Wienerberger nach CEO-Wechsel: Wie geht es jetzt weiter?
Wienerberger verzeichnet Umsatzplus, aber operatives EBITDA sinkt. Negativer Cashflow und CEO-Rücktritt setzen den Kurs unter Druck.

Kurz zusammengefasst
- CEO-Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen
- Umsatz steigt, EBITDA sinkt
- Negativer freier Cashflow im H1
- Aktie nahe 52-Wochen-Tief
Ausgangslage
Wienerberger steckt in einer Führungskrise und einer Kurskrise zugleich. Heimo Scheuch trat aus gesundheitlichen Gründen mit sofortiger Wirkung als CEO zurück, der Aufsichtsrat setzte Gerhard Hanke als Interim-Chef ein und sucht nun nach einer dauerhaften Lösung an der Konzernspitze.
Kaum zwei Tage später legte das Unternehmen seine Zahlen für das zweite Quartal 2026 vor: Der Umsatz stieg um 13 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro, das operative EBITDA sank jedoch auf 230 Millionen Euro.
Der Aktienkurs notierte am Mittwoch bei 19,46 Euro und damit nur noch rund 2,4 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 19,00 Euro. Seit Jahresbeginn hat das Papier 36 Prozent verloren. Diese Kombination aus Führungsvakuum und operativem Gegenwind macht die kommenden Monate zu einer echten Bewährungsprobe für den Konzern.
Die entscheidende Frage
Im Zentrum steht eine Kennzahl: der freie Cashflow. Im ersten Halbjahr 2026 lag er bei minus 203 Millionen Euro, belastet durch höheres Working Capital und Akquisitionsausgaben.
Für Anleger ist das die eigentliche Nagelprobe – nicht der Umsatz, der dank Zukäufen weiter wächst, sondern die Frage, ob Wienerberger seine Investitionstätigkeit und seine Bilanz unter einem neuen, noch zu bestimmenden CEO wieder in Einklang bringt. Solange der Cashflow negativ bleibt und gleichzeitig die operative Marge unter Druck steht, bleibt jede Wachstumsstory auf wackligem Fundament.
Die für das Gesamtjahr bestätigte EBITDA-Prognose von 700 Millionen Euro wird zum Prüfstein: Erreicht Wienerberger dieses Ziel trotz schwacher Neubauaktivität in Nordamerika und Großbritannien, wäre das ein Vertrauenssignal. Verfehlt der Konzern die Marke, dürfte der Markt die Führungsfrage noch kritischer bewerten.
Bullisches Szenario
Für eine Stabilisierung spricht die strategische Ausrichtung des Konzerns. Mehr als 60 Prozent der Konzernumsätze stammen inzwischen aus Infrastruktur- und Renovierungsaktivitäten – Bereiche, die konjunkturell robuster sind als der klassische Neubau.
Die im zweiten Quartal abgeschlossenen Übernahmen von Italcer und der NEWS Group stärken gezielt das Segment Renovierung und Wassermanagement und könnten mittelfristig zusätzliche Skaleneffekte liefern. Das organische Wachstum von 7 Prozent im Quartal zeigt zudem, dass die operative Basis trägt, auch ohne die 6 Prozentpunkte aus Zukäufen.
Gelingt es Hanke oder einem künftigen permanenten CEO, das Working Capital zu straffen und den Cashflow zu drehen, könnte sich das Bewertungsniveau rasch normalisieren. Der RSI von 28,9 signalisiert eine überverkaufte Situation, die bei ersten positiven Signalen zu einer technischen Gegenbewegung führen könnte.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Gleichzeitigkeit der Probleme. Ein Interims-CEO ohne klaren Zeitplan für die Nachfolge kann strategische Entscheidungen verzögern, gerade wenn der Konzern gleichzeitig sein Akquisitionstempo hochhält.
Der negative freie Cashflow von 203 Millionen Euro im ersten Halbjahr ist kein Randphänomen, sondern könnte sich verschärfen, sollte sich die Nachfrageschwäche in Nordamerika und Großbritannien vertiefen.
Der Kurs notiert bereits 12 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt und 24 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt – ein Bild anhaltenden Abwärtsdrucks, das die 30-prozentige annualisierte Volatilität der vergangenen 30 Tage unterstreicht.
Sollte die EBITDA-Prognose von 700 Millionen Euro im weiteren Jahresverlauf ins Wanken geraten, dürfte der Markt dies als Bestätigung werten, dass die Führungskrise operative Substanz kostet statt nur ein Kommunikationsproblem zu sein.
Ausblick
Solange Wienerberger an der Jahresprognose von 700 Millionen Euro operativem EBITDA festhält und die margenstarken Renovierungs- und Infrastruktursegmente ihren Anteil am Konzernumsatz weiter ausbauen, bleibt ein Stabilisierungspfad realistisch – auch wenn der Cashflow derzeit noch belastet.
Kippt hingegen die Prognose, oder zieht sich die Suche nach einem permanenten CEO ohne erkennbaren Fortschritt in die Länge, dürfte der Markt die Aktie weiter in der Nähe ihres 52-Wochen-Tiefs von 19,00 Euro halten oder tiefer schicken.
Ein konkreter nächster Termin für eine Unternehmenspräsentation nach dem Halbjahresbericht wurde bislang nicht kommuniziert; Anleger dürften daher zunächst auf Signale zur CEO-Nachfolge und auf die Entwicklung des Working Capitals im weiteren Jahresverlauf achten, bevor sich ein klareres Bild ergibt.
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