Während Secunet am Staatsauftrag verdient, schließt Biontech drei Werke

Secunet steigt nach Plänen zur Modernisierung der Bundeswehrnetze, während Biontech drei deutsche Produktionsstätten bis 2028 schließen will.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Bundeswehr plant Netzmodernisierung für 1,7 Milliarden Euro
  • Berenberg hebt Secunets Kursziel auf 260 Euro
  • Biontech plant Schließungen an drei Standorten
  • Renditenanstieg belastet Gold und Kryptowährungen

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

die Aufrüstung der Bundeswehr erreicht eine neue Ebene: nicht Panzer, sondern Datenleitungen. Laut Reuters will die Bundesregierung die Kommunikationsnetze der Truppe für bis zu 1,7 Milliarden Euro mit Verschlüsselungstechnik modernisieren. Der IT-Sicherheitsspezialist Secunet springt daraufhin im SDAX an. Damit rückt ein Rüstungsprofiteur ins Rampenlicht, der bisher im Schatten der großen Waffenschmieden stand.

Secunet: Der kleine Cyber-Wert mit dem großen Staatsauftrag

Secunet notiert am Nachmittag rund 6 Prozent fester bei 247 Euro. Das Mehrjahreshoch von 256 Euro, erst am vergangenen Mittwoch markiert, rückt damit in Sichtweite. Seit Jahresbeginn hat die Aktie 34 Prozent gewonnen, allein in den vergangenen 30 Tagen ging es um 35 Prozent nach oben.

Die Privatbank Berenberg reagiert prompt und hebt das Kursziel von 254 auf 260 Euro an, die Einstufung bleibt „Buy“. Analyst Andreas Wolf erwartet, dass Secunet einen hohen Anteil der Bundeswehr-Aufträge gewinnt, und schraubt seine Wachstumserwartungen für 2027 nach oben.

Die Kehrseite: Das neue Berenberg-Ziel liegt nur noch knapp über dem aktuellen Kurs, ein großer Teil der Fantasie ist also bereits eingepreist. Bei einer Marktkapitalisierung von rund 1,3 Milliarden Euro wiegt ein Auftragspaket von 1,7 Milliarden Euro allerdings schwer, selbst wenn Secunet nur einen Teil davon abbekommt.

Wer hier einsteigt, kauft die These, dass Cyber-Sicherheit die zweite Welle der europäischen Verteidigungsausgaben wird, nachdem die erste Welle in Munition und Fahrzeuge geflossen ist. Ein Rücksetzer in Richtung der Vorwochenkurse wäre dafür der bessere Zeitpunkt als ein Kauf am Tag des Kurssprungs.

Biontech: Drei Werke schließen, die Gründer gehen

Biontech findet keinen Käufer für seine deutschen Produktionsstandorte und macht sie deshalb dicht. Tübingen soll Ende 2027 schließen, Marburg Anfang 2028 und Idar-Oberstein Ende 2028. Betroffen sind rund 1.800 der weltweit etwa 7.200 Beschäftigten, ein Sozialplan mit Abfindungen ist mit dem Betriebsrat vereinbart. Nur die Berliner Tochter JPT Peptide Technologies mit rund 130 Stellen fand mit der Dubag Group einen Abnehmer.

Hinter dem Umbau steht eine Bilanz, die kaum Spielraum lässt. Im ersten Halbjahr 2026 wies Biontech einen berichteten Nettoverlust von 1,35 Milliarden Euro aus, nach 802,4 Millionen Euro Verlust im Vorjahreszeitraum.

Gleichzeitig steht ein Führungswechsel an: Die Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci verlassen den Vorstand spätestens Ende 2026 und gründen in Mainz die neue Firma Arife, bleiben aber Aktionäre. Spätestens zum 1. Februar 2027 übernimmt Guido Oelkers, bisher Chef von Sobi, den Vorstandsvorsitz.

Die Biontech-Aktie gibt am Nachmittag rund 1 Prozent auf 85,40 Euro nach und liegt seit Jahresbeginn noch 5 Prozent im Plus. Der Markt liest die Schließungen also nicht als Schock, sondern als überfällige Kostenbremse. Die eigentliche Frage für Anleger ist, ob ein von außen kommender Manager die Onkologie-Pipeline schneller in Umsatz verwandelt, als die Verluste das Corona-Polster aufzehren.

Zinsen, Öl, Gold: Der Iran-Konflikt kippt die Zinswette

Die wichtigste Nachricht für jedes Depot kommt aus Washington. Präsident Donald Trump hat Irans Vorschlag zur Öffnung der Straße von Hormus abgelehnt; weitere Gespräche sollen laut Trump diese Woche folgen.

Brent kletterte zeitweise wieder über die Marke von 100 Dollar, US-Benzin kostet fast 4,48 Dollar je Gallone nach 3,13 Dollar vor einem Jahr. Das nährt die Inflationssorgen: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt bei rund 5,2 Prozent, dem höchsten Stand seit 2007. Die dreißigjährige Rendite erreicht mit etwa 5,5 Prozent ein Mehrjahreshoch.

Die Fed hatte den Leitzins am 16. September einstimmig um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben, die erste Erhöhung seit drei Jahren. Nun preisen die Märkte mit rund 68 Prozent eine weitere Anhebung für die Sitzung am 27. und 28. Oktober ein. Die letzte Vorlage dafür kommt am Mittwoch mit dem Kern-PCE-Preisindex für August, zuletzt lag die Rate bei 3,3 Prozent. Am Freitag folgt der Arbeitsmarktbericht.

Der Verlierer dieser Gemengelage ist Gold. Der Preis fällt um rund 3 Prozent auf etwa 4.150 Dollar je Unze, Silber gibt noch stärker nach. Bei den Minenwerten wird daraus ein Ausverkauf: Gold Fields verliert im Verlauf 12 Prozent, Endeavour Silver knapp 4 Prozent, Newmont lag in New York rund 3,5 Prozent tiefer. Bitcoin rutscht ebenfalls unter 84.000 Dollar.

Wenn sichere Staatsanleihen 5,2 Prozent zahlen, verliert jedes zinslose Asset seinen Reiz, und das gilt für Gold und Krypto gleichermaßen. Ein Lichtblick immerhin ist der US-China-Gipfel: Beide Seiten senken Zölle auf Waren im Volumen von je 60 Milliarden Dollar und verlängern den Zollstillstand bis zum 10. Januar.

Eine Ausnahme im schwächeren Wall-Street-Handel ist Nvidia. Der Chipkonzern stockt sein Aktienrückkaufprogramm um 150 Milliarden auf 235 Milliarden Dollar auf.

Die Nvidia-Aktie notiert rund 3 Prozent fester bei 204 Euro und markiert bei 205,25 Euro ein neues 52-Wochen-Hoch. Bei MongoDB dagegen bricht der Kurs um 18 Prozent ein, weil Chef Desai mit sofortiger Wirkung zu Meta wechselt.

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Hellofresh: Vier Analysten, vier Welten

Hellofresh stabilisiert sich nach dem Rekordtief vom Freitag bei 2,15 Euro und notiert rund 3 Prozent fester bei 2,34 Euro. Seit Jahresbeginn beträgt der Verlust 62 Prozent, der Börsenwert ist auf rund 331 Millionen Euro geschrumpft. Zum Vergleich: Der Ausgabepreis beim Börsengang im November 2017 lag bei 10,25 Euro, das Hoch 2021 bei fast 100 Euro.

Die Analystenurteile nach der Gewinnwarnung zeigen, wie ratlos die Zunft ist. Kepler Cheuvreux senkt das Kursziel von 3,50 auf 2,30 Euro, stuft aber von „Reduce“ auf „Hold“ hoch. Deutsche Bank Research bestätigt „Hold“ mit 3,50 Euro. Berenberg halbiert fast das Ziel von 9 auf 5 Euro, spricht von einer „sehr niedrigen Bewertung“, moniert aber den schwachen Neukundenzuwachs.

MWB Research bleibt beim Verkaufsvotum und senkt auf 1,80 Euro. Eine Spanne von 1,80 bis 5 Euro bedeutet: Niemand weiß, was das Geschäft wert ist. Für Anleger ist Hellofresh damit kein Investment mehr, sondern eine Wette auf den Substanzwert eines schrumpfenden Unternehmens.

Rhein: Das Niedrigwasser kappt die Lieferketten der Industrie

Der Rhein ist faktisch zweigeteilt. Der Pegel Kaub unterschritt am Wochenende zeitweise den Nullpunkt, in Köln wurde am Montag mit 40 Zentimetern ein Tiefststand markiert. Nur noch vereinzelt fahren Schiffe mit stark reduzierter Ladung.

Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft sind Mittel- und Oberrhein von den Häfen Duisburg und Rotterdam abgeschnitten, Lieferketten für Raffinerien, Stahl- und Chemiewerke sind weitgehend unterbrochen. BASF etwa bezieht rund die Hälfte seiner Vorprodukte in Ludwigshafen per Schiff.

Die Wasserstraßenverwaltung erwartet steigende Pegel in Köln gegen Ende der Woche, in Kaub ab dem Wochenende. Für Anleger heißt das: Die Chemie- und Stahlwerte am Rhein tragen ein Logistikrisiko, das in den Quartalszahlen zum dritten Quartal noch sichtbar werden kann.

Unterm Strich

Der Tag zeigt zwei Deutschlands an der Börse: Secunet gewinnt am Staatsauftrag, Biontech und Hellofresh schrumpfen sich gesund oder zu Tode. Über allem liegt der Zinsschatten aus den USA, wo 5,2 Prozent für zehnjährige Anleihen Gold, Krypto und Wachstumswerte gleichzeitig unter Druck setzen. Der Kern-PCE am Mittwoch und der Arbeitsmarktbericht am Freitag entscheiden, ob die Oktober-Zinserhöhung zur Gewissheit wird.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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