Thyssenkrupp Aktie: Nucera stoppt SOEC-Massenfertigung
Thyssenkrupp hebt Jahresziele an und profitiert von starkem TKMS-Wachstum. Der Nucera-Ausstieg belastet, bestätigt aber die konsequente Konzernstrategie.
Kurz zusammengefasst
- EBIT-Prognose um 100 Mio. Euro angehoben
- TKMS erhöht Marge und Wachstumsziele deutlich
- Nucera stoppt SOEC-Massenfertigung mit Sonderbelastung
- Aktie steigt 10 Prozent binnen Woche
Während sich die Muttergesellschaft in Rekordlaune präsentiert, meldet die Wasserstoff-Tochter Nucera einen schmerzhaften Rückzieher. Für mich zeigt genau dieser Kontrast, wie belastbar die neue Thyssenkrupp-Erzählung wirklich ist.
Ein Kurswechsel bei Nucera, der ins Gesamtbild passt
Am Mittwoch verkündete Thyssenkrupp Nucera den Ausstieg aus den Plänen zur Massenfertigung von SOEC-Stacks, verbunden mit einer einmaligen EBIT-Belastung. Die Konsequenz: Die EBIT-Prognose für 2025/26 rutscht auf minus 105 bis minus 75 Millionen Euro, zuvor waren minus 80 bis minus 30 Millionen Euro angesetzt.
Auch die Umsatzprognose sinkt, auf 450 bis 500 Millionen Euro, das Segment grüner Wasserstoff soll nur noch 100 bis 130 Millionen Euro statt zuvor 120 bis 170 Millionen Euro beisteuern.
Das ist unangenehm für Nucera-Aktionäre. Doch aus Konzernsicht wiegt es leicht. Thyssenkrupp hat sich in den vergangenen Jahren genau darauf verlegt, unrentable oder überambitionierte Wachstumswetten einzukassieren, bevor sie zur Belastung werden. Wer den Umbau des Konzerns verfolgt, erkennt hier ein Muster, keinen Ausrutscher.
Die eigentliche Geschichte spielt zwei Tage später
Am Donnerstag lieferte der Kernkonzern die Zahlen, die den Ausschlag geben. Das bereinigte EBIT stieg im dritten Quartal um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro, der Umsatz kletterte um 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro. Unter dem Strich stand erstmals seit Langem wieder ein Gewinn, 34 Millionen Euro, nach einem Verlust von 255 Millionen Euro im Vorjahresquartal.
Ein gutes Drittel dieses Ergebnisses, 131 Millionen Euro, resultiert aus dem im Juli abgeschlossenen Verkauf der HKM-Anteile an Salzgitter. Man sollte diesen Sondereffekt nicht kleinreden, aber ihn auch nicht diskreditieren: Der HKM-Exit war ein bewusster strategischer Schritt in der Neuordnung der Stahlsparte, kein Bilanztrick.
Entscheidend ist für mich die Prognoseanhebung, die aus diesen Zahlen folgt. Der Vorstand hob die Untergrenze der EBIT-Prognose für 2025/26 um 100 Millionen Euro auf 600 bis 900 Millionen Euro an. Auch die Untergrenze der Nettoverlust-Prognose wurde nach oben korrigiert. Ein Konzern, der seine Prognose zur Mitte des Geschäftsjahres anhebt statt sie zu verteidigen, sendet ein anderes Signal als einer, der nur Erwartungen managt.
Analysten laufen der Rally hinterher, nicht umgekehrt
Bank of America hob am Donnerstag ihr Kursziel auf 19 Euro an, JPMorgan zog auf 15 Euro nach, blieb aber bei „Neutral“. Bemerkenswert: BofA begründet den Optimismus nicht nur mit der bevorstehenden Abspaltung von Materials Services, sondern auch mit neuen EU-Zollquoten für Stahl, die seit Juli gelten und die Margen der Stahlsparte stützen dürften. Das ist ein handfestes, politisch verankertes Argument, kein reines Sentiment-Spiel.
Bei der Rüstungstochter TKMS ist die Dynamik noch deutlicher. Bernstein stufte das Papier am Donnerstag von „Market-Perform“ auf „Outperform“ hoch und hievte das Kursziel von 76 auf 125 Euro.
TKMS selbst hob die eigene Marge auf bis zu 6,5 Prozent an, das Umsatzwachstum soll 10 bis 12 Prozent statt vorher 2 bis 5 Prozent erreichen. Solche Sprünge in der Guidance sieht man selten, und sie erklären, warum ein Teil des Kapitalmarkts inzwischen fast euphorisch auf den Konzernumbau blickt.
Unterm Strich: Story stimmt, Tempo macht mich vorsichtig
Der Aktienkurs hat diese Woche kräftig zugelegt, binnen sieben Tagen um 10,0 Prozent, binnen 30 Tagen um 15 Prozent. Er notiert nur noch 1,5 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch und liegt rund 18 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt.
Der Relative-Stärke-Index von 71,5 signalisiert, dass die Rally kurzfristig überkauft sein könnte – ein technisches Detail, das die fundamentale Story nicht widerlegt, aber zur Vorsicht bei der Erwartungshaltung mahnt.
Für mich überwiegen die strukturellen Argumente: angehobene Prognosen, ein greifbarer Fortschritt bei der Aufspaltung in eigenständige Einheiten, ein Rüstungsgeschäft mit deutlich verbesserter Marge.
Der Nucera-Dämpfer schmälert diese Bilanz nicht, er bestätigt sie sogar – ein Konzern, der Fehlentwicklungen konsequent abschneidet, statt sie zu beschönigen. Die Frage, die Anleger sich stellen sollten, ist nicht mehr, ob der Umbau funktioniert, sondern wie viel davon der Kurs bereits vorwegnimmt.
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