Warum billige Aktien und billiges Öl nicht dasselbe Signal senden
Die Handelswoche zeigt: Preisrückgänge bei Öl, Veeva und Salesforce haben verschiedene Ursachen und erfordern differenzierte Anlagestrategien.

Kurz zusammengefasst
- Iran-Deal drückt Ölpreis auf 80 Dollar
- SpaceX-IPO erreicht kurzzeitig 2,9 Billionen Dollar
- Veeva verliert trotz starker Quartalszahlen
- UniCredit erhöht Anteil an Commerzbank
Liebe Leserinnen und Leser,
Brent minus acht Prozent in einer Woche, Veeva minus neun Prozent an einem Tag, Salesforce nahe dem 12-Monats-Tief — und dazwischen ein SpaceX-Börsengang, der zeitweise mehr wert war als die gesamte europäische Raumfahrtindustrie zusammen. Die abgelaufene Handelswoche hat auf den ersten Blick wenig Verbindendes. Auf den zweiten sehr viel: Überall dort, wo der Markt gerade Preise senkt, lohnt es sich zu prüfen, ob er damit recht hat — oder ob er übertreibt. Vier Geschichten, die diese Frage beantworten.
Der Iran-Deal drückt den Ölpreis — aber nicht die Zinsen
Das am 18. Juni digital unterzeichnete Memorandum of Understanding zwischen Donald Trump und dem iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian ist der gewichtigste Makro-Faktor der Woche. Die Eckpunkte: ein 60-Tage-Verhandlungsfenster über Atomprogramm und Hormus-Passage, sofortige Aufhebung der US-Sanktionen auf iranisches Rohöl und der Marineblockade, im Gegenzug freie Schifffahrt durch die Straße von Hormus. Der Deal könnte über 85 Millionen Barrel iranisches Öl freisetzen; Teheran winken bei Vorkriegsproduktion über 60 Milliarden Dollar Jahresumsatz.
Brent gab im Wochenverlauf rund acht Prozent nach und notiert wieder um 80 Dollar. Citi beziffert die Wahrscheinlichkeit einer Normalisierung auf 60 Prozent und sieht Preise von 60–65 Dollar bis Q1 2027; die Commerzbank hat ihre Jahresendprognose auf 80 Dollar gesenkt. Für die energieintensive deutsche Industrie und für Verbraucher ist das eine Entlastung, der Disinflationspfad bekommt Rückenwind. Doch wer daraus auf eine Zinswende schließt, irrt: Die Fed unter Kevin Warsh hat in dieser Woche einen restriktiveren Kurs für das zweite Halbjahr signalisiert und ihre Inflationsprognose angehoben. Billigeres Öl heißt nicht automatisch billigeres Geld.
Zudem bleibt die Lage instabil. Die FAZ meldet, der Iran habe als Reaktion auf israelische Angriffe im Südlibanon die Straße von Hormus erneut geschlossen; das für Sonntag geplante Treffen in der Schweiz wurde verschoben. Der Deal existiert auf dem Papier. Ob er die nächsten 60 Tage überlebt, ist offen.
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SpaceX: Eine profitable Firma, eine spekulative — und ein Preis für beide
Der SpaceX-Börsengang am 12. Juni war mit 75 Milliarden Dollar Emissionsvolumen das größte IPO seit Saudi Aramco 2019. Die Aktie startete bei 135 Dollar, erreichte am 15. Juni 225,64 Dollar und pendelte sich zuletzt bei 178–185 Dollar ein. Die Marktkapitalisierung lag zwischenzeitlich über 2,9 Billionen Dollar — getragen von einem Free Float von nur 4,9 Prozent, was die extreme Volatilität erklärt.
Hinter der Bewertung stecken zwei grundverschiedene Unternehmen. Der profitable Kern ist Starlink: 11,39 Milliarden Dollar Umsatz, 39 Prozent operative Marge, allein im Q1 2026 Erlöse von 3,26 Milliarden. Oppenheimer taxiert Starlink als Standalone-Geschäft auf 200–300 Milliarden Dollar und hatte vor dem IPO ein Kursziel von 190 Dollar mit Outperform gesetzt. Der Gesamtkonzern erwirtschaftete 2025 bei 18,7 Milliarden Dollar Umsatz (+33 Prozent) allerdings einen Verlust von 4,94 Milliarden Dollar. Der Rest der Bewertung ist eine Wette auf Starship (Erfolgsquote bislang 7 von 12 Starts) und orbitale Datenzentren, deren kommerzielle Tragfähigkeit SpaceX im eigenen S-1 offen lässt.
Dazu kommt die direkt nach dem Börsengang angekündigte Übernahme des KI-Tools Cursor für rund 60 Milliarden Dollar. Oppenheimer schätzt die Nettoverschuldung bis 2031 auf über 400 Milliarden Dollar. Wer SpaceX kauft, erwirbt also eine hochprofitable Satelliten-Infrastruktur — und bezahlt gleichzeitig für eine der ambitioniertesten und kapitalintensivsten Wachstumswetten der Börsengeschichte.
Veeva und Salesforce: Wenn gute Zahlen nicht reichen
Hier liegt die unterschätzte Geschichte der Woche — und sie ist lehrreich für jeden, der glaubt, solide Quartalszahlen schützten vor Kursverlusten.
Veeva Systems, Cloud-Spezialist für die Pharma- und Life-Sciences-Branche, schlug im Q3 die Konsenserwartungen klar: bereinigtes EPS von 2,04 Dollar, 811,2 Millionen Dollar Umsatz, Anhebung der FY26-Guidance auf 7,93 Dollar EPS und bis zu 3,169 Milliarden Dollar Umsatz. Trotzdem verlor die Aktie am Freitag rund neun Prozent auf ein Sechsmonatstief. Der Grund: CEO Peter Gassner erwartet künftig nur noch 14 statt 18 der Top-20-Pharma-Konzerne als CRM-Kunden. J.P. Morgan (Overweight, Ziel 330 Dollar) und Oppenheimer (Outperform, Ziel 325 Dollar) halten an ihren Kaufempfehlungen fest — aber der Markt bestraft die schrumpfende Kundenkonzentration sofort.
Salesforce erging es kaum besser: minus 7,76 Prozent in der Woche, Kurs bei 151,67 Dollar nahe dem 12-Monats-Tief. Dabei übertraf auch Salesforce die Erwartungen deutlich — Q1-EPS von 3,88 Dollar gegenüber einem Konsens von 3,13, Umsatzwachstum von 13,3 Prozent auf 11,13 Milliarden Dollar. Brian White stufte am 18. Juni auf Buy mit Kursziel 200 Dollar hoch; der Analystenkonsens liegt bei 257,61 Dollar. Salesforce hat zudem ein 25-Milliarden-Dollar-Aktienrückkaufprogramm aufgelegt, die KI-Produkte Agentforce und Data 360 generieren über 2,3 Milliarden Dollar wiederkehrenden Jahresumsatz mit dreistelligem Wachstum.
Was beide Fälle verbindet: Veeva produziert 1,6 Milliarden Dollar Free Cashflow bei 7,3 Milliarden Cash und nahezu ohne Schulden. Salesforce kauft für 25 Milliarden eigene Aktien zurück. Das sind Unternehmen, die Geld verdienen, nicht verbrennen. Genau in solchen Momenten — wenn der Markt die Wachstumsstory abstraft, aber die Substanz intakt bleibt — entstehen für geduldige Anleger die interessantesten Einstiegspunkte.
Wenn substanzstarke US-Aktien wie Salesforce oder Veeva trotz solider Zahlen unter Druck geraten, stellt sich die entscheidende Frage: Welche Titel haben am US-Markt wirklich noch Potenzial — und wo lauern Klumpenrisiken im Depot? Börsenexperte Henrik Voigt zeigt im kostenlosen PDF-Sonderreport, welche drei US-Werte abseits der überbewerteten Tech-Giganten von der laufenden Sektor-Rotation profitieren — inklusive Namen und WKN. Gratis-Report „US-Markt im Wandel“ jetzt herunterladen
Commerzbank: UniCredits Griff wird fester
Die Entwicklung, die wir gestern im Detail beschrieben haben, verdichtet sich weiter. UniCredit hält 26,77 Prozent an der Commerzbank und erwartet aus dem laufenden Angebot weitere 12,51 Prozent — ein möglicher Gesamtanteil von 39,28 Prozent. Das Commerzbank-Management hatte das Angebot im April als unzureichend zurückgewiesen; das ursprüngliche 35-Milliarden-Euro-Gebot lag acht Prozent unter dem damaligen Schlusskurs. Für Commerzbank-Aktionäre gilt inzwischen: Wer diese Aktie hält, investiert nicht mehr nur in eine deutsche Bank, sondern in ein europäisches Konsolidierungsszenario. Ein Anteil jenseits der 30-Prozent-Marke macht eine eigenständige Strategie der Commerzbank zunehmend unrealistisch.
Was ansteht
Drei Termine verdienen Aufmerksamkeit: Am 9. Juli steht die Bayer-Glyphosat-Anhörung in Missouri an, bei der es um einen Vergleich über 7,25 Milliarden Dollar geht. Ende Juni wird die Supreme-Court-Entscheidung zu Glyphosat-Warnhinweisen erwartet. Und der 30. Juni markiert die MiCA-Lizenz-Deadline für Krypto-Plattformen in Europa — die EZB hat bereits angedeutet, dass auch DeFi-Protokolle wie Aave, MakerDAO und Uniswap die Dezentralisierungsanforderungen verfehlen könnten. Für Krypto-Engagements deutscher Anleger könnte das relevanter werden als jede Bitcoin-Kursbewegung.
Quintessenz
Die Woche hat eine klare Lektion hinterlassen: Fallende Preise sind nicht gleich fallende Preise. Beim Öl signalisiert der Rückgang eine mögliche strukturelle Entlastung — die allerdings auf einem fragilen Deal ruht und von der Fed nicht mit niedrigeren Zinsen honoriert wird. Bei Veeva und Salesforce bestraft der Markt minimale Kratzer an der Wachstumsstory, obwohl die Cashflow-Maschinen intakt laufen. Und bei SpaceX zahlen Anleger Höchstpreise für eine Firma, die profitabel ist, und für eine zweite, die es vielleicht nie wird. Die Kunst liegt darin, diese Unterschiede zu erkennen — und entsprechend zu handeln.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann
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