Wem gehört die mRNA-Zukunft? Bei BioNTech entscheidet der Verhandlungstisch

Die Gespräche über Arifes Zugang zu BioNTech-Patenten sind offen; zugleich endet die Käufersuche für drei deutsche Werke.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • Arife-Verhandlungen über Patente bleiben offen
  • Käufersuche für drei Werke endet Mittwoch
  • Knapp 2.000 Stellen an den Standorten betroffen
  • BioNTech plant 15 Onkologie-Studien bis 2026

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

bei BioNTech geht es in dieser Woche nicht um Impfstoffe, sondern um Eigentum. Die Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci verhandeln mit ihrem eigenen Konzern über Patente, Personal und Lizenzen für ihre neue Firma Arife. Zugleich läuft am Mittwoch die Frist für die Käufersuche der deutschen Werke ab. Während Moderna mit Krebsdaten die Bewertungslücke aufreißt, ringt Mainz um die Frage, wem die Zukunft der mRNA-Forschung gehört.

BioNTech: Wer bekommt die CAR-T-Plattform?

Der Konflikt um die Abspaltung Arife ist zum Bewertungsrisiko geworden. Şahin und Türeci gründen in Mainz ihr drittes Unternehmen, die Arife SE, mit 120.000 Euro Grundkapital und einer Belegschaft von einigen Hundert Forschern, teils aus BioNTech. Die Patente liegen formal bei BioNTech, darunter die CAR-T-Plattform mit rund 300 Forschern. Vergleichbare Deals wurden zuletzt mit 2 bis 7 Milliarden Dollar bewertet.

Genau darum wird gestritten: Türeci wirft BioNTech laut Handelsblatt eine „Enteignung“ vor, ein Scheitern der Gespräche ist nicht ausgeschlossen. Das Trennungsabkommen war für Ende des ersten Halbjahres geplant und ist Ende September noch immer offen. Vorgesehen ist, dass BioNTech eine Minderheitsbeteiligung an Arife und Lizenzgebühren erhält.

Parallel läuft am Mittwoch die Frist für die Käufersuche der Werke in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen ab. Betroffen sind knapp 2.000 Stellen, sonst droht die Schließung Ende 2027. Marburg und Idar-Oberstein sollen nach Insiderangaben definitiv schließen, für Tübingen laufen Verkaufsgespräche. Die künftige Covid-Impfstoffproduktion übernimmt Pfizer. Neuer Vorstandschef wird Guido Oelkers, spätestens zum 1. Februar 2027.

Die BioNTech-Aktie schloss am Freitag bei 86,55 Euro und liegt auf 30-Tage-Sicht 10 Prozent im Minus, bei einem Börsenwert von 21,4 Milliarden Euro. UBS, Jefferies und Berenberg sehen im Konsens ein Kursziel von 122 Dollar, das entspricht rund 107 Euro.

BioNTech plant bis Ende 2026 15 Phase-3-Studien in der Onkologie. Die Pointe für Anleger: Der hohe Kassenbestand ist nur dann ein Argument, wenn die Forscher bleiben, die daraus Zulassungen machen sollen, und genau diese Frage entscheidet sich derzeit am Verhandlungstisch, nicht im Labor.

Moderna: Der Konkurrent kassiert den Vertrauensvorschuss

Moderna zeigt, was der Markt für mRNA in der Onkologie zu zahlen bereit ist. Die Moderna-Aktie stieg am Donnerstag um knapp 7 Prozent auf nahe 200 Dollar und markierte am Freitag ein neues 52-Wochen-Hoch. Auf zwölf Monate steht ein Plus von 725 Prozent, der Börsenwert liegt bei 68,3 Milliarden Euro, mehr als das Dreifache von BioNTech.

Treiber sind die Phase-3-Daten für den Hautkrebsimpfstoff mit Merck & Co vom August. Die Details folgen am 24. Oktober auf dem ESMO-Kongress in Madrid, wo Moderna im Hauptprogramm auftritt und BioNTech im kleineren Format. Moderna nahm zudem 2 Milliarden Dollar über Wandelanleihen für den Onkologie-Ausbau auf.

Großinvestor Baillie Gifford warnt allerdings, dass sich die Technologien beider Firmen nicht direkt übertragen lassen. Wer die Moderna-Rally auf BioNTech projiziert, kauft eine Analogie, keine Daten.

BASF und Evonik: Kamieth kehrt den Sparkurs um

Die Sondierungen zwischen BASF und Evonik sind seit Freitagnachmittag offiziell. Evonik bestätigte per Ad-hoc eine unverbindliche Ansprache für ein Übernahmeangebot für sämtliche Aktien, Gespräche fänden aktuell nicht statt. BASF bestätigte Sondierungen mit Evonik und der RAG-Stiftung, Ausgang offen. Laut Financial Times berät sich BASF seit Jahresbeginn mit Banken über die Struktur.

Bemerkenswert ist der Strategiewechsel von BASF-Chef Markus Kamieth. Bisher stand Ludwigshafen für Schuldenabbau, den Verkauf von 60 Prozent des Reparaturlackgeschäfts an Carlyle für 7,7 Milliarden Euro und den geplanten Börsengang der Agrarsparte bis Mitte 2027. Nun soll dieses Geld womöglich einen Zukauf finanzieren, bei rund 20 Milliarden Euro Nettoschulden. Evonik kostet an der Börse 8,45 Milliarden Euro, inklusive Schulden rund 12 Milliarden Euro.

Der Schlüssel liegt bei der RAG-Stiftung mit 43,8 Prozent der Evonik-Aktien und drei ausstehenden Umtauschanleihen. Die Stiftung wollte ohnehin auf 25,1 Prozent reduzieren.

Evonik schloss am Freitag mit einem Plus von 7,9 Prozent bei 19,44 Euro, nachdem im Handel mit 20,00 Euro ein 52-Wochen-Hoch erreicht wurde. BASF verlor 2,6 Prozent auf 50,89 Euro. Der Markt preist damit eine Prämie für Evonik ein, ohne dass ein Preis auf dem Tisch liegt: Wer jetzt einsteigt, wettet auf die Stiftung, nicht auf die Chemie.

Oracle: Der Kreditmarkt sieht die KI-Risiken früher als die Aktie

Die Warnsignale im KI-Boom kommen inzwischen von den Anleihen. Die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall von Oracle erreichte ein Rekordniveau, eine Anleihe bis 2056 rentiert über 8 Prozent. Auslöser war am Donnerstag eine Force-Majeure-Mitteilung zum Rechenzentrum „Project Jupiter“ in New Mexico.

Laut Reuters droht rund ein Jahr Verzögerung, weil die Stromversorgung nicht gesichert ist. Die Oracle-Aktie verlor daraufhin knapp 3,5 Prozent. Für RWE-Anleger ist das relevant, denn der Versorger hat zuletzt einen Stromliefervertrag über 433 Megawatt mit Oracle in Texas geschlossen.

Zugleich zeigt Bank of America, dass KI-Ausgaben 80 Prozent der Gesprächszeit in Kundentreffen einnehmen. Die Sorge vor einem Boom-Bust-Zyklus wächst, doch die meisten Investoren bleiben investiert. Am Freitag gewann Microsoft nach dem Copilot-Update 3,6 Prozent. Akamai legte nach einem Siebenjahresvertrag mit Anthropic über 11,6 Milliarden Dollar, rund 10,2 Milliarden Euro, um 3,2 Prozent zu.

Das alles geschieht bei zehnjährigen US-Renditen über 5 Prozent, dem höchsten Stand seit 19 Jahren, und einer 30-jährigen Rendite auf dem Niveau von 2004. Die Terminmärkte sehen für die Fed-Sitzung am 27. und 28. Oktober eine Wahrscheinlichkeit von rund zwei Dritteln für eine weitere Zinserhöhung.

UBS hält das für übertrieben und erwartet nur einen Schritt im Dezember auf 4,00 bis 4,25 Prozent. Die eigentliche Frage für das Depot lautet: Halten die KI-Verträge, wenn Strom knapp und Kapital teuer wird? Oracles Kreditkosten geben eine erste Antwort.

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Konsum: Sparen statt kaufen, hier wie dort

Die Verbraucher auf beiden Seiten des Atlantiks ziehen sich zurück. In den USA fiel das Konsumklima der Universität Michigan im September auf 48,1 Punkte nach 51,7 im August. Die Inflationserwartung für ein Jahr sprang auf 4,6 Prozent nach 4,0 Prozent.

In Deutschland kletterte der Sparindikator des NIM auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise 2008, vor allem gut situierte Haushalte halten ihr Geld zurück. Der Tankrabatt ab 1. Oktober zeigte noch keine Wirkung, das NIM erwartet nur einen kurzfristigen Effekt. Ifo-Chef Clemens Fuest nannte ihn eine „Schnapsidee“.

HelloFresh lieferte am Freitag den Beleg aus der Unternehmenswelt: Nach einem schwachen dritten Quartal senkte der Kochboxenversender die Jahresziele. Die HelloFresh-Aktie fiel auf ein 52-Wochen-Tief und liegt seit Jahresbeginn 63 Prozent im Minus.

Ausblick: Eine Woche im Zeichen der Fristen

Am Dienstag legt Hornbach den vollständigen Quartalsbericht vor, BMW startet ein zweitägiges Kapitalmarktevent. Die BMW-Aktie markierte am Freitag ein 52-Wochen-Tief. Am Mittwoch endet die BioNTech-Frist für die Werke, abends melden Micron und am Donnerstag Nike Quartalszahlen nach US-Schluss.

Am Freitag folgen der US-Arbeitsmarktbericht, Konsens plus 90.000 bis 100.000 Stellen bei 4,1 bis 4,2 Prozent Arbeitslosenquote, sowie die Verbraucherpreise im Euroraum, erwartet bei 3,7 Prozent. Ebenfalls am Freitag endet die Prüffrist für die Ceconomy-Übernahme durch JD.com.

Unterm Strich

Diese Woche entscheidet sich bei BioNTech, ob aus einem Impfstoffkonzern eine Forschungsholding mit Beteiligung an den eigenen Gründern wird. Bei BASF und Evonik wird sich zeigen, ob die RAG-Stiftung einen Preis nennt. Und der Arbeitsmarktbericht am Freitag legt fest, ob die Fed im Oktober tatsächlich erneut anhebt, was für jede Bewertung von KI-Verträgen wichtiger ist als jedes Copilot-Update.

Nutzen Sie die letzten Stunden dieses Sonntags, bevor ab Montag die Fristen den Takt vorgeben.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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