UniCredit nähert sich 40 Prozent — und Berlin schaut zu
UniCredit könnte bei der Commerzbank-HV 2027 über 40 Prozent der Stimmrechte halten, während die Politik nicht eingreift.

Kurz zusammengefasst
- UniCredit nähert sich Stimmrechtsmehrheit
- Bundesregierung lehnt Intervention ab
- KNDS-Börsengang durch Testat-Verweigerung verzögert
- Ifo-Index steigt, Ökonomen warnen vor Euphorie
Liebe Leserinnen und Leser,
am Mittwoch stellte ich die Frage, welche Unternehmen unter Druck echtes Geld verdienen. Der Freitag liefert eine andere Pointe: Es geht nicht nur darum, wer Geld verdient — sondern wer am Ende wem gehört. Der DAX notiert bei knapp 24.800 Punkten, das Wochenplus beträgt rund 3,4 Prozent. Doch die eigentliche Geschichte dieser Woche spielt sich in der Stimmrechtsmathematik der Commerzbank ab, im verweigerten Testat für den Rüstungskonzern KNDS und in einem Ifo-Index, den drei Chefvolkswirte für überbewertet halten.
DAX: 3,4 Prozent Wochenplus, getrieben von Infineon und SpaceX-Fantasie
Der DAX schloss die Woche bei knapp 24.800 Punkten ab. Infineon führte den Index an, gestützt durch Tech-Fantasie rund um den SpaceX-Börsengang. Das Wochenplus von 3,4 Prozent ist beachtlich — relativiert sich aber, wenn man den Blick weitet: Seit Jahresbeginn steht der Index kaum im Plus.
Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Mai überraschend auf 84,9 Punkte, nach revidiert 84,5 im April. Erwartet worden waren 84,1 Punkte. Die Lagebeurteilung verbesserte sich auf 86,1 nach 85,4 Punkten, die Erwartungen auf 83,8 nach 83,5 Punkten.
Die Volkswirte bremsen die Euphorie. Marc Schattenberg von der Deutschen Bank hält trotz des Anstiegs einen leichten BIP-Rückgang im zweiten Quartal für möglich. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht keine konjunkturelle Wende und verweist auf die Belastungen durch den Iran-Krieg und den Ölpreis. KfW-Volkswirt Philipp Scheuermeyer warnt ebenfalls vor einer Überinterpretation. Drei Ökonomen, drei Warnungen — bei einem Index, der nach oben zeigt.
Wohnungsbau auf dem Stand von 2012, Ölpreis als EZB-Risiko
Hinter dem Ifo-Anstieg verbergen sich strukturelle Schwächen, die der Index nicht abbildet. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 206.600 Wohnungen fertiggestellt — 18,0 Prozent oder 45.400 Einheiten weniger als im Vorjahr. Das ist der niedrigste Stand seit 2012.
Der Welthandel wuchs im ersten Quartal kräftig, getragen vom KI-Boom. Ob diese Dynamik anhält, ist offen. Für die EZB bleibt der Ölpreis der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Christine Lagarde achtet bei einem möglichen Ölpreisschock besonders auf Zweitrundeneffekte und Inflationserwartungen. Die Gemengelage aus fragiler Konjunktur, Energiepreisen und Zentralbankreaktion bleibt eng verzahnt.
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Commerzbank: 40,7 Prozent Stimmrechte auf der nächsten HV — und kein politischer Widerstand
Die Commerzbank-Übernahme durch UniCredit wird zunehmend von Fristen und Schwellenwerten bestimmt. UniCredit hält aktuell rund 27 Prozent der Anteile und ist bereits größter Einzelaktionär. Wird die Schwelle von 30 Prozent bis zum 16. Juni überschritten, muss ein verbindliches Angebot an alle Aktionäre folgen.
Die entscheidende Zahl steht allerdings weiter vorn: Bei der Hauptversammlung 2027 könnte UniCredit laut vorliegenden Berichten bis zu 40,7 Prozent der Stimmrechte einbringen. Das wäre nahe an einer faktischen Mehrheit — auch wenn dieser Wert nicht mit dem aktuell gehaltenen Anteil gleichzusetzen ist.
Das Angebot liegt bei 0,485 UniCredit-Aktien je Commerzbank-Anteilsschein, ohne Übernahmeprämie. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp empfiehlt die Ablehnung und kritisiert die Haltung der EZB, die aus ihrer Sicht destabilisierend wirke. UniCredit verfolgt einen harten Renditekurs; bis zu 23.000 Stellen könnten wegfallen.
Politische Gegenwehr ist nicht in Sicht. Der Bund hält rund 12,70 Prozent, ist damit zweitgrößter Aktionär. Die Bundesregierung unter Friedrich Merz lehnt jedoch sowohl eine „Golden Power“-Lösung als auch eine Aufstockung des Staatsanteils ab. Man wolle weder direkt intervenieren noch eine anti-europäische Haltung einnehmen.
Die Commerzbank-Aktie notierte am Freitagnachmittag bei 36,11 Euro. Auf Jahressicht steht ein Plus von 37,88 Prozent, über drei Jahre 264,70 Prozent, über fünf Jahre 451,62 Prozent. Kurzfristig bewegt sich der Kurs seitwärts: minus 1,65 Prozent auf Fünf-Tage-Sicht. Für Anleger verschiebt sich die Frage von Spekulation zu Arithmetik: Bessert UniCredit nach — oder reicht die Stimmrechtsposition?
KNDS: 23,5 Milliarden Auftragsbestand, aber kein Testat
Der geplante Börsengang des Rüstungskonzerns KNDS steht vor einem unerwarteten Hindernis. PwC verweigert das Testat für den Jahresabschluss 2025. Hintergrund ist ein Katar-Deal aus dem Jahr 2013 mit einem Volumen von 1,9 Milliarden Euro.
Ohne Prüfsiegel bis Ende Mai verschiebt sich das für den Frühsommer geplante Börsendebüt voraussichtlich in den Herbst. Der erwartete Börsenwert liegt bei 18 bis 20 Milliarden Euro; der Verkauf von rund 25 Prozent der Anteile soll etwa 5 Milliarden Euro einbringen.
Operativ zeigt KNDS eine bemerkenswerte Diskrepanz: 23,5 Milliarden Euro Auftragsbestand stehen einem Umsatz von 3,8 Milliarden Euro im Jahr 2024 gegenüber. Um die Produktion hochzufahren, sucht der Konzern nach Autofabriken. Gespräche laufen mit Mercedes über das Werk Ludwigsfelde — rund 2.000 Beschäftigte, geschätzter Investitionsbedarf 1 Milliarde Euro — und mit Volkswagen über das Werk Osnabrück.
Parallel wird über den künftigen Staatsanteil gestritten. Verteidigungs- und Finanzressort wollen 40 Prozent, Kanzler Merz bevorzugt 30 Prozent. Bilanztestat, Zeitplan und Eigentümerstruktur — drei offene Risikofaktoren für einen Börsengang, der eigentlich längst beschlossene Sache sein sollte.
Was diese Woche zählt
Der DAX geht mit 3,4 Prozent Wochenplus ins Wochenende. Das Momentum ist real. Die fundamentale Unterfütterung bleibt dünn: Der Ifo steigt, doch die Volkswirte winken ab. Der Wohnungsbau schrumpft auf ein 13-Jahres-Tief. Die EZB beobachtet den Ölpreis mit wachsender Aufmerksamkeit.
Drei Fragen nehmen Anleger mit in die nächste Woche: Überschreitet UniCredit die 30-Prozent-Schwelle bei der Commerzbank vor dem 16. Juni? Bekommt KNDS rechtzeitig sein Testat? Und hält die DAX-Rally, wenn die Konjunkturdaten nicht nachziehen?
Die Kurse sagen: ja. Die Zahlen sagen: abwarten.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann