Target hebt die Prognose, Commerzbank wehrt sich — ein Mittwoch der Positionierungen
Target und TJX übertreffen Erwartungen, während die Commerzbank auf ihrer Hauptversammlung das UniCredit-Angebot ablehnt.
Kurz zusammengefasst
- Target übertrifft Gewinnerwartungen deutlich
- TJX steigert Gewinn um 29 Prozent
- Commerzbank lehnt UniCredit-Übernahme ab
- EZB-Mitglieder erwägen Zinserhöhung im Juni
Liebe Leserinnen und Leser,
gestern schloss ich mit dem Befund, dass die Rally im DAX real sei, die Rechnung dafür aber noch ausstehe. Am Mittwoch liefert der Markt eine erste Teilantwort: Die Rechnung kommt — in Form steigender Erzeugerpreise, hartnäckiger Renditen und einer EZB, die über Zinserhöhungen nachdenkt. Gleichzeitig zeigen US-Einzelhändler, dass operative Stärke sehr wohl möglich ist, wenn das Geschäftsmodell stimmt. Die Frage verschiebt sich damit von „steigt der Index weiter?“ zu „welche Unternehmen verdienen auch unter Druck echtes Geld?“
DAX: Plus 2,87 Prozent in einer Woche, null Prozent seit Jahresbeginn
Der DAX notierte am Mittwochmittag bei 24.516 Punkten, ein Plus von 0,47 Prozent im Tagesverlauf. Die Wochenbilanz liest sich mit 2,87 Prozent Zuwachs ordentlich — doch seit Jahresbeginn steht der Index praktisch unverändert bei minus 0,094 Prozent. Vor drei Monaten lag er noch bei 25.261 Punkten. Wer nur die Wochenperformance betrachtet, übersieht, dass der DAX seit Monaten seitwärts läuft.
Auffällig bleibt die Qualität der Bewegung. Marktbeobachter beschreiben den Wochenauftakt als wacklig und eher von Gerüchten als von fundamentalen Impulsen getrieben. Verkäufer tauchen immer wieder auf. Europa behauptet sich zwar, der Euro Stoxx 50 zeigte eine leichte Aufwärtstendenz, doch Asien blieb schwach und der Nikkei 225 verzeichnete Abschläge.
Ein DAX, der seit Jahresbeginn praktisch auf der Stelle tritt, während die Inflation hartnäckig bleibt — da stellt sich die Frage, ob klassische Depot-Strategien noch funktionieren. Der kostenlose Report „Die Zinsillusion platzt“ von finanztrends.de erklärt, warum Anleger ihr Portfolio jetzt neu ausrichten sollten und welche Investments in der Zinswende wirklich schützen. Gratis-Report jetzt herunterladen
Bei den Einzeltiteln führten Infineon mit plus 2,92 Prozent auf 66,53 Euro, Siemens Energy mit plus 2,66 Prozent auf 172,16 Euro und Siemens mit plus 1,87 Prozent auf 261,60 Euro die Gewinnerliste an. Schwächer notierten SAP mit minus 1,62 Prozent auf 154,18 Euro und Scout24 mit minus 1,57 Prozent auf 72,05 Euro. Die Deutsche Bank stellte mit knapp 1,49 Millionen gehandelten Aktien das größte Volumen im Index.
Konjunkturell gab es Rückenwind: Das Auftragspolster der deutschen Industrie stieg im März um 1,6 Prozent gegenüber dem Vormonat — der stärkste Anstieg seit September 2024 und der höchste Stand seit 2015. Das erklärt, warum der DAX trotz Nahost-Spannungen, Ölpreisrisiken und vorsichtiger US-Futures nicht stärker unter Druck gerät.
US-Einzelhandel: Wo operative Substanz tatsächlich sichtbar wird
Die wichtigsten Signale des Tages kamen nicht aus der Tech-Ecke, sondern aus dem Konsum. Und sie fielen überraschend klar aus.
Target meldete für das erste Quartal 2026 ein Umsatzplus von 6,7 Prozent auf 25,4 Milliarden Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 1,71 Dollar — deutlich über den Schätzungen von 1,46 bis 1,47 Dollar. Die vergleichbaren Umsätze stiegen um 5,6 Prozent, der Kundenverkehr um 4,4 Prozent, digitale Umsätze um 8,9 Prozent. Same-day Deliveries über Target Circle 360 legten um 27 Prozent zu. Das Management hob die Jahresumsatzprognose auf rund 4 Prozent Wachstum an — zuvor waren rund 2 Prozent erwartet worden. Beim Gewinn je Aktie peilt Target nun das obere Ende der Spanne von 7,50 bis 8,50 Dollar an. CEO Michael Fiddelke warnte dennoch davor, Fortschritt mit Potenzial zu verwechseln. Die Belastung durch höhere Preise bleibe für Verbraucher real.
Noch eindrucksvoller die Zahlen von TJX, dem Betreiber von Off-Price-Formaten wie TJ Maxx und Marshalls. Der Nettoumsatz stieg im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 um 9 Prozent auf 14,3 Milliarden Dollar, das verwässerte EPS sprang um 29 Prozent auf 1,19 Dollar. Die Vorsteuergewinnmarge verbesserte sich von 10,3 auf 12,0 Prozent. Alle Divisionen wuchsen: Marmaxx plus 6 Prozent, HomeGoods plus 9 Prozent, TJX Canada plus 7 Prozent, TJX International plus 4 Prozent. TJX erhöhte die Jahresprognose, plant Aktienrückkäufe von 2,75 bis 3,0 Milliarden Dollar und führte im Quartal 1,1 Milliarden Dollar an Aktionäre zurück. JPMorgan hob das Kursziel auf 174 Dollar an.
Auch Lowe’s übertraf die Erwartungen: EPS 3,03 Dollar statt erwarteter 2,97 Dollar, Umsatz 23,08 Milliarden Dollar. Die vergleichbaren Umsätze stiegen allerdings nur um 0,6 Prozent. CEO Marvin Ellison sprach von einem „herausfordernden Wohnungsbaumakro“ und bestätigte die Jahresprognose ohne Anhebung.
Das Muster ist klar: Der amerikanische Verbraucher gibt weiter Geld aus, aber er sucht Wert. Discounter und Off-Price-Formate profitieren, der Wohnungsbau stagniert. Für Anleger heißt das: Nicht „Konsum“ pauschal kaufen, sondern genau hinschauen, welches Geschäftsmodell in einem inflationären Umfeld Margen verteidigen kann.
Commerzbank gegen UniCredit: Die Hauptversammlung als Verteidigungslinie
In Wiesbaden ging es am Mittwoch um eine der größten offenen Übernahmeschlachten im deutschen Bankensektor. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp riet den Aktionären auf der Hauptversammlung, das UniCredit-Angebot abzulehnen. UniCredit bietet 0,485 eigene Aktien je Commerzbank-Aktie, die Annahmefrist läuft bis 16. Juni mit möglicher Verlängerung bis 3. Juli. UniCredit hält bereits 38,87 Prozent der Stimmrechte; der Bund mit seinen 12 Prozent lehnt die feindliche Übernahme ab.
Orlopp argumentierte, das Angebot spiegele den fundamentalen Wert der Bank nicht wider. Aufsichtsratschef Jens Weidmann wurde konkreter und verwies auf Risiken: höheres Exposure gegenüber italienischen Staatsanleihen, eine höhere Quote notleidender Kredite und signifikantes Russlandgeschäft bei UniCredit. Die Commerzbank bezifferte mögliche Einnahmeverluste durch die UniCredit-Pläne auf mehr als 1 Milliarde Euro.
Auch die institutionellen Investoren positionierten sich. Deka-Vertreter Andreas Thomae nannte UniCredit einen „Elefant im Porzellanladen“; DWS und Deka stützten den Kurs des Managements. Die Commerzbank setzt stattdessen auf ihre Eigenständigkeitsstrategie „Momentum 2030″: 3.000 Stellen sollen abgebaut, KI stärker eingesetzt und höhere Renditeziele erreicht werden. Der Betriebsrat befürchtet im Übernahmefall bis zu 23.000 Jobverluste — Beschäftigte protestierten vor dem Tagungsort.
Industriepolitik: Halbleiterförderung, Strommarktdesign und der Aufstieg der Infrastrukturwerte
Die EU-Kommission genehmigte am Mittwoch fast 300 Millionen Euro Beihilfen für zwei deutsche Halbleiterprojekte: 222 Millionen Euro für Zeiss in Oberkochen und 66 Millionen Euro für Zadient in Bitterfeld. Die Förderung fügt sich in die Hightech Agenda Deutschland ein, mit der die Bundesregierung auf KI, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Biotechnologie, Fusion und klimaneutrale Mobilität setzt. Bis 2030 wird ein Wertschöpfungspotenzial von 1,7 Billionen Euro veranschlagt.
Parallel lehnte Berlin eine Aufspaltung des deutschen Strommarkts in mehrere Preiszonen ab. Die Begründung: höhere Investitionsunsicherheit, regionale Kostenunterschiede für Verbraucher und Risiken für die Wirtschaftlichkeit von Kraftwerken. Offen bleibt die Regierung für andere Steuerungsinstrumente — etwa angepasste Netzentgelte oder eine „Happy Hour“ für Stromkunden bei Überangebot.
Am Aktienmarkt profitierten Infrastruktur- und Rüstungswerte. Hensoldt, TKMS und Rheinmetall legten nach starken CSG-Resultaten um bis zu 4 Prozent zu. Hochtief stieg am Mittwoch um 3,9 Prozent und könnte Anfang Juni in den DAX aufsteigen — gestützt durch öffentliche Infrastrukturausgaben und die wachsende Nachfrage nach Rechenzentren.
Zinsen, Erzeugerpreise, Gold: Die Inflationsfrage bleibt offen
Deutsche Staatsanleihen starteten am Mittwoch mit leichten Kursgewinnen: Der Euro-Bund-Future stieg um 0,14 Prozent auf 124,10 Punkte, die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen verharrte bei 3,17 Prozent. Gestern hatte ich diese Marke als 15-Jahres-Hoch eingeordnet — sie bleibt bestehen.
Gleichzeitig lieferten die Erzeugerpreise frisches Material für die Inflationsdebatte. Im April stiegen sie in Deutschland um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr — der stärkste Anstieg seit Mai 2023 und über der Prognose von 1,5 Prozent. EZB-Ratsmitglied Pierre Wunsch hält eine Zinserhöhung im Juni für wahrscheinlich, falls der Iran-Konflikt andauert, und sprach vom „Beginn eines Inflationsproblems“. Auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hält eine Erhöhung im Juni für möglich. In den USA zeigt das CME FedWatch-Tool eine Wahrscheinlichkeit von 40,1 Prozent für eine Fed-Zinserhöhung um 25 Basispunkte in diesem Jahr.
Gold fiel am Mittwochmorgen zeitweise auf 4.453 Dollar je Unze, den tiefsten Stand seit Ende März. Steigende Realzinsen, höhere US-Renditen und ein fester Dollar belasten das zinslose Edelmetall — ein Muster, das bei anhaltender Inflationsdynamik bestehen bleiben dürfte.
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Was jetzt zählt
Der Mittwoch verdichtet die Lage zu einem klaren Bild: Die Konjunkturdaten sind besser als die Stimmung, die Inflation hartnäckiger als erhofft, und die Notenbanken bewegen sich eher in Richtung Straffung als Lockerung. In diesem Umfeld trennt sich die Spreu vom Weizen nicht entlang von Branchen, sondern entlang von Geschäftsmodellen. TJX zeigt, wie ein Unternehmen Margen ausbaut, während die Preise steigen. Lowe’s zeigt, wie schwer das im Wohnungsbau ist. Die Commerzbank kämpft um ihre Eigenständigkeit, während die Industriepolitik langsam Konturen annimmt.
Für Anleger heißt das: Weniger auf Indexstände achten, stärker auf Margenqualität, Prognoseanhebungen und die Frage, ob ein Unternehmen bei steigenden Zinsen seinen Cashflow verteidigen kann. Die nächsten Tage werden zeigen, ob die Notenbanken den Öl- und Inflationsschock als vorübergehend bewerten — oder als neues Zinsproblem.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann