Thyssenkrupp Aktie: 6-Prozent-Sprung auf 15,20 Euro
Thyssenkrupp profitiert vom europäischen Handelsschutz und plant in Duisburg eine Pilotanlage zur CO2-Nutzung für nachhaltigen Flugkraftstoff.

Kurz zusammengefasst
- Aktie gewinnt sechs Prozent
- Deutsche Bank erhöht Kursziel auf 18 Euro
- EU-Handelsschutz stärkt europäische Stahlproduzenten
- Duisburger Pilotanlage bereits beschlossen
Es gibt Wochen, in denen fühlt sich der deutsche Aktienmarkt an wie ein großes Umbau-Panorama. Volkswagen einigt sich auf einen Sparplan, Continental schneidet die Reifensparte heraus, und mittendrin steht Thyssenkrupp – ein Konzern, der seit Jahren wie ein Symbol für den mühsamen Strukturwandel der deutschen Schwerindustrie gilt.
Am Freitag hat ausgerechnet dieses Symbol den größten Satz gemacht: Die Aktie schloss mit einem Plus von 6,0 Prozent bei 15,20 Euro und markierte damit fast ihr 52-Wochen-Hoch von 15,30 Euro, das erst am selben Tag erreicht wurde.
Auslöser war keine neue Betriebsversammlung und kein Sanierungspapier, sondern ein Analystenkommentar. Die Deutsche Bank hat ihr Kursziel für Thyssenkrupp von 16 auf 18 Euro angehoben und die Einstufung „Buy“ bestätigt.
Analyst Bastian Synagowitz begründet das mit strukturellem Rückenwind durch den europäischen Handelsschutz. Das klingt bürokratisch, ist aber im Kern eine einfache Botschaft: Wer die europäische Stahlindustrie vor billigerer Importware abschirmt, verschafft den heimischen Produzenten Preissetzungsmacht zurück. Und Preissetzungsmacht ist für einen Konzern, der jahrelang unter Überkapazitäten und Importdruck litt, genau das, was fehlte.
Ein Aufschwung, der von außen kommt
Die eigentliche Pointe dieser Geschichte liegt nicht im Kurssprung selbst, sondern in seiner Herkunft. Thyssenkrupp hat sich in den vergangenen Monaten nicht neu erfunden – der Rückenwind kommt von der Handelspolitik, nicht aus der eigenen Transformation. Das ist bemerkenswert, denn während Volkswagen mit dem Abbau von 50.000 Stellen und der Gefährdung mehrerer Werke einen schmerzhaften eigenen Umbau vorantreibt, profitiert Thyssenkrupp von einem politischen Schutzschirm, den die EU über die gesamte Branche spannt. Zwei völlig unterschiedliche Wege zum selben Ziel: Überleben in einer Industrie, die sich gerade neu sortiert.
Dass dieser Schutz nötig ist, zeigt der Blick auf die globale Nachfrage. Laut der Branchenorganisation Irepas ist die weltweite Nachfrage nach Langprodukten seit Juni gesunken, geopolitische Spannungen an Schwarzem Meer und Straße von Hormus stören die Lieferketten zusätzlich.
Die OECD rechnet bis 2030 mit einem globalen Nachfragewachstum von gerade einmal 0,9 Prozent pro Jahr, und die Auslastung der Stahlindustrie soll von 76 Prozent im laufenden Jahr auf 74 Prozent im Jahr 2028 sinken. In einem solchen Umfeld ist jeder Handelsschutz, den die EU gewährt, keine Kosmetik, sondern eine Überlebensfrage für europäische Hersteller.
Zwischen Kurssprung und Zukunftstechnologie
Während die kurzfristige Kursfantasie an der Handelspolitik hängt, arbeitet Thyssenkrupp parallel an einem Projekt, das eher ins nächste Jahrzehnt weist: In Duisburg soll im Rahmen von Carbon2Chem eine Pilotanlage entstehen, die CO2 aus Hüttengasen über den Umweg Methanol in nachhaltigen Flugkraftstoff umwandelt. Die Investitionsentscheidung dafür ist bereits gefallen.
Möglich wird das auch durch eine neue ASTM-Norm, die seit Ende Juli Methanol als Ausgangsstoff für sogenannte Alcohol-to-Jet-Verfahren mit einer Beimischung von bis zu 50 Prozent zulässt. Die EU-Quote für nachhaltigen Flugkraftstoff steigt ohnehin schrittweise: zwei Prozent ab 2025, sechs Prozent ab 2030, siebzig Prozent bis 2050.
Diese beiden Erzählstränge – der politisch geschützte Stahlmarkt von heute und die CO2-Verwertung von morgen – laufen bei Thyssenkrupp gerade parallel. Für Anleger stellt sich die Frage, welcher der beiden Stränge tragfähiger ist.
Handelsschutz kann politisch wieder aufgeweicht werden, sobald sich die Handelsbeziehungen ändern. Carbon2Chem dagegen ist ein industrielles Langfristprojekt, dessen Wirtschaftlichkeit erst noch unter Beweis gestellt werden muss.
Der Freitag hat gezeigt, wie sensibel der Markt auf jedes Signal reagiert, das Thyssenkrupp aus der Rolle des ewigen Sanierungsfalls herausholt. Ob daraus mehr wird als ein guter Handelstag, hängt davon ab, ob der europäische Handelsschutz Bestand hat – und ob aus der Duisburger Pilotanlage irgendwann ein Geschäftsmodell wird, das ohne politische Krücken auskommt.
Thyssenkrupp-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Thyssenkrupp-Analyse vom 5. September liefert die Antwort:
Die neusten Thyssenkrupp-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Thyssenkrupp-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 5. September erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
Thyssenkrupp: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...