Snowflake springt 33 Prozent — warum die Cloud-Börse gerade Gewinner und Verlierer sortiert
Snowflake schießt um 33 Prozent hoch, während Salesforce trotz Rekordmarge leidet. Auch Deutsche Bank und Rheinmetall bewegen die Märkte.

Kurz zusammengefasst
- Snowflake mit 34 Prozent Produktwachstum
- Salesforce verfehlt Umsatzprognose knapp
- Deutsche Bank meldet Rekordüberschuss 2025
- Rheinmetall erhält Milliarden-Auftrag
Liebe Leserinnen und Leser,
3,88 Dollar Gewinn je Aktie, 50 Prozent über Vorjahr, 76 Cent über dem Konsens — und trotzdem reicht es nicht. Salesforce hat gestern Abend Quartalszahlen vorgelegt, die in jeder klassischen Kategorie überzeugen. Gleichzeitig sprang Snowflake um 33 Prozent nach oben. Beide Unternehmen liefern starke Zahlen. Nur eines beschleunigt sein Wachstum. Genau das macht den Unterschied — nicht nur im Cloud-Sektor, sondern an diesem Donnerstag auch in Frankfurt, wo die Deutsche Bank ihr Rekordjahr feiert und Rheinmetall einen Milliarden-Auftrag verbucht.
Salesforce: Rekordmarge, aber die Prognose bremst
Salesforce meldete für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 einen Umsatz von 11,13 Milliarden Dollar — ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 3,88 Dollar, die Non-GAAP-Betriebsmarge kletterte auf 34,8 Prozent, 250 Basispunkte über dem Vorjahreswert. Absolut betrachtet ist das ein herausragendes Quartal.
Was die Wall Street stört: Die Umsatzprognose für das zweite Quartal (11,27 bis 11,35 Milliarden Dollar) verfehlt die Erwartung von 11,36 Milliarden Dollar um eine Nuance. Klingt nach Kleinigkeiten, impliziert aber eine Verlangsamung des währungsbereinigten Wachstums von 12 auf rund 10 Prozent. CEO Marc Benioff vertröstet auf die zweite Jahreshälfte — getragen von Agentforce, der KI-Agenten-Plattform, deren ARR auf 1,2 Milliarden Dollar gestiegen ist (+205 Prozent). Das kombinierte KI- und Data-360-ARR beläuft sich auf 3,4 Milliarden Dollar.
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Für Anleger stellt sich die Bewertungsfrage drängend: Die Aktie ist seit Jahresbeginn 33 Prozent im Minus und handelt bei 8,4x dem vorwärtsgerichteten EV/EBITDA — verglichen mit 15,9x bei ServiceNow und 13,6x bei Microsoft. Stifel hält an der Kaufempfehlung mit Kursziel 250 Dollar fest, Truist Securities bei 280 Dollar, JMP Securities bei 315 Dollar. Die Bank of America sieht es anders: Kursziel 160 Dollar, Einstufung „Underperform“ — mit dem Argument, KI-Agenten könnten das sitzlizenzbasierte Geschäftsmodell langfristig aushöhlen. Das ist die eigentliche Debatte: Baut Salesforce mit Agentforce seine eigene Zukunft — oder den Beweis, dass das alte Modell nicht mehr trägt?
Snowflake: Die andere Seite derselben Medaille
Während Salesforce unter der Verlangsamung leidet, lieferte Snowflake gestern Abend das Gegenbild. Der Produktumsatz im ersten Quartal stieg auf 1,334 Milliarden Dollar — ein Wachstum von 34 Prozent, eine Beschleunigung gegenüber den 30 Prozent im Vorquartal. Die Net Dollar Retention Rate lag bei 126 Prozent: Bestandskunden geben im Schnitt deutlich mehr aus als vor einem Jahr. Die Jahresprognose wurde auf 5,84 Milliarden Dollar angehoben. Die Aktie sprang um rund 33 Prozent — befeuert auch durch einen Amazon-Deal.
Der Kontrast illustriert eine harte Regel im Cloud-Software-Sektor: Beschleunigung wird mit Premium-Multiples belohnt. Verlangsamung — selbst bei exzellenten absoluten Zahlen — wird bestraft. Für Anleger heißt das: Die Richtung des Wachstums zählt mehr als seine Höhe.
Deutsche Bank: Rekordzahlen, Streit um Vergütung
In Frankfurt tagte am Donnerstag die Hauptversammlung der Deutschen Bank — die erste Präsenz-HV seit 2019. Bankchef Christian Sewing präsentierte das stärkste Ergebnis der Unternehmensgeschichte: Vorsteuerergebnis 2025 bei 9,7 Milliarden Euro, Konzernüberschuss bei 6,1 Milliarden Euro. Die Dividende steigt auf 1,00 Euro je Aktie (Vorjahr: 0,68 Euro, ein Plus von 47 Prozent). Ab 2026 soll die Ausschüttungsquote von 50 auf 60 Prozent des Konzerngewinns steigen, begleitet von einem laufenden Rückkaufprogramm über 1 Milliarde Euro.
Die Stimmung im Saal war dennoch gespalten. Union Investment und Deka Investment kritisierten die geplante Erhöhung der Aufsichtsratsvergütung: Aufsichtsratschef Alexander Wynaendts soll künftig bis zu 1,4 Millionen Euro erhalten, bisher waren es 950.000 Euro. Die Fondsgesellschaften nannten das Signal „definitiv zu hoch“. Hinzu kamen Proteste wegen des laufenden Postbank-Tarifkonflikts.
Operativ bleibt die Substanz bemerkenswert: Im ersten Quartal 2026 erzielte die Bank einen Vorsteuergewinn von rund 3 Milliarden Euro, die Eigenkapitalrendite lag bei 12,7 Prozent — knapp unter dem Ziel von über 13 Prozent. Der Aktienkurs bei rund 28 Euro ist weit entfernt vom Rekordhoch über 80 Euro aus dem Jahr 2007, aber auf einem Mehrjahreshoch. Wer vor zwei Jahren eingestiegen ist, hat wenig Grund zur Klage.
Rheinmetall und der Milliarden-Auftrag
Die Eskalation am Persischen Golf — US-Angriffe auf iranische Drohnenstellungen nahe der Straße von Hormus, iranische Gegenschläge auf US-Basen — treibt Rüstungsaktien an. Rheinmetall legte zeitweise mehr als 4 Prozent zu, nachdem ein Auftrag über 2.000 Militärfahrzeuge im Wert von rund 1 Milliarde Euro bekannt wurde. Auch RENK, Hensoldt und Alzchem verzeichneten Kursgewinne von bis zu 8,7 Prozent.
Die Unterscheidung ist wichtig: Das ist kein reiner Stimmungshandel. Rheinmetall profitiert von einem konkreten, bezifferten Großauftrag. Die Frage ist eine andere — ob die Bewertung nach der langen Rüstungsrally noch Spielraum bietet oder ob der Markt bereits viel Positives vorwegnimmt. Der DAX gab derweil leicht nach und unterschritt zeitweise die 25.000-Punkte-Marke, belastet vom geopolitischen Umfeld und den hohen Energiepreisen, die ich gestern als zentralen Belastungsfaktor für die Industrie beschrieben hatte.
Was dieser Donnerstag zeigt
Vier Unternehmen, vier Geschichten — und ein gemeinsamer Nenner: Der Markt differenziert schärfer denn je. Snowflake beschleunigt und wird mit einem Kurssprung von 33 Prozent belohnt. Salesforce liefert Rekordmargen, verlangsamt minimal und wird abgestraft. Die Deutsche Bank schreibt das beste Jahr ihrer Geschichte, doch die Aktionäre streiten über die Vergütung des Aufsichtsrats. Rheinmetall verbucht einen Milliarden-Auftrag, während die geopolitische Lage am Persischen Golf der entscheidende Unsicherheitsfaktor für Energiepreise und die Breite des Marktes bleibt.
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Für Anleger destilliert sich daraus eine klare Erkenntnis: Wer steigende Margen und beschleunigende KI-Umsätze vorweisen kann, wird auch in einem schwierigen Umfeld honoriert. Wer auf künftige Beschleunigung vertröstet, steht unter Beweispflicht. Das gilt für Cloud-Software genauso wie für Banken und Rüstung.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann