Telekom und Eon schlagen die Tech-Highflyer – aus gutem Grund
Substanzwerte wie Telekom und Eon übertreffen Tech-Aktien. Siemens Healthineers trotz schwacher Zahlen im Plus. DAX-Rally entkoppelt sich zunehmend von der Konjunktur.

Kurz zusammengefasst
- Telekom steigt nach geplatzter Fusion
- Eon erhält Kaufempfehlung von Jefferies
- Siemens Healthineers überwindet UBS-Kursziel
- DAX-Rally ignoriert schwache Konjunkturdaten
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
wenn eine geplatzte Fusion die Aktie stärker treibt als jede Übernahmefantasie, lohnt der zweite Blick. Genau das passierte am Montag mit der Deutschen Telekom, und es ist der Auftakt zu einem Muster, das sich durch den ganzen Handelstag zieht: Nicht die Tech-Highflyer liefern die stärksten Gewinne, sondern Substanzwerte, die von der KI-Debatte eigentlich unberührt sein sollten. Nach der Berichtswoche, die gestern im Fokus stand, rückt heute eine andere Frage in den Vordergrund – nicht mehr, ob einzelne DAX-Werte ihre Zahlen liefern, sondern ob der gesamte Index noch auf sicherem Fundament steht.
Telekom und Eon: Die Absicherung gegen die eigene Rally
Die Telekom-Aktie sprang am Montag um 4,58 Prozent auf 28,08 Euro – ausgelöst nicht durch neue Fusionsfantasie, sondern durch deren Gegenteil. Einem Bericht zufolge lehnen T-Mobile-US-Führungskräfte die rund 300 Milliarden Dollar schwere Fusion mit der Deutschen Telekom inzwischen ab, mit Verweis auf Aktionärswiderstand und regulatorische Hürden. Für die Telekom-Aktionäre war das keine schlechte Nachricht, sondern eine Erleichterung: Die Unsicherheit rund um einen milliardenschweren Zusammenschluss ist vom Tisch, und der Kurs quittierte das entsprechend. Auf Monatssicht steht damit ein Plus von rund 12 Prozent, wenngleich bis zum 52-Wochen-Hoch von 34,35 Euro noch ein gutes Stück Weg bleibt.
Parallel hob Jefferies Eon auf „Buy“ mit Kursziel 22,70 Euro an, der Versorger legte um 1,9 Prozent zu. DZ-Bank-Analystin Birgit Henseler bringt den Punkt, der beide Bewegungen verbindet, auf den Nenner: Der DAX ist in drei Wochen um rund 1.300 Punkte gestiegen, und wer sich gegen eine mögliche KI-Blase absichern will, sollte nicht auf die üblichen Tech-Werte schauen, sondern auf Industrie- und Finanztitel im Index. Telekom und Eon liefern dafür das erste handfeste Beispiel – Substanzgeschäft statt Wachstumsversprechen, und genau das honoriert der Markt gerade überproportional.
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Siemens Healthineers: Wenn der Kurs die eigenen Zahlen überholt
Wie wenig es derzeit braucht, um schwache operative Signale zu überdecken, zeigt Siemens Healthineers. Die UBS beließ ihr Rating am Montag auf „Neutral“ mit Kursziel 38 Euro – aus gutem Grund: Im dritten Quartal wuchs das Bildgebungsgeschäft nur um 2,3 Prozent, während der Konsens 5,4 Prozent erwartet hatte. Die Aktie kletterte trotzdem auf 39,30 Euro, ein Tagesplus von 5,65 Prozent und damit deutlich oberhalb des UBS-Kursziels.
Diese Diskrepanz lohnt die Einordnung: Der Rückenwind der Iran-Entspannung trägt derzeit auch Werte, deren operative Basis wackelt. Anleger, die auf Zahlen schauen statt auf Marktstimmung, sollten sich den 5. November vormerken – dann legt Siemens Healthineers die Ergebnisse zum vierten Quartal vor, und dort zeigt sich, ob die Bildgebungsschwäche ein Ausrutscher war oder der Beginn eines Trends.
Big Tech: Die Rally verlangt jetzt Beweise statt Ankündigungen
Microsoft und Amazon haben die vergangenen Wochen mit Kursaufschlägen von 24 beziehungsweise fast 17 Prozent gefeiert – Amazon markierte am Montag mit 248 Euro sogar ein neues 52-Wochen-Hoch, getragen von einem AWS-Wachstum von 37 Prozent und einem Konzernumsatz von über 200 Milliarden Dollar. Doch die laufende Berichtssaison hat die Beweislast verschoben: Es reicht nicht mehr, hohe KI-Investitionen anzukündigen. Die Börse fragt inzwischen präzise nach der Rendite dieser Milliarden – gemessen an Wachstum, Marge und freiem Cashflow.
SAP liefert das Warnbeispiel für die Kehrseite dieser strengeren Logik: Die Aktie sprang zwar um 5,77 Prozent auf 168,60 Euro, notiert damit aber immer noch rund 20 Prozent im Minus seit Jahresbeginn – und das nur zehn Tage nach einem neuen 52-Wochen-Tief bei 127,52 Euro. Wer nach der aktuellen Erholung bei Big Tech einsteigt, kauft nicht mehr nur die Story. Er kauft die Zahlen dahinter, und die fallen von Konzern zu Konzern sehr unterschiedlich aus.
Wer nach den jüngsten Kursausschlägen bei Microsoft und Amazon noch einseitig auf Big Tech setzt, sollte die parallel laufende Sektor-Rotation am US-Markt nicht ausblenden. Ein kostenloser Sonderreport zeigt, welche US-Aktien abseits der bekannten Tech-Giganten jetzt das größte Nachholpotenzial bieten. Kostenlosen Sonderreport herunterladen
Der Rhein als unbequeme Kennzahl
Während sich die Berichtssaison um Wachstumsraten und Margen dreht, meldet sich eine ganz andere Kennzahl zurück: der Pegelstand. In Köln liegt er bei 68 Zentimetern, in Kaub nur noch bei 25 – historische Tiefstände, die bei BASF ungute Erinnerungen an 2018 wecken, als anhaltendes Niedrigwasser spürbare Gewinneinbußen verursachte. Deutschland hat binnen 25 Jahren rund 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren, der jährliche volkswirtschaftliche Schaden durch die Trockenheit wird auf 25 Milliarden Euro geschätzt. Für das dritte Quartal rechnen Ökonomen mit einem BIP-Dämpfer von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten.
NRW-Verkehrsminister Oliver Krischer drängt inzwischen auf eine nationale Taskforce mit zusätzlichen Lagerkapazitäten in den Häfen und mehr Bahnkapazität als Ausweichroute. Für Anleger in chemie- und logistiklastigen DAX-Werten ist das ein Risiko, das die aktuelle Rekordstimmung im Index vollständig ausblendet – ein Gegengewicht zur Erzählung vom robusten deutschen Industriesektor.
Der DAX läuft, die deutsche Wirtschaft hinkt hinterher
Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie kletterte im Juli auf 52,2 Punkte von 50,3 im Juni – ein klares Wachstumssignal. Gleichzeitig zeigt der Einzelhandel ein zwiespältiges Bild: Im ersten Halbjahr legte der Umsatz nominal um 2,2 Prozent zu, im Juni allein sackte er aber um 1,1 Prozent ab, und das Ifo-Geschäftsklima verharrt trotz leichter Verbesserung bei -28,7 Punkten im tiefroten Bereich.
Dass der DAX davon unbeeindruckt neue Rekorde markiert, liegt am Auslandsgeschäft seiner Schwergewichte: Rund 80 Prozent der Index-Umsätze werden außerhalb Deutschlands erzielt, und für 2026 werden Dividendenausschüttungen von 57 Milliarden Euro erwartet. Über drei Jahre hat der DAX um 65 Prozent zugelegt, der binnenmarktorientierte MDAX nur um 16 Prozent – ein Beleg dafür, wie weit sich die Kursentwicklung der Schwergewichte von der heimischen Konjunkturrealität bereits entfernt hat.
Unterm Strich
Der heutige Handelstag zeigt ein Muster, das über einzelne Kursausschläge hinausweist: Wenn eine geplatzte Megafusion (Telekom) und ein Analysten-Upgrade für einen Versorger (Eon) mehr Kursfantasie freisetzen als AWS-Wachstum von 37 Prozent bei Amazon, dann hat sich die Risikowahrnehmung am Markt verschoben. Anleger preisen zunehmend eine Absicherung gegen die eigene KI-Rally ein – und finden sie ausgerechnet in Telekommunikation, Versorgern und Old-Economy-Substanz. Gleichzeitig zeigt Siemens Healthineers, dass der breite Marktoptimismus auch schwache operative Signale übertönen kann, und der Rhein liefert eine Kennzahl, die sich mit keiner Analystenstudie wegdiskutieren lässt. Wer sein Depot heute überprüft, sollte weniger auf die nächste Indexmarke schauen als darauf, welche Werte tatsächlich Substanz liefern – und welche nur von der allgemeinen Stimmung getragen werden.
Beste Grüße, Ihr Eduard Altmann
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