Silber: Historische Ost-West-Kluft

Asiatische Käufer zahlen hohe Prämien für physisches Silber, was zu einem Abfluss aus westlichen Lagern führt. Der COMEX-Bestand sinkt in kritisches Territorium.

Felix Baarz ·
Silber Preis Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Hohe Preisdifferenz zwischen COMEX und Shanghai
  • Registrierte COMEX-Bestände schmelzen dramatisch
  • Zinserwartungen und Rezessionsängste drücken Westpreis
  • Industrienachfrage macht 60 Prozent des Verbrauchs aus

Der Silbermarkt zerreißt in zwei Welten. Während westliche Anleger auf die harte Linie der US-Notenbank starren, zahlen Käufer in Asien horrende Aufschläge für das physische Edelmetall. Diese extreme Entkoppelung zieht nun handfeste Konsequenzen für die globalen Lagerbestände nach sich.

Extreme Prämie in China

Aktuell tut sich ein ungewöhnlicher Graben zwischen den globalen Handelsplätzen auf. Wer Silber an der New Yorker COMEX kauft, zahlt knapp 75 US-Dollar pro Feinunze. An der Shanghai Futures Exchange (SHFE) wechseln vergleichbare Kontrakte hingegen für über 84 US-Dollar den Besitzer. Dieser Aufschlag von rund 13 Prozent besteht bereits seit Ende März. Analysten werten diese Differenz als klares Indiz für eine drastische Verknappung des physischen Metalls im asiatischen Raum.

Die lukrative Preisdifferenz löst eine Wanderung aus: Silber fließt aus westlichen Lagerhäusern ab, um die Arbitrage-Gewinne in Asien einzustreichen. Das hinterlässt tiefe Spuren in New York. Die registrierten Bestände der COMEX, die direkt für Auslieferungen bereitstehen, sind auf 76 Millionen Unzen geschmolzen. Das Verhältnis von offenen Kontrakten zu physischen Beständen liegt bei nur noch 13,4 Prozent. Fällt diese Quote unter die Marke von 15 Prozent, gilt das historisch als Stress-Territorium für den Markt.

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Zinsangst bremst den Terminmarkt

Trotz der physischen Enge im Hintergrund kommt der westliche Spotpreis kaum über die Marke von 73 US-Dollar hinaus. Verantwortlich dafür ist massiver makroökonomischer Gegenwind. Die Nominierung von Kevin Warsh zum neuen Fed-Vorsitzenden hat die Hoffnungen auf Zinssenkungen im Jahr 2026 weitgehend zunichtegemacht. Das stärkt den US-Dollar und drückt die Attraktivität des zinslosen Edelmetalls.

Gleichzeitig schürt die wochenlange Blockade am Golf handfeste Rezessionsängste. Da die Industrie – vor allem die Photovoltaik- und Halbleiterbranche – rund 60 Prozent der Silbernachfrage ausmacht, bremst die Sorge vor einer globalen Konjunkturflaute den Preis zusätzlich aus.

Die Marktstruktur bleibt durch diesen Konflikt extrem angespannt. Solange die asiatische Nachfrage die westlichen Preise derart übersteigt, dürfte sich der Abfluss aus den COMEX-Lagern ungebremst fortsetzen. Sinkt das Deckungsverhältnis dort weiter ab, steigt das Risiko für einen echten Liquiditätsengpass bei künftigen physischen Auslieferungen.

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