Silber: COMEX-Lager unter 100 Millionen Unzen

Silber steckt in einer Zwickmühle: Die Photovoltaik-Nachfrage sinkt drastisch, während die Lagerbestände an der COMEX auf historische Tiefs fallen.

Eduard Altmann ·
Silber Preis Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Solarbranche reduziert Silberverbrauch
  • COMEX-Lagerbestände unter 100 Mio. Unzen
  • Neue Nachfrage aus Batterien und KI
  • Analysten uneins über Preisprognosen

Silber steckt in der Zwickmühle. Der Preis notiert am Freitag bei 75,87 Dollar je Feinunze, ein Plus von 0,37 Prozent zum Vortag. Auf Monatssicht legte das Metall drei Prozent zu, im Jahresvergleich steht ein Plus von 130 Prozent. Doch zwei Kräfte ziehen in entgegengesetzte Richtungen: Die Photovoltaik-Branche streicht Silber aus ihren Rezepturen, während die COMEX-Lager so leer sind wie seit Jahren nicht mehr.

Solarbranche spart Silber weg

Die Nachfrage aus der Photovoltaik bricht ein. 2025 sank sie um sechs Prozent auf 186,6 Millionen Unzen. 2026 folgt laut Metals Focus ein Rückgang um weitere 19 Prozent. Grund ist der Kostendruck: Silber macht mittlerweile 17 bis 29 Prozent der Kosten pro Watt eines Solarmoduls aus. Als der Preis Richtung 80 Dollar kletterte, zogen die Hersteller die Notbremse.

Chinesische Produzenten führen den Wandel an. Longi Green Energy ersetzt Silber in seinen Rückkontaktzellen durch Kupfer — die Serienproduktion läuft seit dem zweiten Quartal. Jinko Solar plant eine großskalige Kupferproduktion, Shanghai Aiko verkauft bereits silberfreie Solarzellen. Die Branche wächst weiter, verbraucht aber immer weniger Edelmetall.

COMEX-Lager unter Druck

Trotz des Nachfragerückgangs bleibt der Markt strukturell eng. Das Angebotsdefizit schrumpft zwar von ursprünglich geschätzten 300 Millionen Unzen auf 60 bis 70 Millionen Unzen — genau diese Verringerung gilt als Hauptgrund für den nachlassenden Preisauftrieb. Doch die Lager erzählen eine andere Geschichte.

Die registrierten COMEX-Silberbestände fielen im Februar unter 100 Millionen Unzen. Historisch ging dieses Niveau mit engeren Lieferbedingungen und höherer Volatilität einher. Die Deckungsquote liegt bei 16,0 Prozent, der Paper-Leverage beträgt 6,2-fach — mehr als sechs Papieransprüche pro lieferbarer Unze. Am ersten Benachrichtigungstag für den Juni-Kontrakt stehen noch 2.381 offene Kontrakte aus.

Die Minenproduktion stieg 2026 um 1,5 Prozent, sinkende Erzgehalte in Lateinamerika bremsten das Wachstum.

Neue Nachfrage kompensiert teilweise

Die gesamte industrielle Silberverarbeitung soll 2026 nur um zwei Prozent auf rund 650 Millionen Unzen sinken. Festkörperbatterien für Elektrofahrzeuge enthalten bis zu einem Kilogramm Silber pro Einheit — zehnmal mehr als herkömmliche Lithium-Ionen-Batterien. Der Aufbau von KI-Rechenzentren und 5G-Infrastruktur stützt die Nachfrage zusätzlich.

Silbers elektrische Leitfähigkeit hat im industriellen Maßstab keinen kostengünstigen Ersatz. Während die Photovoltaik spart, entstehen neue Nachfragevektoren schneller, als das Thrifting die Lücke schließen kann.

Fed und Nahost bremsen

Silber erholte sich zuletzt von einem Vier-Wochen-Tief. Anleger wägen Hoffnungen auf Fortschritte bei den Nahost-Friedensgesprächen gegen anhaltenden Inflationsdruck ab. Erhöhte Energiepreise halten die Inflationsrisiken aufrecht und dämpfen die Erwartungen an baldige Zinssenkungen.

Fed-Offiziellen wie Lisa Cook unterstützen vorerst stabile Zinsen, signalisieren aber Offenheit für Erhöhungen, sollte die Inflation weiter steigen. John Williams warnte, die Inflation könne kurzfristig auf vier Prozent klettern.

Das FOMC-Treffen vom 16. bis 17. Juni mit seinem Dot Plot gilt als nächster entscheidender Katalysator: Jedes Signal in Richtung einer Zinssenkung im September könnte die Investorennachfrage nach Edelmetallen ankurbeln.

Analysten uneins über Ausblick

Die Bank of America prognostiziert, Silber könne im vierten Quartal 2026 die 100-Dollar-Marke erreichen, bevor es bis Mitte 2027 auf 75 Dollar zurückfällt. Die industrielle Nachfrage gilt als am Höhepunkt angelangt, das Angebotsdefizit verengt sich.

UBS senkte seine Silberpreisziele. Schwache ETF-Bestände und verhaltene Futures-Positionierung spiegeln mangelnde Kapitalunterstützung wider.

J.P. Morgan Global Research sieht den Silberpreis 2026 im Durchschnitt bei 81 Dollar je Unze — mehr als doppelt so hoch wie der Jahresdurchschnitt 2025. Die Prognose hängt von der globalen Nachfrage ab, die Spannbreite bleibt groß.

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