 1,4 Prozent im Minus, und die klassische Autoindustrie meldete einen Rückgang von 12,5 Prozent – ein Kontrast, der die VW-Nachrichten dieser Woche unterstreicht. Das ifo-Geschäftsklima erreichte im August dennoch den höchsten Stand seit einem Jahr, und die Wirtschaftsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 1,3 bis 1,4 Prozent angehoben, nach einem BIP-Plus von 0,3 Prozent im zweiten Quartal. Für Anleger bedeutet das: Die Breite der Erholung ist noch fragil. Einzeltitel-Selektion bleibt wichtiger als ein pauschaler Deutschland-Trade.
Die Auftragszahlen zeigen es deutlich: Deutschlands Industrie steckt mitten im technologischen Umbruch, während Milliardeninvestitionen in Robotik und Künstliche Intelligenz traditionelle Abläufe grundlegend verändern. Ein kostenloser Report beleuchtet, welche Unternehmen diesen Wandel bereits anführen und von der nächsten industriellen Revolution profitieren dürften. Report jetzt herunterladen
Der DAX hält sich nach seinem Rekordhoch Ende August auf hohem Niveau, während der überraschend starke US-Arbeitsmarktbericht die Zinserwartungen in Amerika verschoben hat. Kommende Woche bekommt das Thema mit der EZB-Zinssitzung am Donnerstag ein europäisches Pendant – erwartet wird eine Anhebung um 0,25 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent.
Unterm Strich
Drei Geschichten, ein gemeinsamer Nenner: Bei allen dreien entscheidet nicht das Heute, sondern ein konkreter Termin über die nächsten Jahre. Bei Siemens Energy ist es die Frage, ob der operative Rekordwert die Charttechnik überstimmt oder umgekehrt. Bei Volkswagen ist es Ende Juni 2027, wenn das Produktionskonzept für Europa vorliegen muss. Bei BioNTech sind es die zwei Wochen bis Seoul. Wer diese Woche Positionen überdenkt, sollte weniger auf den nächsten Indexstand schauen als auf diese drei Fristen.
Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann
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