VW streicht 100.000 Stellen — und die Politik sagt Nein
Volkswagen verschärft Sparpläne auf 100.000 Stellen, doch Niedersachsen blockiert Werksschließungen. Der 9. Juli wird richtungsweisend.

Kurz zusammengefasst
- VW verdoppelt geplanten Stellenabbau
- Politischer Widerstand gegen Werksschließungen
- Zalando-Kurs unter BaFin-Prüfungsdruck
- Renk erhält Milliardenauftrag aus USA
Liebe Leserinnen und Leser,
ein KGV von 4, eine Dividendenrendite über 7 Prozent, die niedrigste Bewertung im gesamten DAX — und trotzdem will niemand zugreifen. Volkswagen liefert an diesem letzten Handelstag vor dem Halbjahresabschluss den Beweis, dass billig und günstig zwei grundverschiedene Dinge sind. Denn was nützt ein Schnäppchenpreis, wenn vier deutsche Werke zur Disposition stehen, 100.000 Arbeitsplätze wackeln und die Politik jede schnelle Sanierung blockiert? Die Frage, die ich gestern für den Maschinenbau gestellt habe — welche Unternehmen eigene Impulse setzen können —, beantwortet Wolfsburg auf seine eigene, schmerzhafte Weise.
Volkswagen: Sparkurs verdoppelt, Widerstand formiert
Laut „Manager Magazin“ will Konzernchef Oliver Blume die Abbaupläne drastisch verschärfen: Bis zu 100.000 der weltweit 657.000 Arbeitsplätze sollen wegfallen — doppelt so viele wie bisher vorgesehen. Mittelfristig stehen vier deutsche Werke auf der Kippe: Hannover, Zwickau, Emden und das Audi-Werk Neckarsulm. Die Pläne sind Teil des „Zielbilds 2030″, über das der Aufsichtsrat am 9. Juli berät.
Doch der Widerstand steht längst. IG Metall und Betriebsrat lehnen Schließungen ab. Niedersachsen, mit 20 Prozent am Konzern beteiligt, stellt sich quer. Ministerpräsident Olaf Lies erteilte Werksstilllegungen eine klare Absage, Sachsens Kretschmer nennt die Zwickau-Pläne „fatal“. Zwei Jahre nach dem letzten Tarifkonflikt zeichnet sich der nächste erbitterte Streit ab.
Die VW-Vorzugsaktie gab am Freitag rund 3 bis 4 Prozent nach auf etwa 74,50 Euro. Der Gewinn brach zuletzt um mehr als die Hälfte ein. Das Problem für Anleger: Die Bewertung signalisiert Chance, die Governance signalisiert Stillstand. Solange Niedersachsen jede Werksschließung blockieren kann, bleibt die Sanierung ein Versprechen ohne Zeitplan. Der 9. Juli wird zeigen, wie viel Blume gegen seine Eigentümer durchsetzen kann.
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Zalando: BaFin-Prüfung drückt den Kurs, nicht das Geschäft
Zalando verlor am Freitag rund 7 Prozent und war damit größter DAX-Verlierer — vorbörslich waren es zeitweise über 20 Prozent Minus. Der Auslöser: Die BaFin prüft den Konzernabschluss 2025 wegen möglicher Verstöße gegen Rechnungslegungsvorschriften im Zusammenhang mit der About-You-Übernahme vom Sommer 2025. Es geht um fehlende Angaben.
Zalando selbst stuft die Sache als „rein formellen, materiell unwesentlichen Aspekt“ ein. Analysten von Barclays und Goldman Sachs halten das Problem für lösbar, rechnen aber mit einer Belastung, bis das Prüfungsergebnis vorliegt — das die BaFin öffentlich machen wird. Die operativen Zahlen bleiben davon unberührt: Für 2026 erwartet Zalando ein GMV- und Erlöswachstum von 12 bis 17 Prozent und ein bereinigtes Ebit von 660 bis 740 Millionen Euro, nach 591 Millionen im Vorjahr.
Hier reagiert der Markt auf ein Fragezeichen, nicht auf einen Geschäftseinbruch. Wer an das operative Modell glaubt, sieht einen Stimmungsschaden. Wer auf Charts schaut, sieht eine Aktie unter der 200-Tage-Linie. Beides gleichzeitig — und genau das macht die Situation unbequem.
Galeria und der deutsche Konsum: 160 Millionen für eine offene Rechnung
Der Warenhauskonzern Galeria erhält eine neue Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro vom US-Investor Gordon Brothers. Rund 80 Millionen lösen einen bestehenden Bain-Capital-Kredit ab, der Rest fließt in Mietzahlungen und die Warenbestellung für Herbst und Winter. An den Kredit geknüpft: ein Dreijahres-Sanierungsplan mit weiteren Filialschließungen. Etwa 30 der 83 Warenhäuser gelten als gefährdet, rund 12.000 Beschäftigte sind betroffen.
Für Privatanleger ist Galeria nicht direkt investierbar. Aber das Signal reicht über einen einzelnen Konzern hinaus, der Anfang 2024 seine dritte Insolvenz in vier Jahren anmeldete. Das Ifo-Beschäftigungsbarometer sank im Juni um 1,6 Punkte auf 92,3, mit wachsenden Abbauplänen gerade im Handel. Wer auf deutsche Konsumwerte setzt, sollte diese Zahl kennen.
Renk: 691 Millionen Dollar gegen den Trend
Nicht alles fiel am Freitag. Renk legte gegen den schwachen Markt um über 4 Prozent zu, getrieben von einem Auftrag des US-Verteidigungsministeriums über 691 Millionen US-Dollar. Bayer profitierte weiter von der Supreme-Court-Entscheidung im Glyphosat-Rechtsstreit.
Die Lektion ist einfach: Wo konkrete Aufträge stehen, zählt der Konjunkturzyklus weniger. Renk hat ein volles Auftragsbuch. VW hat einen politischen Konflikt. Der Markt unterscheidet präzise.
Zinsen bleiben hoch — und das ändert die Rechnung
Der Rahmen für all diese Geschichten: Die US-PCE-Daten für Mai zeigten eine Gesamtinflation von 4,1 Prozent — der höchste Stand seit über drei Jahren. Die Wall Street rechnet inzwischen damit, dass die Fed bis 2027 bei 3,50 bis 3,75 Prozent verharrt; neun von 19 Notenbankern halten sogar Zinserhöhungen für nötig. Auch die EZB hat am 17. Juni um 25 Basispunkte angehoben, die LBBW erwartet weitere Schritte. Gold hielt sich zuletzt über 4.000 Dollar, Öl fiel mit der Wiedereröffnung der Straße von Hormus auf rund 70 Dollar je Barrel Brent.
Höhere Zinsen für länger — das trifft hoch bewertete Wachstumstitel und spielt Unternehmen mit stabilen Cashflows in die Hände. In der kommenden Woche stehen der US-Arbeitsmarktbericht und die europäischen Inflationszahlen an.
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Quintessenz
Das erste Halbjahr endet mit einer klaren Sortierung. VW ist billig, aber politisch blockiert. Zalando ist operativ intakt, aber regulatorisch belastet. Galeria kämpft ums Überleben, und der deutsche Konsum liefert keinen Rückenwind. Auf der anderen Seite stehen Renk mit einem 691-Millionen-Dollar-Auftrag und ein Zinsumfeld, das Substanz belohnt und Fantasie bestraft. Wer ins zweite Halbjahr geht, sollte weniger auf Bewertungskennzahlen schauen und mehr auf die Frage: Kann dieses Unternehmen liefern — auch ohne Konjunkturhilfe?
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
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