Thyssenkrupp auf Fünf-Jahres-Hoch, 2G Energy im Höhenflug

Thyssenkrupp nähert sich dem 52-Wochen-Hoch, während 2G Energy vom Rechenzentrumsgeschäft profitiert und weitere Industriewerte umbauen.

Dr. Robert Sasse ·

Kurz zusammengefasst

  • Deutsche Bank hebt Thyssenkrupp-Kursziel an
  • 2G Energy erhält größten Einzelauftrag
  • Aumann steigert Aufträge bei Next Automation
  • Hochtief übernimmt Netzspezialisten unter Vorbehalt

Ein angehobenes Kursziel der Deutschen Bank schickt Thyssenkrupp Richtung neuer Rekordmarken. Gleichzeitig zeigt sich am Beispiel von 2G Energy, wie stark der Rechenzentrums-Boom mittlerweile auch kleinere Nischenanbieter erfasst. Der deutsche Industriesektor bleibt damit ein Feld der Gegensätze zwischen Turnaround-Fantasie und mühsamem Strukturwandel.

Sektor-Überblick: Rückenwind für die einen, Umbauzwang für die anderen

Mehrere Trends prägen aktuell den deutschen Maschinenbau: Europäische Handelsschutzmaßnahmen stützen die Stahlpreise, der Energiehunger von Rechenzentren treibt Zulieferer dezentraler Stromversorgung an. Traditionelle Maschinenbauer suchen derweil nach neuen Geschäftsfeldern jenseits schrumpfender Kernmärkte.

Die Deutsche Bank hebt ihre Prognosen für europäische Stahlwerte an und verweist auf einsetzenden strukturellen Rückenwind, geht aber weiterhin von schwacher Grundnachfrage aus. Für Heidelberger Druckmaschinen und Aumann bleibt der Alltag dagegen von Transformation geprägt – der eine Konzern sucht sein Heil im Rüstungssegment, der andere im Ausbau der Automatisierungssparte. Hochtief bewegt sich zwischen einem starken operativen Jahr und zuletzt nachlassender Kursdynamik.

Der Begriff „Maschinenbau-Aktien“ trifft längst nicht mehr alle fünf Werte gleichermaßen. Zu unterschiedlich sind die Geschäftsmodelle zwischen Stahl, Blockheizkraftwerken, Druckmaschinen und Baukonzern geworden.

Thyssenkrupp: Kursziel-Anhebung heizt Kapitalmarkttag-Fantasie an

Thyssenkrupp steht im Zentrum der aktuellen Aufmerksamkeit. Die Deutsche Bank hat das Kursziel von 16 auf 18 Euro angehoben und die Einstufung „Buy“ bestätigt – die Analysten erhöhen zudem ihre EBIT-Schätzungen für die kommenden Jahre um bis zu 6 Prozent.

Die Aktie reagierte prompt: Heute springt der Kurs um 5,9 Prozent auf 15,15 Euro, nachdem sie gestern noch bei 14,30 Euro geschlossen hatte. Damit nähert sich Thyssenkrupp dem 52-Wochen-Hoch von 15,30 Euro auf weniger als einen Prozentpunkt. Über zwölf Monate steht ein Plus von 61 Prozent zu Buche – der Titel hat den breiten Markt damit deutlich hinter sich gelassen.

Im Zentrum der Investorenaufmerksamkeit steht nun der Kapitalmarkttag am 22. September. Dort erwarten Marktteilnehmer konkrete Aussagen zum strategischen Kurs und zu Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Mit einem RSI von 68,5 nähert sich die Aktie zwar überkauftem Terrain, die hohe Volatilität von 47 Prozent macht den Titel aber weiterhin zum Tummelplatz für risikofreudige Anleger.

Aumann: Next Automation kompensiert schwächelnde E-Mobility-Sparte

Der ostwestfälische Spezialmaschinenbauer, eine Tochtergesellschaft der MBB SE, zeigt im laufenden Jahr ein zweigeteiltes Bild. Die Aktie legt heute um 3,8 Prozent auf 13,75 Euro zu, bleibt damit aber rund 15 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 16,20 Euro.

Operativ zeigte der jüngste Halbjahresbericht deutliche Verschiebungen zwischen den Geschäftsbereichen. Aumann meldete im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatzrückgang um 34,8 Prozent auf 70,6 Millionen Euro, behauptete aber eine EBITDA-Marge von 10,5 Prozent. Next Automation steigerte den Auftragseingang um 72,1 Prozent, während das E-Mobility-Geschäft schwächelte – die Jahresprognose bleibt dennoch bestehen.

Auf diese Entwicklung reagierte das Analystenhaus Montega positiv und startet die Coverage mit „Kaufen“ und einem Kursziel von 21 Euro. Ende August fand zudem die Hauptversammlung statt, im Rahmen derer eine Dividende zur Ausschüttung kam. Mit einem KGV von rund 10,5 bleibt die Bewertung im historischen Vergleich moderat, während der Umbau hin zu mehr Diversifikation im Automatisierungsgeschäft weiter Fahrt aufnimmt.

2G Energy: Vom Nischenanbieter zum gefragten KI-Infrastrukturpartner

Kaum ein Wert im deutschen Industriesektor hat sich zuletzt so dynamisch entwickelt wie 2G Energy. Der Spezialist für Blockheizkraftwerke und containerisierte Energieversorgungssysteme hat sich mit einem Großauftrag aus Nordamerika für die Energieversorgung von Rechenzentren in eine neue Liga katapultiert. Ein nordamerikanischer Kunde bestellte eine große Anzahl containerisierter Kraftwerke inklusive Inbetriebnahme vor Ort – das Auftragsvolumen liegt im unteren dreistelligen Megawatt-Bereich und markiert nach eigenen Angaben den größten Einzelauftrag der Firmengeschichte.

Die Prognose wurde entsprechend angepasst: 2G Energy konkretisiert die Umsatzprognose für 2026 auf das obere Ende der bisherigen Spanne von 440 bis 490 Millionen Euro. Für 2027 rechnet das Management mit Umsätzen von deutlich über 570 Millionen Euro, was einem Wachstum von rund 20 Prozent entspräche.

Die Aktie springt heute um 4,8 Prozent auf 59,30 Euro und liegt seit Jahresbeginn bereits 69 Prozent im Plus. Trotz der Rally sehen Analysten weiteres Potenzial: Das Forward-KGV liegt bei 19,2 und damit rund 25 Prozent unter dem historischen Bewertungsdurchschnitt. Neben dem Rechenzentrumsgeschäft profitiert das Unternehmen vom deutschen Biomassepaket sowie von der nationalen Kraftwerksstrategie, die zusätzliche Nachfrage nach flexiblen Gasmotorenlösungen schaffen dürfte.

Heidelberger Druckmaschinen: Der Umbau zum Dual-Use-Konzern nimmt Fahrt auf

Heidelberger Druckmaschinen bleibt der wohl radikalste Transformationsfall im deutschen Maschinenbau. Der einstige Inbegriff klassischer Drucktechnik baut sein angestammtes Geschäft konsequent zurück und investiert stattdessen in neue Wachstumsfelder – allen voran den Verteidigungssektor.

Kernstück der neuen Ausrichtung ist die Sparte HD Advanced Technologies. Unter diesem Dach verfolgt der Konzern einen Dual-Use-Ansatz: HD Advanced Technologies und das amerikanisch-israelische Unternehmen Ondas Autonomous Systems haben in Brandenburg an der Havel das Joint Venture ONBERG gegründet. Zusätzlich positioniert sich der Konzern im klassischeren Rüstungsgeschäft – mit einer mehrjährigen Partnerschaft mit der VINCORION Advanced Systems GmbH zur Entwicklung von Energieregelungs- und -verteilungssystemen für militärische Anwendungen. Innerhalb von drei Jahren strebt das Unternehmen einen Umsatz von 300 Millionen Euro mit neuer Militärtechnik an.

Operativ bleibt das Bild durchwachsen. Der Umsatz stieg im Geschäftsjahr 2025/2026 leicht auf 2,293 Milliarden Euro, während die bereinigte EBITDA-Marge von 7,1 auf 6,6 Prozent sank. Die Aktie notiert bei 1,45 Euro und damit 40 Prozent unter ihrem Jahreshoch – allerdings hat der Titel die 50-Tage-Linie zuletzt leicht überschritten, ein erstes Zeichen technischer Stabilisierung.

Hochtief: Zukauf im Netzausbau untermauert Energiewende-Strategie

Hochtief hat sein Engagement im wachsenden Geschäft mit Energieinfrastruktur zu Beginn dieser Woche weiter ausgebaut. Der Baukonzern übernimmt die Autmatec GmbH, einen Spezialisten für Hochspannungs-Freileitungen mit rund 80 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von etwa 50 Millionen Euro. Der Zukauf zielt auf den Ausbau der Stromnetze, den Engpass für Windparks, Solarparks und Rechenzentren – die Übernahme steht noch unter kartellrechtlichem Vorbehalt.

Der Deal reiht sich in eine Serie ähnlicher Aktivitäten ein. Bereits im August hatte Hochtief einen Großauftrag zur Modernisierung des Londoner Stromnetzes erhalten, im Rahmen dessen ein Joint Venture mit Murphy und weiteren Partnern 60 Kilometer neue Kabelinfrastruktur verlegen soll, ergänzt um Arbeiten an Umspannwerken und den Ersatz von Freileitungen.

An der Börse zeigte sich die Aktie zuletzt etwas angeschlagen. Der Titel unterschritt Ende August zeitweise die 50-Tage-Linie und notiert aktuell bei 425,80 Euro, rund 23 Prozent unter dem Jahreshoch von 554,50 Euro. Operativ bleibt der Konzern dennoch auf Kurs – erst Ende Juli hatte Hochtief per Ad-hoc-Mitteilung seine Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr angehoben.

Vergleichende Sektordynamik: Fünf Aktien, fünf Geschichten

Der Blick auf alle fünf Werte zeigt, wie heterogen der deutsche Industriesektor derzeit aufgestellt ist:

  • Thyssenkrupp und 2G Energy profitieren von externen Rückenwinden – EU-Handelsschutz für Stahl im einen Fall, der globale Rechenzentrumsboom im anderen – und werden mit steigenden Kurszielen beziehungsweise kräftigen Kursgewinnen belohnt
  • Hochtief bewegt sich in einer ähnlichen strukturellen Erzählung rund um Energieinfrastruktur, wenngleich die Aktie zuletzt technisch schwächelte
  • Aumann und Heidelberger Druckmaschinen kämpfen beide mit schrumpfenden Kerngeschäften und setzen auf Diversifikation als Ausweg – bei Aumann über die Next-Automation-Sparte, bei Heidelberger Druckmaschinen über den Sprung in Rüstungs- und Dual-Use-Technologien

Bewertungstechnisch fällt auf, dass 2G Energy trotz der Kursrally mit einem Forward-KGV deutlich unter dem historischen Durchschnitt notiert, während Aumann mit einem KGV von rund 10,5 vergleichsweise günstig bleibt. Thyssenkrupp wiederum zeigt mit seiner Jahresperformance, wie stark der Markt Turnaround-Fantasie honorieren kann, sobald konkrete strukturelle Argumente hinzukommen.

Kapitalmarkttag und Auftragspipeline als nächste Katalysatoren

Für die kommenden Wochen dürfte der Thyssenkrupp-Kapitalmarkttag am 22. September zum wichtigsten Termin für den gesamten Sektor werden. Die dort erwarteten Aussagen zur Konzernstrategie könnten auch die Wahrnehmung anderer Industriewerte beeinflussen, die sich in ähnlichen Transformationsprozessen befinden.

Bei 2G Energy bleibt entscheidend, ob sich angekündigte Großprojekte im Rechenzentrumsgeschäft tatsächlich in weitere Auftragseingänge übersetzen lassen. Für Aumann und Heidelberger Druckmaschinen wird sich zeigen müssen, ob die neuen Wachstumssegmente ausreichend Tempo aufnehmen, um die schwächelnden Kerngeschäfte zu kompensieren. Hochtief dürfte mit weiteren Zukäufen im Bereich Energieinfrastruktur seine Position im wachsenden Markt für Netzausbau festigen.

Die kommenden Quartalszahlen und etwaige weitere Auftragsmeldungen bleiben bei allen fünf Werten der entscheidende Taktgeber für kurzfristige Kursbewegungen.

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