Substanz statt Story: Fresenius, Siemens Energy und Versicherer trotzen der Zollnervosität
Defensive Werte wie Fresenius, Siemens Energy und Versicherer überzeugen mit soliden Zahlen, während Infineon trotz Rekordumsatz fällt. Der DAX erreicht ein neues Hoch.

Kurz zusammengefasst
- Fresenius übertrifft Erwartungen deutlich
- Siemens Energy mit Rekordauftragsbestand
- Versicherer melden stabiles Beitragswachstum
- Infineon trotz Rekordumsatz unter Druck
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
11,2 Prozent Kursplus in drei Monaten für US-Gesundheitsaktien, während der Gesamtmarkt nur 6 Prozent schafft – und das trotz einer Gewinnkontraktion von 16,7 Prozent im zweiten Quartal. Diese Diskrepanz ist die eigentliche Geschichte des Mittwochs, denn sie erklärt, warum Fresenius, Siemens Energy und Versicherer heute die Gewinner sind, während Infineon trotz Rekordumsatz abstürzt. Der DAX markierte am Vormittag mit über 26.400 Punkten ein neues Rekordhoch, ehe Trumps Zollrhetorik zur Straße von Hormus die Gewinne wieder abschmolz. Genau in solchen Phasen zeigt sich, welche Werte im Depot tatsächlich tragen: nicht die Halbleiter-Highflyer, sondern Gesundheitskonzerne, Energieinfrastruktur und Versicherer mit soliden Zahlen.
Fresenius: Die Defensiv-Rotation bekommt ein deutsches Gesicht
Fresenius legte Quartalszahlen vor, die auf breiter Front über den Erwartungen lagen: Das organische Wachstum übertraf die eigene Prognose um 100 Basispunkte, das EBIT lag 4 Prozent über den Analystenschätzungen, der Gewinn 5 Prozent darüber. Die Aktie sprang um 5,54 Prozent auf 46,83 Euro – der stärkste Tagesgewinn seit Wochen.
Das ist kein isolierter deutscher Ausreißer, sondern Teil eines Musters, das sich in den USA längst etabliert hat. US-Gesundheitsfonds verzeichneten im Juli Zuflüsse von 2,44 Milliarden Dollar, während Tech-Schwergewichte trotz starker Zahlen abgestraft werden. Anleger honorieren derzeit Substanz vor Story. Für ein deutsches Depot heißt das: Fresenius ist keine isolierte Value-Wette, sondern Teil einer globalen Umschichtung hin zu defensiver Qualität.
Siemens Energy: 162 Milliarden Euro als Puffer gegen Nervosität
Siemens Energy meldete für das dritte Quartal 2025/26 einen Auftragseingang von 17,9 Milliarden Euro, ein Plus von 8,5 Prozent, bei einem Umsatzsprung von 18,5 Prozent auf 11,4 Milliarden Euro. Der Gewinn kletterte um 70 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Entscheidender als die Quartalszahl ist aber der Auftragsbestand: Mit 162 Milliarden Euro erreicht er einen Rekordwert – rechnerisch mehrere Jahre Umsatzsicherheit im Voraus.
Hinzu kommt ein Signal aus dem Sorgenkind der Gruppe: Die Windkraft-Tochter Gamesa lieferte erstmals seit dem vierten Quartal 2022 wieder einen Quartalsgewinn, die Margenprognose von 10 bis 12 Prozent wurde bestätigt. Die Aktie gab am Berichtstag leicht nach und bleibt deutlich unter ihrem Rekordhoch aus dem April. Das eröffnet Spielraum nach oben – sofern der Markt den Auftragsbestand als das erkennt, was er ist: eine Versicherung gegen genau jene Konjunkturzyklik, die den DAX aktuell ausbremst.
Versicherer: Die unspektakuläre Basisrendite
Während Zins- und Zolldiskussionen die Aktienmärkte bewegen, wächst das deutsche Versicherungsgeschäft leise weiter. R+V meldete für das erste Halbjahr Beitragseinnahmen von 10,6 Milliarden Euro in der deutschen Erstversicherung, ein Plus von 5,0 Prozent. Die Krankenversicherung legte mit 12,4 Prozent auf 588 Millionen Euro besonders deutlich zu, Lebens-/Pensionsversicherung sowie Schaden-/Unfallgeschäft wuchsen im mittleren einstelligen Bereich.
Kein Kursfeuerwerk – aber genau das macht diese Zahlen für ein ausgewogenes Depot wertvoll: Prämieneinnahmen, die unabhängig von Tagesschwankungen an den Börsen Bestand haben.
Industrie zieht an – Schaeffler zahlt den Preis der Wende
Auch außerhalb der defensiven Ecke gibt es Bewegung: Der VDMA meldete für Juni einen Auftragseingang im Maschinenbau von plus 21 Prozent real gegenüber Vorjahr, getrieben von Auslandsbestellungen außerhalb der Eurozone mit plus 54 Prozent. Schaeffler profitiert bereits sichtbar davon – das bereinigte EBIT stieg im zweiten Quartal um 25 Prozent auf 264 Millionen Euro, die operative Marge kletterte um einen Prozentpunkt auf 4,5 Prozent, aus dem Vorjahresverlust von 40 Millionen Euro wurde ein Gewinn von 34 Millionen Euro. Der Umsatz blieb mit 5,9 Milliarden Euro zwar leicht unter Vorjahresniveau, doch die Profitabilität zieht klar an.
Der Preis dafür: Schaeffler plant den Abbau von 1.300 Stellen in Deutschland, verbunden mit Kosten von 51 Millionen Euro. Wer auf die Industriewende setzt, muss den Restrukturierungsschmerz mit einpreisen.
Während Maschinenbau und Automobilzulieferer wie Schaeffler zeigen, dass deutsche Industriewerte gerade wieder Substanz liefern, übersehen viele Anleger die eigentlichen Gewinner direkt vor der eigenen Haustür. Ein kostenloser Report stellt drei deutsche Schwergewichte aus Immobilien, Maschinenbau und Premium-Automobil vor, die im aktuellen Rendite-Machtkampf die Nase vorn haben könnten. Kostenlosen Report „3 deutsche Giganten“ jetzt sichern
Chips: Wenn Rekordumsatz nicht reicht – und wenn Zölle helfen
Infineon zeigt, wie schnell ein Rekordumsatz relativiert werden kann. Der Umsatz kletterte im dritten Quartal um 9 Prozent auf 4,17 Milliarden Euro, das Segmentergebnis lag bei 797 Millionen Euro, eine Segmentmarge von 19,1 Prozent. Der Markt hatte offenbar mehr erwartet: Trotz Rekordumsatz und bestätigter Jahresprognose (Umsatz plus 11 Prozent auf 16,3 Milliarden Euro) fiel die Aktie um 6,02 Prozent auf 61,06 Euro, zeitweise noch deutlicher – und liegt damit rund ein Drittel unter ihrem Rekordhoch von Anfang Juni. Für das vierte Quartal stellt das Unternehmen eine Marge von rund 23 Prozent in Aussicht, getragen vom KI-Geschäft, das laut Management der operative Haupttreiber bleibt.
Ganz anders die Lage bei Wacker Chemie: Berichte über geplante US-Preisuntergrenzen und Zölle auf Polysilizium trieben die Aktie um 4,50 Prozent auf 95,30 Euro, nahe an ihr 52-Wochen-Hoch heran. Wacker produziert sowohl in Tennessee als auch in Deutschland und könnte von protektionistischen US-Maßnahmen direkt profitieren – ein Beispiel dafür, wie dieselbe Handelspolitik einzelne deutsche Werte begünstigt, während sie anderen schadet.
Unterm Strich
Gestern lautete die Lektion: Wachstum ohne Marge wird bestraft, Kostendisziplin belohnt. Heute zeigt sich eine zweite, verwandte Trennlinie – zwischen lauter Story und verlässlicher Substanz. Fresenius, Siemens Energy und die Versicherer liefern keine spektakulären Kurssprünge auf Dauer, aber belastbare Zahlen in einem Umfeld, das die Trump-Zollrhetorik jederzeit wieder ins Wanken bringen kann. Infineon dagegen beweist: Selbst Rekordumsatz schützt nicht vor Abstrafung, wenn die Marge die hohen Erwartungen verfehlt. Wer sein Depot gegen genau diese Nervosität wappnen will, findet in den heutigen Zahlen die Antwort: nicht die lauteste Story gewinnt, sondern die verlässlichste.
Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann
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