Stadler Rail gewinnt Berlin-Vertrag, Thyssenkrupp vor Zerreißprobe — Lufthansa trotzt der Kerosin-Krise

Stadler Rail erhält Milliardenauftrag in Berlin, während Thyssenkrupp vor der Abspaltung steht. Lufthansa meistert die Kerosin-Krise besser als erwartet.

Eduard Altmann ·
Thyssenkrupp Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Stadler Rail gewinnt Berliner S-Bahn-Auftrag
  • ABB übernimmt norwegischen Automatisierungsspezialisten
  • Prysmian sichert sich Milliardenaufträge für Seekabel
  • Thyssenkrupp-Aktie fällt nach Abspaltungsankündigung

Milliardendeal für den Schweizer Zugbauer, neue Kabelaufträge für Prysmian, eine Maritime-Übernahme bei ABB — und mittendrin eine Airline, deren Kerosin-Story deutlich komplizierter ist als zunächst berichtet. Die fünf Industriewerte zeigen Ende Juni 2026 ein zweigeteiltes Bild: Während Elektrifizierung und Infrastrukturausbau für volle Auftragsbücher sorgen, kämpfen Restrukturierungskandidaten weiter um Vertrauen.

Stadler Rail: Der 3,5-Milliarden-Durchbruch in Berlin

Sechs Jahre Vergabeverfahren, mehrere Gerichtsverfahren, zähe juristische Blockaden — und jetzt endlich Klarheit. Stadler Rail hat gemeinsam mit Siemens Mobility den Zuschlag für die Berliner S-Bahn erhalten. Der französische Konkurrent Alstom ließ die Frist für weitere Einsprüche verstreichen, wie die Berliner Senatsverwaltung bestätigte.

Das Auftragsvolumen für das Konsortium beläuft sich auf 3,5 Milliarden Euro. Die Lieferung umfasst 350 vierteilige S-Bahn-Züge sowie 30 Jahre Wartung. Zusätzlich übernimmt Stadler den Betrieb auf den Teilnetzen Nord-Süd und Stadtbahn für zehn Jahre. Einer der größten ÖPNV-Beschaffungsprozesse Europas ist damit abgeschlossen.

Für den Schweizer Zugbauer beseitigt der Berliner Zuschlag eine erhebliche Unsicherheit. Die Umsatzvisibilität verbessert sich deutlich — auch wenn die volle finanzielle Wirkung erst ab 2029 greift, wenn der neue Betrieb startet. Die Aktie notiert bei 25,02 Euro und damit rund 12 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt.

Analysten sehen allerdings begrenztes Kurspotenzial: Der durchschnittliche Zielkurs liegt bei etwa 21 Schweizer Franken, deutlich unter dem aktuellen Niveau. Die Bewertung mit einem KGV von rund 24 preist bereits viel Zukunft ein.

ABB: Maritime Automatisierung als nächster Baustein

ABB baut seine Position in der Schiffsautomatisierung weiter aus. Der Schweizer Technologiekonzern hat die Übernahme des norwegischen Spezialisten Høglund AS mit Sitz in Tønsberg vereinbart. Der Abschluss wird im dritten Quartal 2026 erwartet, finanzielle Details wurden nicht genannt.

Høglund bringt über 80 Mitarbeiter in Norwegen, Polen, Rumänien und China mit und wird in ABBs Division Marine & Ports integriert. Technologisch passt die Akquisition nahtlos: Høglund nutzt bereits ABBs 800M- und S800-Steuerungshardware als Basis seines integrierten Automatisierungssystems. Durch die Kombination von Daten aus Motoren, Stromgeneratoren und Frachtsystemen verbessert das System Sicherheit, Energieeffizienz und Betriebsleistung moderner Schiffe.

Gemessen an ABBs Gesamtgröße — Marktkapitalisierung rund 156 Milliarden Schweizer Franken, Jahresumsatz von 34,6 Milliarden US-Dollar — ist Høglund ein Bolt-on-Deal. Strategisch unterstreicht er aber den Fokus auf maritime Dekarbonisierung und Flottenmodernisierung. Die Aktie schloss am Freitag bei 91,28 Euro, gut 5 Prozent unter ihrem erst kürzlich markierten 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von über 44 Prozent.

Prysmian: Griechische Inseln und KI-Glasfaser treiben die Pipeline

Der italienische Kabelriese stapelt Auftrag auf Auftrag. Ein Rahmenvertrag mit dem griechischen Netzbetreiber IPTO über rund 910 Millionen Euro sichert Prysmian die elektrische Anbindung der Dodekanes- und Nordägäis-Inseln. Sieben Projekte mit insgesamt über 900 Kilometern HVAC-Seekabel sind geplant, Fertigstellung bis 2033. In Wassertiefen von bis zu 1.150 Metern setzt Prysmian dabei einen neuen Rekord für statische dreiadrige Wechselstromkabel.

Parallel erhielt das Unternehmen grünes Licht für den ELMED-Interconnector zwischen Italien und Tunesien im Wert von 460 Millionen Euro. Die Auftragspipeline ist prall gefüllt.

Neben dem Kabelgeschäft rückt zunehmend das Glasfaser-Segment in den Fokus. Jefferies hob im Juni das Kursziel auf 176 Euro an und verwies auf die steigende Nachfrage nach optischer Infrastruktur für KI-Rechenzentren. Die Analysten prognostizieren für Prysmians Digitalsparte ein jährliches Umsatzwachstum von rund 20 Prozent bis 2030. Der Konsens-Zielkurs der Analysten liegt bei 146,40 Euro — die Aktie notiert aktuell bei 143,15 Euro und damit knapp 11 Prozent unter ihrem Mai-Hoch.

Die Jahresperformance bleibt beeindruckend: Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs um 60 Prozent verteuert. Die dramatische Neubewertung spiegelt den Wandel vom klassischen Kabelhersteller zum Profiteur der Elektrifizierungs- und Digitalisierungswelle.

Lufthansa: Eine Krise, die komplizierter ist als die Schlagzeilen

Kaum eine Geschichte im Industriesektor wurde in diesem Quartal so falsch dargestellt wie Lufthansas Kerosin-Problem. Die Chronologie verdient Genauigkeit.

Im Kern geht es um den Konflikt in der Straße von Hormus, durch die normalerweise ein Fünftel der globalen Öl- und Flüssiggaslieferungen transportiert wird. Seit dem Beginn der Auseinandersetzung Ende Februar haben sich die Kerosinpreise in manchen Märkten mehr als verdoppelt. Rund 75 Prozent der europäischen Kerosinimporte stammen aus der Region — eine massive Verwundbarkeit.

Der Spiegel veröffentlichte einen Bericht, wonach bis zu 40 Lufthansa-Flugzeuge wegen Treibstoffmangels am Boden bleiben könnten. Rund 90 Minuten später verschwand der Artikel von der Website. Lufthansa wies die Darstellung zurück: Die Informationen basierten auf veraltetem Material und spiegelten nicht die aktuelle Lage wider.

Tatsächlich hatte CEO Carsten Spohr Ende März intern zwei Krisenszenarios skizziert — 20 beziehungsweise 40 stillgelegte Maschinen. Eine finale Entscheidung fiel nie. Was die Airline tatsächlich umsetzte, ist gezielter:

  • Dauerhafte Stilllegung von 27 CityLine-Regionalflugzeugen
  • Vorgezogene Ausmusterung von vier Airbus A340-600 bis Oktober 2026
  • Streichung von 20.000 Kurzstreckenflügen bis Oktober
  • Fokussierung auf die Drehkreuze Frankfurt und München, Einsparung von rund 40.000 Tonnen Kerosin

Die Gesamtkapazität sinkt um weniger als ein Prozent der verfügbaren Sitzkilometer. Langstreckenverbindungen bleiben weitgehend unberührt.

Ab Mai schlug das Management einen deutlich zuversichtlicheren Ton an. Lufthansa hat laut Bloomberg-Daten rund 77 Prozent des Kerosinbedarfs für 2026 abgesichert. Trotz einer Zusatzbelastung von 1,7 Milliarden Euro durch höhere Treibstoffkosten hielt der Konzern an seiner Gewinnprognose fest — durch Hedging, Kosteneinsparungen und höhere Ticketpreise. COO Dieter Vranckx stellte klar: „Die Treibstoffversorgung ist stabil, der Sommer kann kommen.“

Die Aktie honoriert den Kurs des Managements. Bei 9,74 Euro notiert Lufthansa nur gut ein Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch und hat seit Jahresbeginn fast 14 Prozent zugelegt. Morgan Stanley stufte die Aktie im Mai auf „Underweight“ herab, J.P. Morgan hält an „Hold“ fest. Der Konsens: Halten, mit sechs neutralen Stimmen bei elf Analysten.

Thyssenkrupp: Abspaltung beschlossen, Markt bleibt skeptisch

Der Aufsichtsrat von Thyssenkrupp hat den Aktionären die Abspaltung von tk accelis — dem früheren Werkstoffhandels- und Lieferkettengeschäft — empfohlen. Über die Ausgliederung soll eine außerordentliche Hauptversammlung am 7. August abstimmen. Ein Börsengang der tk-accelis-Anteile an der Frankfurter Börse ist noch vor Jahresende geplant.

tk accelis bringt ein „Materials-as-a-Service“-Modell mit. Das Unternehmen beschäftigt 15.500 Mitarbeiter, bedient rund 250.000 Kunden weltweit und erzielte im Geschäftsjahr 2024/25 einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro. Wachstumsbranchen wie Luftfahrt, Verteidigung und Rechenzentren zählen zu den Kernmärkten.

Am Tag der Ankündigung fiel die Aktie um 1,3 Prozent. Seitdem hat sich der Abwärtstrend verstärkt: Am Freitag schloss Thyssenkrupp bei 10,31 Euro, ein Minus von fast 7 Prozent an nur einem Handelstag. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis von gerade einmal 0,21 drückt die tiefe Skepsis des Marktes in eine einzige Kennzahl. Anleger bezweifeln, ob die jüngste Umstrukturierung — Teil der ACES-2030-Transformation — nachhaltigen Wert freisetzen kann.

Jefferies hält dennoch an „Buy“ fest, J.P. Morgan bleibt bei „Hold“. Der durchschnittliche Analysten-Zielkurs von 12,61 Euro impliziert ein Aufwärtspotenzial von über 20 Prozent — vorausgesetzt, die Abspaltung überzeugt die Aktionäre.

Zwei Geschwindigkeiten im Industriesektor

Die Kluft innerhalb der Branche ist strukturell, nicht konjunkturell. ABB und Prysmian surfen auf der Elektrifizierungswelle und dem KI-getriebenen Infrastrukturboom — volle Auftragsbücher, erhöhte Bewertungen, intakte Wachstumsstory. Stadler Rail hat mit dem Berlin-Vertrag einen echten Meilenstein gesetzt, wartet aber auf die Umsatzwirkung ab Ende des Jahrzehnts.

Lufthansa navigiert die Kerosin-Krise geschickter als anfangs befürchtet. Die bestätigten Kapazitätskürzungen sind real und drücken auf die Marge, aber das zwischenzeitlich kolportierte Katastrophenszenario hat sich als falsch herausgestellt.

Thyssenkrupp bleibt der Sorgenkandidaten im Quintett. Der 7. August wird zum Stichtag: Stimmen die Aktionäre der tk-accelis-Abspaltung zu, könnte das die überfällige Neubewertung der Einzelteile einleiten. Scheitert das Votum, droht weiterer Druck auf einen Kurs, der bereits 22 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch liegt. Die Spreizung zwischen Gewinnern und Restrukturierungskandidaten dürfte über den Sommer hinweg bestehen bleiben.

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Thyssenkrupp Aktie

10,26 EUR

– 0,83 EUR -7,53 %
KGV 1.109,00
Sektor Industrieunternehmen
Div.-Rendite 1,40 %
Marktkapitalisierung 6,90 Mrd. EUR
ISIN: DE0007500001 WKN: 750000

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