Thyssenkrupp ordnet sein Stahlgeschäft neu und meldet zugleich einen Großauftrag bei der Wasserstofftochter Nucera – zwei Nachrichten, die zeigen, wie eng Restrukturierung und Zukunftsinvestitionen derzeit verzahnt sind. Während im Stammgeschäft harte Einschnitte laufen, soll die Wasserstoffsparte Wachstum liefern. Wie passt das zur jüngsten Konsolidierung des Aktienkurses?
Neuer COO für die Stahlsparte
Mit Dr. Marco Richrath holt Thyssenkrupp Steel Europe einen erfahrenen Industrie-Manager an Bord. Der frühere Shell-Manager übernimmt zum 1. Januar 2026 als Chief Operating Officer die operative Verantwortung für die Produktion. Ziel ist es, die Werke effizienter zu steuern und die laufende Transformation umzusetzen.
Die Personalie kommt in einer Phase tiefgreifender Einschnitte: Anfang Dezember wurde mit der IG Metall ein Sanierungstarifvertrag vereinbart. Kernpunkte sind:
- Abbau oder Auslagerung von rund 11.000 Arbeitsplätzen
- Reduktion der Stahlkapazität auf 8,7 bis 9 Millionen Tonnen
- mehrjährige Restrukturierung mit hohen Rückstellungen
An der Spitze der Stahlsparte bleibt CEO Marie Jaroni, die erst Ende Oktober übernommen und die Verhandlungen mit der Gewerkschaft geführt hatte. Mit Richrath an ihrer Seite soll sie sich stärker auf Strategie und die Gespräche mit dem indischen Interessenten Jindal Steel International konzentrieren, während der neue COO die Produktionsprozesse strafft.
Nucera meldet Großauftrag
Parallel zur harten Sanierung im Stahlgeschäft setzt Thyssenkrupp bei Nucera auf Wachstum. Die Wasserstofftochter hat einen Vertrag zur Lieferung von Elektrolyseuren für eine großtechnische Chlor-Alkali-Anlage im Nahen Osten unterschrieben. Das Projektvolumen liegt im hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich.
Wesentliche Eckdaten des Auftrags:
- Verbuchung voraussichtlich im 2. Quartal des Geschäftsjahres 2025/26
- Fertigstellung der Gesamtanlage bis Ende 2028 geplant
- Bestätigung der Nachfrage nach Nucera-Technologien im Bereich Wasserstoff und Elektrolyse
Der Deal stärkt das Profil von Nucera als Technologielieferant im Übergang zu klimafreundlicher Chemieproduktion und verschafft dem Konzern Planungssicherheit im Anlagengeschäft über mehrere Jahre.
Kursbild nach starker Jahresperformance
Gestern schloss die Thyssenkrupp-Aktie bei 8,95 Euro. Nach einem Minus von rund 4 Prozent auf 30-Tage-Sicht fällt der Rückgang moderat aus, zumal das Papier auf Sicht von zwölf Monaten immer noch um knapp 117 Prozent zugelegt hat. Damit bleibt die Rallye seit Jahresbeginn mit einem Plus von rund 124 Prozent intakt, der Titel konsolidiert jedoch spürbar unterhalb früherer Hochs.
Charttechnisch ist der Kurs unter den 50-Tage-Durchschnitt von 9,28 Euro gerutscht und notiert auch rund 8 Prozent unter der 200-Tage-Linie bei 9,72 Euro. Vom 52‑Wochen-Hoch bei 13,24 Euro ist die Aktie aktuell mehr als 30 Prozent entfernt, während der Abstand zum Tief bei 3,86 Euro weiterhin deutlich positiv bleibt.
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Fundamental belasten vor allem die Kosten der Restrukturierung. Für das Geschäftsjahr 2025/26 stellt Thyssenkrupp einen Nettoverlust von 400 bis 800 Millionen Euro in Aussicht. Der freie Cashflow vor M&A soll zwischen minus 300 und minus 600 Millionen Euro liegen – vor allem wegen Rückstellungen für den Umbau der Stahlsparte.
Die DZ Bank bleibt bei ihrer Einschätzung „Halten“ und verweist auf operative Fortschritte, sieht aber unverändert die Risiken der mehrjährigen Neuausrichtung. Der Analystenkonsens signalisiert mit einem durchschnittlichen Kursziel von rund 9,74 Euro ein begrenztes Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Niveau.
Belastetes Marktumfeld für Stahl
Die Umbaupläne fallen in eine Phase struktureller Schwäche im europäischen Stahlsektor. Thyssenkrupp hatte erst vor wenigen Tagen angekündigt, die Produktion von Elektrostahl an Standorten in Deutschland und Frankreich vorübergehend stillzulegen. Grund sind aggressive Billigimporte aus Asien, die die Preise in Europa um bis zu 25 Prozent unterbieten.
Die Importe von kornorientiertem Elektrostahl nach Europa haben sich seit 2022 verdreifacht und sind 2025 nochmals um 50 Prozent gestiegen. Zusätzliche 1.200 Arbeitsplätze gelten durch die Stilllegungen als gefährdet. Der Konzern fordert von der EU wirksame Handelsschutzinstrumente, um Wettbewerbsverzerrungen zu begrenzen.
Jindal-Deal bleibt Schlüsselthema
Parallel zur internen Neuaufstellung laufen die Gespräche mit Jindal Steel International über einen möglichen Verkauf der Stahlsparte weiter. Der indische Konzern führt eine Due-Diligence-Prüfung durch und hat betont, dass staatliche Unterstützung für die grüne Transformation ein zentraler Faktor für eine mögliche Übernahme sei.
Konzernchef Miguel López zeigte sich zuletzt optimistisch und geht davon aus, dass die Verhandlungen mit Jindal erfolgreich abgeschlossen werden können. Eine Entscheidung wird im ersten Quartal 2026 erwartet. Gelingt der Deal, könnte er die Struktur des Konzerns grundlegend verändern und die Stahlrisiken teilweise aus der Bilanz nehmen.
Termine und Ausblick
In den kommenden Monaten stehen mehrere potenzielle Katalysatoren an:
- 1. Januar 2026: Amtsantritt des neuen COO Marco Richrath bei Thyssenkrupp Steel Europe
- 30. Januar 2026: Hauptversammlung mit Abstimmung über eine Dividende von 0,15 Euro je Aktie
- Q1 2026: Erwartete Entscheidung zu den Gesprächen mit Jindal Steel International
Operativ muss das Management nun zwei zentrale Aufgaben parallel meistern: Die Verluste im Kerngeschäft Stahl durch die eingeleiteten Maßnahmen zügig eindämmen und gleichzeitig das Wachstum bei Nucera im Anlagengeschäft konsequent nutzen. Wie gut diese Balance gelingt, dürfte maßgeblich bestimmen, ob die Aktie ihre starke langfristige Performance trotz aktueller Konsolidierung fortsetzen kann.
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