Windkraft-Beben aus den USA erfasst Siemens Energy und Nordex
Schwache Windsparte von GE Vernova belastet Siemens Energy und Nordex. ABO Wind kämpft mit Restrukturierung, Energiekontor meldet positiven PPA-Deal.

Kurz zusammengefasst
- GE Vernova belastet gesamte Windkraft-Branche
- Siemens Energy und Nordex unter Druck
- ABO Wind in finanzieller Sanierung
- Energiekontor sichert sich Förder-freien Stromvertrag
Ein Quartalsbericht aus Cambridge reichte diese Woche aus, um den gesamten Sektor der erneuerbaren Energien durcheinanderzuwirbeln. Der US-Konzern GE Vernova lieferte solide Umsatzzahlen, doch sein Windgeschäft schwächelte spürbar – und genau das reichte, um Siemens Energy und Nordex in den Abwärtssog zu ziehen. Während sich die beiden Schwergewichte mit Gewinnmitnahmen herumschlugen, kämpften ABO Wind mit einer Restrukturierung, Vulcan Energy mit neuen Tiefstständen und Energiekontor lieferte ausgerechnet die positivste Meldung der Woche.
GE Vernova als Stimmungskiller: Siemens Energy und Nordex im Sog
Der Energietechnikkonzern GE Vernova profitiert weiter vom globalen Strombedarf. Der Umsatz legte im zweiten Quartal um 22 Prozent auf 11,1 Milliarden US-Dollar zu. Auf den ersten Blick sahen die Zahlen stark aus.
Unter der Oberfläche zeigte sich jedoch ein Problem: Das Geschäft mit Gasturbinen und Elektrifizierung lief rund, die Windkraftsparte hingegen schrieb weiter Verluste. Der Auftragseingang sackte ab, das Landturbinen-Geschäft entwickelte sich schwächer als erhofft, und der operative Verlust wuchs weiter. Genau diese Details lösten am Markt Nervosität aus.
Der Effekt sprang sofort auf den europäischen Handel über. Siemens Energy zählte zu den schwächsten Werten im DAX, Nordex geriet ebenfalls unter Druck. Beide Aktien waren zuvor kräftig gelaufen – ein Umstand, der sie anfälliger für Gewinnmitnahmen machte, sobald ein Wettbewerber schlechte Nachrichten aus dem Windsegment lieferte.
Siemens Energy: Volatilität trifft auf intakte Wachstumsstory
Siemens Energy notiert aktuell bei 150,30 Euro, nach einem Minus von 0,71 Prozent gegenüber dem Vortagesschluss von 151,38 Euro. Auf Wochensicht steht dennoch ein Plus von 2,31 Prozent zu Buche, während die 30-Tage-Bilanz mit minus 7,12 Prozent deutlich negativer ausfällt. Seit Jahresbeginn bleibt die Aktie mit 24,83 Prozent klar im Plus.
Der Vergleich zum 52-Wochen-Hoch von 195,54 Euro, erreicht Ende April, zeigt das Ausmaß der jüngsten Korrektur: Aktuell fehlen gut 23 Prozent bis dorthin. Zum 200-Tage-Durchschnitt von 144,91 Euro besteht dagegen weiterhin ein Aufschlag. Das RSI von 44,6 deutet auf keine extreme Überverkauft- oder Überkauftsituation hin.
Fundamental bleibt die Wachstumsgeschichte intakt, die Bewertung ist allerdings anspruchsvoll geworden. Genau das macht die Aktie empfindlich für Enttäuschungen bei Wachstum oder Marge – die GE-Vernova-Episode war dafür eine Live-Demonstration.
Nordex: Auftragsmomentum gegen Sektor-Nervosität
Nordex hat den Juli in einem Tauziehen zwischen starkem Auftragseingang und sektorweiter Verunsicherung verbracht. Die Aktie notiert zuletzt bei 41,18 Euro, unverändert gegenüber dem Vortag. Auf Wochensicht steht ein Plus von 1,43 Prozent, während die Jahresperformance mit 41,41 Prozent weiterhin beeindruckt.
Zum 50-Tage-Durchschnitt von 42,50 Euro fehlt derzeit nur wenig, zum 200-Tage-Durchschnitt von 36,99 Euro besteht dagegen ein deutlicher Abstand nach oben. Das Auftragsmomentum bleibt der Lichtblick: Zuletzt sicherte sich Nordex Bestellungen über 700 Megawatt aus Deutschland, nachdem bereits zuvor starke Auftragszahlen für eine Kurserholung gesorgt hatten.
Entscheidend wird, was das Unternehmen in den kommenden Wochen zu Ausblick, Profitabilität und Cashflow-Planung berichtet. Analysten bleiben bei der Bewertung uneins – die Kursziele reichen von deutlich unter bis deutlich über dem aktuellen Niveau.
ABO Wind: Restrukturierung überschattet das operative Geschäft
Während Siemens Energy und Nordex mit sektorweiter Volatilität kämpften, blieb ABO Wind – inzwischen umbenannt in ABO Energy – in seiner finanziellen Sanierung gefangen. Die Aktie kostet aktuell 3,40 Euro, nach einem Plus von 2,41 Prozent zum Vortagesschluss von 3,33 Euro. Auf Wochensicht bleibt mit minus 6,07 Prozent dennoch ein deutliches Minus stehen, das RSI von 34,2 signalisiert eine überverkaufte Situation.
Das operative Kerngeschäft bleibt in der Projektentwicklung verwurzelt: Wind-, Solarparks, Batteriespeicher und Wasserstoffprojekte in 16 Ländern. Der erste Entwurf des Sanierungsgutachtens kam zu dem vorläufigen Schluss, dass ABO Energy sanierungsfähig ist – vorausgesetzt, eine tragfähige Finanzierung mit den Partnern gelingt. Als Konsequenz rechnet das Unternehmen im laufenden Geschäftsjahr nicht mehr mit einem positiven Konzernergebnis.
Um die Bilanz zu stärken, wurden zuletzt zwei deutsche Windkraftprojekte sowie eine kolumbianische Solaranlage verkauft. Eine außerordentliche Hauptversammlung fand bereits Anfang Juli statt, die ordentliche Hauptversammlung folgt am 13. August.
Vulcan Energy: Stiller Rutsch auf neue Tiefstände
Große Katalysatoren blieben bei Vulcan Energy diese Woche aus, die Kursentwicklung spricht dennoch für sich. Die Aktie notiert aktuell bei 1,63 Euro, ein Minus von 0,85 Prozent gegenüber dem Vortagesschluss von 1,65 Euro. Erst am 22. Juli markierte das Papier mit 1,61 Euro ein neues 52-Wochen-Tief.
Auf Monatssicht steht ein Verlust von 17,66 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn sind es sogar minus 36,05 Prozent. Zum 200-Tage-Durchschnitt von 2,56 Euro klafft mittlerweile eine Lücke von über 36 Prozent. Das RSI von 31,1 signalisiert eine überverkaufte Aktie ohne erkennbaren kurzfristigen Auslöser.
Das Geschäftsmodell bleibt unverändert auf das kombinierte Lithium-Geothermie-Projekt im Oberrheingraben ausgerichtet. Bemerkenswert: Selbst während der Kursschwäche meldete State Street einen Stimmrechtsanteil von 3,01 Prozent und überschritt damit die Meldeschwelle – institutionelles Interesse bleibt also trotz der schwachen Kursentwicklung bestehen.
Energiekontor: Grünstrom-Deal mit dm als Lichtblick
Energiekontor lieferte diese Woche die klarste positive Nachricht im gesamten Sektor. Gemeinsam mit der EHA Energie-Handels-Gesellschaft und dem Drogeriemarkt dm wurde ein zehnjähriger Stromabnahmevertrag für den geplanten Solarpark Kolitzheim-Herlheim vereinbart. Bemerkenswert ist vor allem, dass das Projekt vollständig ohne EEG-Förderung realisiert werden soll.
Der Solarpark im bayerischen Landkreis Schweinfurt soll über eine installierte Leistung von rund elf Megawattpeak verfügen und ab der ersten Hälfte 2027 mehr als 13 Gigawattstunden Strom pro Jahr liefern. CEO Peter Szabo wertete den Abschluss als Beleg dafür, dass hochwertige Solarprojekte in Deutschland auch ohne staatliche Förderung wirtschaftlich tragfähig sind.
Der Deal fällt in eine Phase schrumpfender Vertragsaktivität: 2025 kamen in Deutschland nur noch 27 solcher Stromabnahmeverträge über zusammen 1,3 Gigawatt zustande, nach 51 Abschlüssen im Vorjahr. Die Aktie selbst notiert bei 36,45 Euro, nahezu unverändert zur Vorwoche, während sie im laufenden Jahr mit 1,39 Prozent nur leicht im Plus liegt. Energiekontor betreibt weiterhin 40 eigene Wind- und Solarparks mit einer Gesamtleistung von rund 455 Megawatt.
Sektordynamik im Überblick
Der Nachrichtenfluss dieser Woche zeigt, wie unterschiedlich die fünf Aktien innerhalb desselben Themenfelds positioniert sind:
- Siemens Energy und Nordex: eng korrelierte Werte im Bereich Netztechnik und Windkraft-Hardware, beide im Gleichschritt durch die Kommentare eines US-Wettbewerbers nach unten gezogen
- ABO Wind: gefangen in einer aktiven Bilanzrestrukturierung, überverkauft laut RSI, aber ohne klaren Wendepunkt
- Vulcan Energy: gleitet ohne erkennbaren Auslöser auf neue Mehrjahrestiefs, trotz anhaltendem institutionellem Interesse
- Energiekontor: kleinerer, selbstfinanzierter Projektentwickler, dessen subventionsfreies PPA-Modell diese Woche als einzige klar positive Meldung heraussticht
Siemens Energy und Nordex tragen zudem anspruchsvolle Bewertungen, die wenig Raum für Enttäuschungen lassen – ein Muster, das sich in den kommenden Berichtssaisons erneut zeigen dürfte.
Windkraft-Sektor zwischen Bewertungsdruck und Nischenerfolgen
Die kommenden Wochen bringen mehrere Termine, die für Bewegung sorgen könnten. Nordex soll in Kürze Halbjahreszahlen vorlegen, und die Märkte dürften genau auf Signale zu Margen und Windsegment-Nachfrage achten. Siemens Energys Fähigkeit, konkurrenzgetriebene Volatilität abzuschütteln, wird erneut getestet, sobald weitere Quartalsberichte aus der Branche eintreffen.
Bei ABO Wind bleibt der Restrukturierungspfad der entscheidende Faktor, mit der Hauptversammlung am 13. August und Halbjahreszahlen, die für den 1. September erwartet werden. Vulcan Energys kurzfristige Richtung dürfte von operativen Updates zum Lithium-Geothermie-Projekt abhängen. Energiekontors subventionsfreies Modell könnte unterdessen zur Vorlage für andere Projektentwickler werden – gerade weil der deutsche Grünstrom-Vertragsmarkt insgesamt schrumpft.
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