Wie Rüstung und Öl der deutschen Industrieflaute trotzen

Trotz schwacher Konjunkturdaten glänzen Rüstung und Energie. Rheinmetall sieht Analysten-Potenzial, Ölpreise steigen, Munich Re expandiert im Cyber-Sektor.

Eduard Altmann ·
Rheinmetall Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Rheinmetall: Analysten sehen Verdopplungspotenzial
  • Ölpreis steigt wegen Iran-Drohung
  • Munich Re übernimmt US-Insurtech At-Bay
  • UniCredit-Chef kontrolliert fast 50% der Commerzbank

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

der Flash-PMI für den deutschen Dienstleistungssektor ist im August erstmals seit Monaten unter die Wachstumsschwelle gerutscht, und die Bundesbank warnt parallel vor einem Konjunkturdämpfer durch Niedrigwasser auf den Flüssen. Zwei Sektoren scheint das kaum zu kümmern: Verteidigung und Energie/Rohstoffe bewegen sich fast schon gegen den Trend. Genau das ist heute die eigentliche Geschichte hinter den Kursbewegungen – nicht der Auftragsmangel in der Breite, sondern die Frage, wohin das Kapital trotzdem fließt.

Rheinmetall: Lieferverzug bei der Bundeswehr, aber Analysten sehen Verdopplungspotenzial

Gestern drehte sich die Debatte um Rheinmetall noch um die Frage, ob der Auftragsberg von 80,5 Milliarden Euro reicht, um die Wachstumsambitionen bis 2028 zu untermauern. Heute zeigt sich die Kehrseite: Ein Bericht von „Capital“ listet Lieferverzögerungen bei der Bundeswehr-Ausrüstung auf. Die Abnahme des Skyranger-Flugabwehrsystems verschiebt sich demnach von ursprünglich Mitte 2026 auf Mitte 2027, bei den 123 geplanten schweren Waffenträgern Infanterie – Vertragsvolumen 2,7 Milliarden Euro – soll der Rückstand sogar elf Monate betragen. Rheinmetall widerspricht der Größenordnung: Beim Skyranger spreche man von nur fünf Monaten Verzug, bis Jahresende sollen zudem 24 weitere Waffenträger ausgeliefert werden.

Für die Börse scheint das Rauschen zu sein, nicht Investment-These. Ein Morningstar-Stratege zählt die Aktie trotz der Reibungsverluste zu den attraktivsten Titeln Europas und sieht auf Basis seiner Fair-Value-Schätzung Potenzial für eine Verdopplung – nach einem Kursrückgang von rund der Hälfte gegenüber dem Hoch. Aktuell notiert das Papier bei rund 1.176 Euro, gut 30 Prozent über dem Jahrestief von 902,50 Euro im Juni, aber immer noch 25 Prozent unter dem Stand vor einem Jahr. Wer an den langfristigen Rüstungszyklus glaubt, dürfte die Konsolidierung als Einstiegschance lesen – die Distanz zur alten Stärke bleibt aber real. Dass der Trend über die klassische Rüstungsindustrie hinausgreift, zeigt sich daran, dass Mercedes-Benz und Volkswagen einem Bericht zufolge selbst den Einstieg ins Rüstungsgeschäft oder die Umnutzung von Fabrikkapazitäten prüfen – ein Beleg, wie stark der Sektor inzwischen als Wachstumsanker gilt.

Öl zieht an: Trumps Iran-Drohung trifft auf einen ohnehin engen Markt

Brent-Rohöl bewegt sich klar über der 90-Dollar-Marke, WTI zog im gleichen Maß an. Auslöser ist eine neue Drohung von US-Präsident Trump gegen den Iran mit einem „Wirtschaftskrieg“, nachdem die Verhandlungen ins Stocken geraten sind. Für Anleger mit Energiewerten im Depot heißt das konkret: BP notiert bei rund 6,43 Euro, ein Plus von fast 3 Prozent im Tagesverlauf, bei einem geschätzten KGV von nur 7,12 für 2026 – trotz eines Jahresplus von 33 Prozent bleibt die Bewertung moderat. Die Iran-Eskalation ist damit der zweite Baustein der „harten Assets“-These dieser Woche: Geopolitische Risikoprämien fließen unmittelbar in Energiewerte, während zyklische Industrieaktien unter der schwachen Auftragslage leiden.

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Munich Re kauft sich in die Cyber-Versicherung ein

Die gestern skizzierte At-Bay-Übernahme nimmt an der Börse Kontur an – zumindest in der Kursreaktion. Der Rückversicherer zahlt 575 Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 493 Millionen Euro, für das US-Insurtech, um sein Cyber-Geschäft für kleine und mittlere Unternehmen zu stärken. Die Aktie gab im Tagesverlauf leicht nach auf rund 512 Euro – deutlich unter dem 52-Wochen-Hoch von 575,60 Euro, aber angesichts starker Q2-Zahlen eher eine Verschnaufpause als ein Warnsignal: Der Gewinn je Aktie lag bei 17,50 Euro, der Umsatz bei 18,64 Milliarden Euro, ein Plus von 6,4 Prozent. Analysten sehen die Aktie mit Kurszielen zwischen 554 und 600 Euro als moderat unterbewertet. Parallel läuft der Rückkauf eigener Aktien weiter: Allein zwischen dem 7. und 14. August wurden 127.500 Stück erworben, seit Mitte Mai sind es insgesamt über 1,5 Millionen – ein Konzern, der gleichzeitig zukauft und eigene Anteile einsammelt.

Commerzbank: Orcels Griff wird konkreter

Laut einem aktuellen Bericht kontrolliert UniCredit-Chef Andrea Orcel inzwischen den Zugriff auf fast 50 Prozent der Commerzbank-Aktien – ein deutlicher Fortschritt gegenüber früheren Etappen der schleichenden Annäherung. Die Aktie selbst bleibt robust und notiert bei rund 38,74 Euro, nur knapp unter ihrem erst vor einer Woche erreichten 52-Wochen-Hoch von 40,11 Euro. Wer das Papier hält, wettet damit inzwischen weniger auf das operative Geschäft als auf den Ausgang eines der größten Bankenpoker-Spiele Europas.

Unterm Strich

Der Markt fährt zwei Geschwindigkeiten. Dort, wo geopolitisches Risiko oder staatlich getriebene Nachfrage eine Rolle spielt – Verteidigung, Energie, kritische Rohstoffe –, bleibt Kapital nervös, aber engagiert: Rheinmetall trotz Lieferverzug, BP trotz Iran-Risiko, Munich Re trotz eines Übernahmepreises, der erst noch verdaut werden muss. In der breiten Industrie dagegen, wo PMI-Daten und Bundesbank-Warnungen Kontraktion signalisieren, dominiert Zurückhaltung. Für die kommenden Tage lohnt sich der Blick weniger auf Indexstände als auf genau diese Sektor-Rotation – sie dürfte entscheiden, welche DAX- und MDAX-Werte sich der schwächeren Konjunkturlage entziehen können und welche nicht.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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