Warum Rheinmetalls Auftragsbuch lauter spricht als die Kritik daran

Rheinmetalls Rekordauftragsbuch überstrahlt Lieferkritik, UniCredit nähert sich 50 Prozent bei Commerzbank, EZB-Pläne belasten Banken.

Eduard Altmann ·
Commerzbank Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Rheinmetall-Auftragsbestand wächst auf 80,5 Mrd. Euro
  • UniCredit erhöht Zugriff auf Commerzbank auf 49,65 Prozent
  • EZB erwägt Verdopplung der Mindestreserve für Banken
  • Thyssenkrupp-Aktie legt dank Analystenurteil deutlich zu

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

80,5 Milliarden Euro Auftragsbestand, ein durchschnittliches Analysten-Kursziel von 1.678,46 Euro – und trotzdem sorgen interne Bundeswehr-Papiere über Lieferverzögerungen für Nervosität um Rheinmetall. Es ist eine Woche, die zeigt, dass die „Old Economy“ ihre eigenen Treiber hat, die mit dem Zinsdrama in Washington herzlich wenig zu tun haben: Rüstung kämpft mit Lieferkritik, Banken mit Regulierung aus Frankfurt, Stahl dagegen profitiert ungebremst von der besten deutschen Fabrikstimmung seit über vier Jahren.

Rheinmetall: Lieferverzug trifft auf Rekord-Auftragsbuch

Interne Bundeswehr-Papiere zeichnen ein kritisches Bild: Die Auslieferung des Flugabwehrsystems Skyranger 30 verschiebt sich von Mitte 2026 auf Mitte 2027, beim Radpanzer-Projekt (123 Fahrzeuge, 2,7 Milliarden Euro Auftragsvolumen) ist laut den Akten von elf Monaten Verzug die Rede – begründet mit Qualitäts- und Reifegrad-Problemen. Rheinmetall widerspricht der Schärfe dieser Darstellung: Die Skyranger-Serienfertigung verzögere sich nur um fünf Monate, 24 Radpanzer sollen noch bis Jahresende ausgeliefert werden.

Für Anleger zählt der Kontrast dahinter. Der Auftragsbestand lag zum 30. Juni bei 80,5 Milliarden Euro, ein Plus von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Aktie selbst schloss am Freitag bei 1.156,40 Euro, nahezu unverändert zum Vortag, liegt aber seit Jahresbeginn rund 26 Prozent im Minus und ringt technisch an der GD100-Marke um Halt. Analysten bleiben im Schnitt bei einem Kursziel von 1.678,46 Euro (Spanne 1.350 bis 2.300 Euro) – die Lieferkritik ändert also wenig an der grundsätzlichen Wachstumsstory, dürfte aber kurzfristig für Nervosität sorgen. Der Expert Day der DZ Bank am 27. August könnte hier der nächste Kurstreiber sein, zumal die Bundeswehr erst vor wenigen Tagen einen neuen Auftrag über mehr als 500 Millionen Euro für 149 mobile Rettungsstationen platziert hat – ein Hinweis darauf, dass das Auftragsvolumen trotz aller Lieferdebatten weiter wächst.

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Commerzbank: UniCredit kratzt an der 50-Prozent-Schwelle

Weniger spektakulär, aber strategisch mindestens ebenso bedeutsam entwickelt sich die Lage bei der Commerzbank. Durch den Einzug eigener Aktien in Höhe von 4,14 Prozent des Grundkapitals zum 19. August ist der rechnerische Zugriff von UniCredit von 47,59 auf 49,65 Prozent gestiegen. Von diesen 49,65 Prozentpunkten sind 46,29 Prozentpunkte direkt gehalten, 3,36 Prozentpunkte laufen über Kaufoptionen. An der Stimmrechtsmehrheit auf der Hauptversammlung ändert der technische Einzug nichts, doch die Botschaft ist klar: UniCredit nähert sich der psychologisch entscheidenden 50-Prozent-Marke, ohne dass es dafür ein neues öffentliches Übernahmeangebot braucht.

Die EZB-Zustimmung zur Transaktion liegt bereits vor, eine Entscheidung wird noch für 2026 erwartet. Spannend bleibt der Bund-Anteil von 12,7 Prozent an der Commerzbank, um dessen möglichen Verkauf seit Wochen spekuliert wird – ein Verkauf an UniCredit wäre der eigentliche Schlussakkord. Die Commerzbank-Aktie schloss am Freitag bei 39,08 Euro, nur knapp unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 40,11 Euro; UniCredit notierte bei 83,27 Euro, ebenfalls nahe dem eigenen Jahreshoch. Wer die Aktie hält, sollte sich klarmachen: Der Kurs preist die Übernahme längst zu einem guten Teil ein – der nächste Kurstreiber liegt eher in der Politik als im operativen Geschäft.

Bankensektor: Regulierung frisst Rendite

Doch der Blick auf die Branche insgesamt trübt die M&A-Fantasie. Dem gesamten deutschen Bankensektor droht Gegenwind aus Frankfurt: Die EZB erwägt, die Mindestreserve für Banken auf ihrer Sitzung Mitte September von einem auf zwei Prozent zu verdoppeln – der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken warnt vor Ertragseinbußen von rund vier Milliarden Euro jährlich für seine Mitgliedsinstitute. Hintergrund ist auch das eigene Defizit der Notenbank: Die Bundesbank sitzt kumuliert auf einem Bilanzverlust von 27,8 Milliarden Euro.

Die Zentralinstitute spüren den Gegenwind bereits in ihren Prognosen: Die DZ Bank rechnet 2026 nur noch mit 3,0 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern nach 4,3 Milliarden im Vorjahr, die DekaBank mit 700 Millionen nach zuvor 962,9 Millionen, die Helaba mit 600 bis 700 Millionen nach 731 Millionen. Für Bankaktionäre heißt das: Der M&A-Optimismus rund um Commerzbank und UniCredit täuscht darüber hinweg, dass die regulatorische Großwetterlage für das Kerngeschäft rauer wird.

Stahl als Beleg für die Industrie-Erholung

Dass die „Old Economy“ trotzdem Substanz hat, zeigte sich am Freitag bei den Stahlwerten: Thyssenkrupp schloss mit einem Tagesplus von 6,0 Prozent bei 13,44 Euro – nahe dem erst vor wenigen Tagen markierten 52-Wochen-Hoch –, nachdem ein Analyst das Kursziel auf 20 Euro angehoben hatte. Salzgitter zog laut Marktdaten ebenfalls kräftig an. Das passt zum Bild eines Industriesektors, der von der besten deutschen Fabrikstimmung seit mehr als vier Jahren profitiert – ein weiterer Baustein für die These, dass zyklische Substanzwerte gerade an Boden gewinnen.

Unterm Strich

Drei alte Industrien, drei unterschiedliche Treiber: Bei Rheinmetall entscheidet nicht die Lieferkritik über den Kurs, sondern das weiter wachsende Auftragsvolumen. Bei der Commerzbank ist die eigentliche Variable längst nicht mehr UniCredit, sondern die Bundesregierung und ihr 12,7-Prozent-Paket. Und beim Bankensektor insgesamt zeigt sich, dass die EZB mit der drohenden Verdopplung der Mindestreserve mehr über die künftigen Margen entscheidet als jede Übernahmefantasie. Die kommende Woche liefert gleich drei Prüfsteine: der DZ-Bank-Termin zu Rheinmetall am Donnerstag, mögliche neue Signale zum Bund-Anteil an der Commerzbank sowie die näher rückenden EZB-Beratungen zur Mindestreserve Mitte September. Wer in Old-Economy-Werten investiert ist, sollte deshalb weniger auf die große Schlagzeile schauen als auf das Kleingedruckte – bei Rheinmetall auf den Auftragsbestand statt auf Lieferdaten, bei der Commerzbank auf die Bundesregierung statt auf UniCredit.

Der Sonntagnachmittag neigt sich dem Übergang in die neue Handelswoche zu – nutzen Sie die verbleibende Ruhe, um Ihr Depot auf genau diese drei Prüfsteine hin zu sortieren, bevor am Montag wieder Bewegung in die Kurse kommt.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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