Siemens Energy mit Rekordquartal, ABO Wind kämpft ums Überleben — Grünstrom-Sektor driftet auseinander
Siemens Energy meldet Rekordaufträge und hebt Prognose an, während ABO Wind die Sanierungsfähigkeit bescheinigt wird. RWE und Nordex stehen vor eigenen Herausforderungen.

Kurz zusammengefasst
- Rekordquartal bei Siemens Energy
- ABO Wind für sanierungsfähig erklärt
- RWE legt Q1-Zahlen vor
- Vulcan Energy startet Bau in Höchst
Rekordaufträge über 17,7 Milliarden Euro, ein beschleunigtes Aktienrückkaufprogramm und eine angehobene Jahresprognose: Siemens Energy liefert am Dienstag ein Ausrufezeichen. Zur gleichen Zeit erreicht ABO Wind eine vorläufige Rettungsbotschaft — ein Restrukturierungsgutachter hält das Unternehmen für sanierungsfähig. Zwischen diesen Extremen bewegen sich RWE, Nordex und Vulcan Energy mit jeweils eigenen Baustellen.
Siemens Energy: Rekordquartal befeuert Aktienrückkauf auf 3 Milliarden Euro
Das zweite Fiskalquartal 2026 markiert für Siemens Energy einen neuen Höhepunkt. Der Auftragseingang kletterte auf 17,7 Milliarden Euro — ein Allzeitrekord, getragen von Gas Services und einem kräftigen Zuwachs bei Grid Technologies. Das Book-to-Bill-Verhältnis lag bei 1,72, der Auftragsbestand wuchs auf 154 Milliarden Euro.
Der Umsatz legte auf vergleichbarer Basis um 8,9 Prozent auf 10,3 Milliarden Euro zu. Das Ergebnis vor Sondereffekten stieg von 906 Millionen auf 1.164 Millionen Euro, wobei die Verbesserung bei Siemens Gamesa maßgeblich beitrug. Die Windkrafttochter meldete einen Vorsteuerverlust von nur noch 44 Millionen Euro — im Vorjahr waren es noch 249 Millionen.
Die Konsequenz: Siemens Energy hebt die Jahresprognose an. Das Umsatzwachstum soll nun zwischen 14 und 16 Prozent liegen, die Gewinnmarge vor Sondereffekten zwischen 10 und 12 Prozent. Der erwartete Nettogewinn wird auf rund 4 Milliarden Euro beziffert. Das Aktienrückkaufprogramm wird von zwei auf bis zu drei Milliarden Euro aufgestockt, finanziert durch einen 42-prozentigen Anstieg des freien Cashflows vor Steuern.
CEO Christian Bruch benennt Rechenzentren als zentralen Wachstumstreiber. Allein im Quartal entfielen 5 Gigawatt Auftragseingang auf Data-Center-Projekte, insgesamt belaufen sich die Verpflichtungen in diesem Segment auf 24 Gigawatt. CFO Maria Ferraro betont, das Unternehmen sei „in wesentlichen Geschäftsbereichen bis 2030 und darüber hinaus ausverkauft“.
Bei einem Kurs von 172,50 Euro notiert die Aktie heute rund 3 Prozent im Minus — ein klassisches Sell-the-News-Muster nach der starken Vorjahresrallye. Seit Jahresanfang liegt das Plus dennoch bei über 40 Prozent. Grid Technologies plant nun ein Umsatzwachstum von 25 bis 27 Prozent bei einer Gewinnmarge von 18 bis 20 Prozent — die profitabelste Sparte im Konzern.
RWE: Morgen kommen die Q1-Zahlen
Europas größter Erzeuger erneuerbarer Energien nach installierter Kapazität legt am Mittwoch die Ergebnisse des ersten Quartals 2026 vor. RWE verfügt über 49 Gigawatt Erzeugungskapazität, wovon mittlerweile 51 Prozent auf Erneuerbare inklusive Pumpspeicher und Batterien entfallen.
Die Erwartungen sind hoch. 29 Kaufempfehlungen stehen lediglich drei Verkaufsempfehlungen gegenüber, Halten-Ratings fehlen derzeit komplett. Der Analystenkonsens sieht das Kursziel bei rund 59,49 Euro — praktisch auf dem aktuellen Kursniveau von 59,02 Euro. Das Maximalziel liegt bei 62 Euro, die untere Grenze bei 43,50 Euro.
Politisch profitiert RWE von Kontinuität: Die Bundesregierung unter Friedrich Merz hält an den Klimazielen, dem Kohleausstieg bis 2038 und dem Ausbau erneuerbarer Energien fest. Für RWE bedeutet das Planungssicherheit beim Umbau des Portfolios. Entscheidend wird sein, ob der Q1-Bericht erste Hinweise liefert, dass die massiven Investitionen in Offshore-Wind und Speicher bereits Ertragseffekte zeigen. Der Kurs hat sich seit den Tiefs im Mai 2025 fast verdoppelt, notiert aber noch knapp unter dem Jahreshoch.
Nordex: Technische Stärke trifft auf chinesischen Preisdruck
Nordex hat vergangene Woche seinen 50-Tage-Durchschnitt überschritten und damit ein technisches Kaufsignal geliefert. Die Aktie notiert bei 46,42 Euro, ein Plus von über 54 Prozent seit Jahresanfang. In der laufenden Woche gab der Kurs allerdings rund 6 Prozent ab.
Die Guidance für 2026 steht: Umsatz zwischen 8,2 und 9 Milliarden Euro, EBITA-Marge zwischen 8 und 11 Prozent. Das Management signalisiert, dass „Midpoint plus“ das wahrscheinlichste Szenario sei. Im vergangenen Jahr lieferte Nordex über 2 Gigawatt an Turbinen aus, der Servicebereich steuerte rund 20 Prozent zum Gesamtumsatz bei und sorgt für stetige Cashflows.
Die größte strukturelle Herausforderung bleibt die chinesische Konkurrenz. Niedrigere Produktionskosten aus Fernost drücken die Margen europäischer Hersteller. Hinzu kommen volatile Rohstoffpreise und regulatorische Unsicherheiten. Das Management setzt auf strategische Vorratshaltung und Lieferantendiversifikation.
Die Analystenlandschaft ist gespalten:
Sollten Anleger sofort verkaufen? Oder lohnt sich doch der Einstieg bei Siemens Energy?
- Deutsche Bank bestätigte Ende April eine Kaufempfehlung
- Jefferies bekräftigte Anfang April ebenfalls „Buy“
- Citigroup stuft die Aktie weiterhin mit „Neutral“ ein
- Der Gesamtkonsens lautet „Halten“
Vulcan Energy: Baubeginn in Höchst, Milliarden-Finanzierung steht bevor
Am Industriepark Frankfurt-Höchst hat Vulcan Energy mit dem Bau der zentralen Lithium-Chemieanlage begonnen. Das Lionheart-Projekt im Oberrheingraben soll 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid-Monohydrat jährlich produzieren — genug für etwa 500.000 Elektrofahrzeug-Batterien. Als Koppelprodukt entstehen 275 GWh erneuerbarer Strom und 560 GWh Wärme über eine geschätzte Projektlaufzeit von 30 Jahren.
Die Finanzierungsstruktur steht im Grundsatz: Ein Paket von 2,2 Milliarden Euro ist gesichert, der formale Financial Close wird im zweiten Quartal 2026 erwartet. Dieser Meilenstein würde rund 1,2 Milliarden Euro an vorrangigen Darlehen und etwa 204 Millionen Euro an staatlichen Zuschüssen freigeben.
Der Cash-Burn ist erheblich. Im ersten Quartal flossen 76 Millionen Euro ab — für Grundstückskäufe, Meilensteinzahlungen an Auftragnehmer und die ORC-Kraftwerksanlage. Die liquiden Mittel sanken von 523 auf 364 Millionen Euro, weitere 63 Millionen stecken in Sicherheitsleistungen.
Stabilität bringen die Abnahmeverträge: Rund 72 Prozent der geplanten Produktion sind über Festpreis- oder Mindestpreisverträge mit Stellantis, LG Energy Solution, Umicore und Glencore abgesichert. Rheinland-Pfalz gewährte Mitte April eine fünfjährige Befreiung von der Lithium-Förderabgabe, die EU hat Lionheart als strategisches Projekt eingestuft.
Bei 2,34 Euro liegt der Kurs rund 41 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Canaccord Genuity erhöhte das Kursziel zuletzt auf 323 Pence (Londoner Notierung) und bekräftigte die Kaufempfehlung. Der Analystenkonsens impliziert bei einem Ziel von 4,45 Euro ein Aufwärtspotenzial von rund 91 Prozent — vorausgesetzt, der Financial Close gelingt planmäßig.
ABO Wind: Gutachter hält Sanierung für möglich
Die wichtigste Nachricht für ABO Wind kam am Dienstag per Ad-hoc-Mitteilung: Der Entwurf des Restrukturierungsgutachtens kommt zu dem vorläufigen Ergebnis, dass die ABO Energy GmbH & Co. KGaA sanierungsfähig ist. Eine Rettungsleine — keine Entwarnung.
Die Dimension der Krise ist gewaltig. Seit August 2025 hat die Aktie rund 85 Prozent ihres Wertes verloren, allein seit Jahresanfang weitere 51 Prozent. Für das laufende Geschäftsjahr wird ein Nettoverlust von etwa 170 Millionen Euro erwartet, bei einem Umsatz von rund 230 Millionen Euro. Niedrigere Vergütungen aus deutschen Windauktionen, Wertberichtigungen von 35 Millionen Euro und Projektverzögerungen in Spanien, Finnland, Griechenland und Ungarn haben den Weg in diese Schieflage geebnet.
Seit Januar 2026 läuft ein Stillhalteabkommen mit den wichtigsten Gläubigern. Die Sanierung wird ohne permanenten Finanzvorstand geführt — Alexander Reinicke verließ das Unternehmen im März, die Nachfolgersuche dauert an.
Operativ bleibt ABO Wind aktiv. In der jüngsten deutschen Ausschreibung sicherte sich das Unternehmen Zuschläge für 16,4 Megawatt in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Neue Baugenehmigungen über 35 Megawatt in Saarland und Nordrhein-Westfalen heben das genehmigte deutsche Windportfolio auf 650 Megawatt.
Die nächsten Etappen sind klar terminiert: die testierten Konzernabschlüsse 2025 im Juni, die Hauptversammlung am 13. August und der Halbjahresbericht 2026 im September. Ab 2027 peilt das Management einen Nettogewinn von 50 Millionen Euro an.
Grünstrom-Sektor in drei Geschwindigkeiten
Die fünf Titel zeichnen ein Bild des Sektors, das sich in drei Kategorien unterteilen lässt:
- Marktführer mit Preismacht: Siemens Energy profitiert vom KI-getriebenen Infrastrukturboom und kann über Preissetzung Margen ausbauen. Der Auftragsbestand reicht weit ins nächste Jahrzehnt.
- Solide Versorger und Turbinenbauer: RWE und Nordex operieren profitabel, stehen aber vor unterschiedlichen Herausforderungen — RWE beim Nachweis von Ertragswachstum aus erneuerbaren Investitionen, Nordex beim Abwehren chinesischer Billiganbieter.
- Hochrisiko-Fälle: Vulcan Energy brennt Cash, um Europas erstes kommerzielles Geothermie-Lithium-Projekt hochzuziehen. ABO Wind kämpft um seine Existenz. Beide sind Wetten auf Ergebnisse, die noch Monate entfernt liegen.
Der strukturelle Rückenwind aus Elektrifizierung, KI-bedingter Stromnachfrage und europäischer Energiepolitik trägt den gesamten Sektor. Die Divergenz zwischen den einzelnen Titeln offenbart jedoch, dass Bilanzstärke, Umsetzungskompetenz und die Fähigkeit, Makrotrends in Cashflow zu übersetzen, den Unterschied machen. RWE liefert morgen mit den Q1-Zahlen den nächsten Prüfstein. Für ABO Wind werden die testierten 2025er-Abschlüsse im Juni zur Bewährungsprobe. Und bei Vulcan Energy entscheidet der Financial Close darüber, ob aus einem ambitionierten Projekt ein reales Geschäft wird.
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