VW und Mercedes im Höhenflug, Rheinmetall tritt auf die Bremse

Autowerte erholen sich am Freitag, während Rheinmetall und Siemens Energy nachgeben. Unternehmensspezifische Themen prägen die Kursbewegungen.

Felix Baarz ·
Volkswagen Aktie

Kurz zusammengefasst

  • VW gewinnt 3,2 Prozent
  • Porsche SE folgt der VW-Erholung
  • Rheinmetall verliert trotz Rekordquartal
  • Siemens Energy plant Spartenverselbstständigung

Monatelang galten Rüstungsaktien als die verlässlichsten Kursraketen im DAX, während Autobauer als Sorgenkinder abgestempelt wurden. An diesem Freitag dreht sich das Bild: Die Autoindustrie schiebt den Index nach oben, ausgerechnet Rheinmetall und Siemens Energy bremsen. Ein Blick auf die einzelnen Werte zeigt, wie unterschiedlich die Treiber hinter dieser Rotation sind.

Autobauer treiben die Rally

Die deutschen Autohersteller erleben einen bemerkenswerten Tag. Nach Monaten der Schwäche ziehen VW, Porsche SE und Mercedes-Benz gleichermaßen an – befeuert von positiven Analystenkommentaren zum Sektor und aufgehellten Konjunkturdaten aus Deutschland. Auffällig ist: Alle drei Titel bleiben trotz des Tagesgewinns tief im Minus, wenn man das laufende Jahr betrachtet.

Volkswagen: Sektorrotation trifft auf Konzernumbau

Die VW-Vorzugsaktie springt heute um 3,2 Prozent auf 77,28 Euro und damit deutlich über ihren gestrigen Schlusskurs von 74,88 Euro. Der Kurs liegt inzwischen 4,3 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt, bleibt aber mit einem Abstand von 14 Prozent zum 200-Tage-Durchschnitt in einem mittelfristigen Abwärtstrend gefangen.

Der Tagesgewinn fällt in eine Phase, in der Wolfsburg seinen bislang radikalsten Konzernumbau vorantreibt. Ende Juli hatte VW schwache Halbjahreszahlen präsentiert und parallel ein tiefgreifendes Sparprogramm angekündigt. Der Netto-Cashflow im Kerngeschäft erholte sich zwar spürbar, das operative Ergebnis brach im ersten Halbjahr jedoch deutlich ein.

Am Standort Kassel-Baunatal pocht die Belegschaftsvertretung derweil auf zugesagte Investitionen, während der Vorstand auf niedrige Margen verweist und weitere Einsparungen fordert. Der heutige Kurssprung dürfte daher weniger mit firmenspezifischen Nachrichten zu tun haben als mit der branchenweiten Erholungsbewegung. Auf Jahressicht steht die Aktie noch immer 26 Prozent im Minus – von einer nachhaltigen Trendwende kann also keine Rede sein.

Porsche SE: Gehebelte Reaktion auf die VW-Erholung

Die Holding Porsche SE gewinnt 3,0 Prozent und steht bei 28,69 Euro, nach einem gestrigen Schlusskurs von 27,85 Euro. Als Ankeraktionärin mit einer Mehrheit an den VW-Stammaktien reagiert die Beteiligungsgesellschaft traditionell überproportional auf Bewegungen bei ihrer Kernbeteiligung – heute im positiven Sinne.

Das laufende Jahr verlief für die Holding turbulent. Eine milliardenschwere Abschreibung auf die VW-Beteiligung hatte Porsche SE im ersten Halbjahr tief in die roten Zahlen gezogen. Der aktuelle Kurs bewegt sich nur gut 6 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 26,87 Euro, während der Abstand zum Jahreshoch bei rund 31 Prozent liegt. Der heutige Anstieg wirkt damit vor allem wie eine technische Gegenbewegung nach Monaten des Abwärtsdrucks, nicht wie ein eigenständiges operatives Signal.

Mercedes-Benz: Elektro-Offensive trifft auf Tarifsorgen

Mercedes-Benz legt um 3,0 Prozent auf 46,95 Euro zu, nach 45,59 Euro am Vortag. Die Aktie klettert damit stärker als der Sektordurchschnitt und markiert binnen sieben Handelstagen bereits ein Plus von 3,7 Prozent.

Produktseitig setzt der Konzern auf technische Aufwertungen: Der EQS soll künftig mit einem neuen 800-Volt-Bordnetz, größerer Batteriekapazität und einem Steer-by-Wire-Lenksystem ausgestattet werden. Gleichzeitig zeichnet sich neuer Kostendruck ab – die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie startet im Oktober und betrifft Millionen Beschäftigte der Branche. Mit einem Kursverlust von 22 Prozent seit Jahresbeginn bleibt auch bei Mercedes der heutige Anstieg eher eine Erholung in einem schwierigen Börsenjahr als der Beginn einer echten Trendwende.

Rüstung und Energie geraten unter Druck

Während die Autowerte feiern, kämpfen die bisherigen Favoriten aus Rüstung und Energie mit hausgemachten Problemen. Bei beiden Werten sind es weniger fundamentale Schwächen als strukturelle Unsicherheiten, die Anleger verschrecken.

Rheinmetall: Rekordquartal reicht nicht gegen die Skepsis

Rheinmetall verliert heute 1,9 Prozent und rutscht auf 1.153,20 Euro ab, nachdem der Titel gestern noch bei 1.175,40 Euro geschlossen hatte. Damit setzt sich eine Schwächephase fort, die den einstigen Überflieger seit Wochen begleitet. Der Rückstand zum Jahreshoch beträgt inzwischen 43 Prozent, während der Kurs immerhin noch 28 Prozent über dem im Sommer markierten Jahrestief notiert.

Der Kern des Problems liegt in der Diskrepanz zwischen operativer Stärke und Markterwartungen. Anfang August hatte der Konzern das umsatzstärkste Quartal seiner Firmengeschichte vorgelegt – und die Aktie brach am selben Tag zeitweise deutlich ein, weil trotz des Rekordumsatzes die Jahresprognose gesenkt wurde. Zusätzlich belastete die Entscheidung der Bundesregierung, ein wichtiges Fregattenprogramm zugunsten eines Konkurrenten umzuschichten.

Der Auftragsbestand bleibt zwar auf sehr hohem Niveau, charttechnisch tut sich der Titel aber weiter schwer. Nach drei Erholungswochen prallte der Kurs zuletzt erneut an einem Widerstand ab. Heute schichten Anleger sichtbar aus den zuvor gefragten Rüstungswerten in die lange vernachlässigten Autotitel um – ein klassisches Rotationsmuster.

Siemens Energy: Abspaltungspläne verunsichern trotz starker Zahlen

Siemens Energy gibt 1,3 Prozent nach und fällt auf 148,92 Euro, nach 150,92 Euro am Vortag. Auf Wochensicht summiert sich der Rückgang bereits auf 2,9 Prozent, obwohl der Titel über die vergangenen 30 Tage noch ein zweistelliges Plus verbucht hatte.

Auslöser der aktuellen Verkaufswelle ist die laufende Restrukturierung des Konzerns. Siemens Energy treibt die Verselbstständigung seiner Industriesparte Transformation of Industry voran und will den rund 17.000 Mitarbeiter umfassenden Geschäftsbereich künftig aus der Konzernbilanz herauslösen. Strategisch soll sich der Konzern damit stärker auf Stromerzeugung und Stromübertragung konzentrieren.

Operativ steht das Unternehmen eigentlich glänzend da: Das Ergebnis je Aktie verdoppelte sich im jüngsten Quartal nahezu, begleitet von einem kräftigen Umsatzplus. Die Marktreaktion zeigt jedoch, dass Anleger kurzfristig die Unsicherheit über die künftige Konzernstruktur stärker gewichten als die starken operativen Kennzahlen. Auf Jahressicht bleibt die Aktie mit einem Plus von 62 Prozent dennoch der mit Abstand stärkste Wert unter den sechs hier betrachteten Titeln.

Fresenius: Portfoliobereinigung belastet kurzfristig

Fresenius verliert 0,9 Prozent auf 45,77 Euro, nach einem gestrigen Schlusskurs von 46,20 Euro. Der Titel gehört damit zu den schwächeren Werten im Gesundheitssektor, bewegt sich aber mit einem RSI von 52,3 in einem neutralen Bereich.

Hintergrund ist eine strategische Portfoliobereinigung: Der Konzern hat seine Beteiligung am Dialyseunternehmen Fresenius Medical Care spürbar reduziert und einen zweistelligen Millionenbetrag an Aktien an institutionelle Investoren platziert. Der daraus resultierende Buchgewinn soll zwar in die Ergebnisse des dritten Quartals einfließen, am Markt wird die sinkende Beteiligungsquote am ertragsstarken Dialysegeschäft zunächst jedoch kritisch beäugt. Charttechnisch bleibt das Bild gemischt: Der mittelfristige Aufwärtstrend ist intakt, kurzfristige Unterstützungslinien wurden zuletzt aber nach unten durchbrochen.

Sektordynamik im Überblick

  • Autowerte (VW, Porsche SE, Mercedes-Benz): breite Erholung dank Sektorrotation, alle drei Titel bleiben aber auf Jahressicht zweistellig im Minus
  • Rheinmetall: Konsolidierung nach Rekordquartal, Belastung durch gestrichenes Fregattenprogramm und gesenkte Prognose
  • Siemens Energy: kurzfristige Unsicherheit durch geplante Abspaltung, operativ aber stärkster Performer der Gruppe auf Jahressicht
  • Fresenius: Kursdruck durch Anteilsverkauf bei der Tochter FMC, mittelfristiger Aufwärtstrend bislang intakt

Autobranche vor der Belastungsprobe

Die heutige Kursbewegung zeigt, wie schnell sich Vorlieben der Anleger im DAX verschieben können. Nachdem Rüstungswerte monatelang die Kursgewinner stellten, tragen nun die lange vernachlässigten Autobauer den Index nach vorn. Ob daraus mehr wird als eine kurzfristige Gegenbewegung, hängt maßgeblich davon ab, ob sich die China-Geschäfte der Hersteller stabilisieren und die angekündigten Sparprogramme greifen.

Bei Rheinmetall und Siemens Energy dominieren dagegen unternehmensspezifische Sondereffekte die Kursentwicklung, nicht fundamentale Schwäche. Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob die Autosektor-Erholung Substanz gewinnt oder ob die alten Muster – Rüstung und Energie vorn, Autobauer hinten – schon bald zurückkehren.

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