Thyssenkrupp vor dem Quartaltest: Entscheidet sich hier die Aufspaltungslogik?

Thyssenkrupp-Sparten liefern gemischte Signale: Nucera kappt die Ergebnisprognose, TKMS erhöht die Umsatzerwartung. Der morgige Konzernbericht wird zum Stimmungstest.

Dieter Jaworski ·
Thyssenkrupp Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Nucera senkt EBIT-Prognose deutlich
  • TKMS hebt Umsatzprognose kräftig an
  • Stahlgespräche mit Křetínský gescheitert
  • Quartalszahlen entscheiden über Aufspaltung

Ausgangslage: Konzernumbau trifft auf Zahlenflut

Thyssenkrupp steckt mitten in einer Woche der Wahrheit. Heute meldet die Elektrolyse-Tochter Nucera eine drastisch gesenkte Ergebnisprognose für das laufende Geschäftsjahr, während die Marine-Sparte TKMS im selben Atemzug ihre Umsatzprognose kräftig anhebt. Morgen folgt der 9-Monats-Bericht des Gesamtkonzerns.

Für Anleger verdichtet sich damit binnen 48 Stunden, ob die Strategie hinter der Aufspaltung des Konzerns aufgeht: Starke Teile sollen sich freischwimmen, während die Problemsparten separat abgearbeitet werden. Genau diese Gleichzeitigkeit macht den Moment brisant.

Bei Nucera wiegt die Prognosesenkung schwer: Das EBIT wird nun zwischen minus 105 und minus 75 Millionen Euro erwartet, deutlich tiefer als die zuvor kommunizierte Spanne von minus 80 bis minus 30 Millionen Euro. Ausschlaggebend ist der strategische Rückzug aus der SOEC-Serienfertigung sowie Einmaleffekte von 30 Millionen Euro.

Gleichzeitig meldet Nucera für die ersten neun Monate eine Verdopplung des Auftragseingangs auf 471 Millionen Euro – der Umsatz im dritten Quartal fiel jedoch auf 145 Millionen Euro nach 184 Millionen Euro im Vorjahr. Auftragsschwung und Ergebnisdruck laufen bei Nucera also parallel.

TKMS liefert das Gegenbild: Die Rüstungssparte hebt ihre Umsatzprognose für das laufende Geschäftsjahr auf ein Wachstum von 10 bis 12 Prozent an, deutlich über der bisherigen Spanne von 2 bis 5 Prozent. Die bereinigte EBIT-Marge soll bis zu 6,5 Prozent erreichen, getrieben von starker Nachfrage bei Überwasserschiffen und der Tochter Atlas Elektronik.

Die entscheidende Frage: Trägt die Summe der Teile den Konzern?

Die zentrale Kennzahl für Anleger ist nicht eine einzelne Sparten-Zahl, sondern die Frage, ob die Stärke von TKMS die Schwäche von Nucera und die ungelöste Stahlfrage kompensieren kann – und ob sich das im morgigen Konzernbericht widerspiegelt.

Der Konsens erwartet für das dritte Quartal einen Gewinn von 0,025 Euro je Aktie bei einem Umsatz von rund 8,39 Milliarden Euro. Trifft der Konzern diese Marke trotz der Nucera-Belastung, wäre das ein Beleg dafür, dass die Segmentierung in einzeln bewertbare Einheiten funktioniert. Verfehlt er sie deutlich, gerät die gesamte Zerlegungslogik unter Druck.

Zusätzliches Gewicht erhält die Frage durch die Stahlsparte: Laut einem Bericht der FAZ sind die im vergangenen Herbst geführten Verhandlungen mit dem tschechischen Investor Daniel Křetínský über ein 50:50-Joint-Venture in der Sparte Steel Europe gescheitert. Ein Käufer oder Partner für das größte Sanierungsproblem des Konzerns fehlt damit weiterhin.

Bullisches Szenario

Bestätigt der Konzernbericht die TKMS-Dynamik und zeigt, dass die Nucera-Belastung isoliert bleibt, könnte der Markt die Aufspaltungsstrategie als validiert lesen. Die Deutsche Bank bewertete TKMS separat betrachtet Ende Juli mit „Buy“ und einem Kursziel von 110,00 Euro – ein Hinweis darauf, dass Analysten der Marine-Sparte eigenständig hohes Potenzial zuschreiben.

Setzt sich diese Sichtweise durch, könnte die Aktie ihre technische Erholung fortsetzen: Sie notiert derzeit mit 3,86 Prozent Abstand über ihrem 50-Tage-Durchschnitt und mit 17,64 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt in der Kumulation schlechter Nachrichten. Verfehlt der Konzern morgen die Konsensschätzungen, während Nucera weiter Prognosen kappt und die Stahlsparte ohne Partner bleibt, drohen Anleger die Aufspaltung als Kaschierung struktureller Probleme statt als Wertsteigerung zu deuten.

Die Aktie hat in den vergangenen sieben Tagen bereits 4,61 Prozent verloren und liegt 9,90 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 13,34 Euro vom 10. Oktober. Die annualisierte Volatilität von 34,26 Prozent zeigt, wie nervös der Markt die Story bereits einpreist.

Ausblick

Solange TKMS seine angehobene Prognose bestätigt und der Konzernbericht keine bösen Überraschungen bei Marge oder Cashflow liefert, dürfte die Aufspaltungsthese intakt bleiben und den durchschnittlichen Kurszielen der Analysten von 14,40 Euro (Stand Ende Juli) neuen Rückenwind geben.

Kippt dagegen der Gesamtkonzern-Ausblick unter die Erwartungen oder verschärft sich die Stahlfrage ohne neuen Investor, dürfte der Markt die Segment-Erfolge als isolierte Lichtblicke in einem insgesamt fragilen Konzern abtun. Der nächste konkrete Prüfstein ist damit bereits morgen: die vollständige Quartalsmitteilung zum dritten Quartal und den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres.

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