Windkraft-Comeback, Drohnen-Rohstoffkampf und die Zwei-Klassen-Berichtssaison

Vestas und Siemens Gamesa melden Erfolge, DroneShield verliert trotz Neuheit. DAX-Rekordgewinne stehen Stellenabbau und Autoschwäche gegenüber.

Eduard Altmann ·
DAX Aktie

Kurz zusammengefasst

  • Vestas-Prognose hebt Aktie
  • Siemens Gamesa wieder profitabel
  • DroneShield trotz Innovation schwach
  • DAX-Gewinne bei sinkender Belegschaft

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

20 Prozent Kurssprung bei Vestas an einem einzigen Tag, ein Verlustbringer, der nach vier Jahren wieder schwarze Zahlen schreibt, und eine Aktie mit Rekord-Auftragsbuch, die trotzdem 68 Prozent unter ihrem Jahreshoch notiert: Diese Woche zeigt exemplarisch, wie weit Fundamentaldaten und Kursrealität derzeit auseinanderlaufen können. Wer nur auf den DAX-Stand schiele, verpasse genau diese Bruchlinien – und das gilt in dieser Woche besonders für zwei Branchen, die selten gemeinsam genannt werden: Windkraft und Drohnenabwehr.

Windkraft: Aus der Verlustzone in den Analystenoptimismus

Nach Jahren der Krise melden Europas Windkraftausrüster reihenweise Erfolge. Vestas hob am 13. August seine Jahresprognose für 2026 an, die Aktie sprang daraufhin um 20 Prozent. Siemens Gamesa, die lange kriselnde Windsparte von Siemens Energy, schrieb im dritten Quartal 2026 erstmals seit vier Jahren wieder schwarze Zahlen – 75 Millionen Euro Gewinn vor Sondereffekten, nach einem Verlust von 430 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Nordex kommt operativ auf eine Marge von 10,3 Prozent. Der Mutterkonzern Siemens Energy meldete für das dritte Quartal 2026 einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro (plus 18,5 Prozent), einen Nettogewinn von 1,19 Milliarden Euro und einen Auftragsbestand von 162 Milliarden Euro; die Nettoliquidität liegt bei über 7,5 Milliarden Euro. Bernstein Research bestätigte am 13. August das „Outperform“-Rating für Siemens Energy und verwies dabei auf die über den Erwartungen liegende Nachfrage aus dem Rechenzentrums-Boom sowie den steigenden Auftragsbestand. Bankinter sieht ebenfalls Potenzial und hob sein Kursziel auf 177,60 Euro an. Die Aktie selbst notiert zuletzt bei rund 160,66 Euro – spürbar unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro aus dem April. Zwischen aktuellem Kurs und Analystenzielen bleibt also Spielraum, vorausgesetzt die Branche löst ihr eigentliches Problem: Der Vestas-CEO kritisierte jüngst die EU-Fusionsregeln, die europäischen Herstellern die nötige Skalengröße gegenüber chinesischen Konkurrenten verwehren. Diskutiert wird bereits eine mögliche Konsolidierung zwischen Siemens Energy/Gamesa und Vestas, sollten die Regeln gelockert werden – für Anleger ein Szenario, das den Sektor über Jahre neu ordnen könnte.

Drohnen-Boom trifft auf eine Kursrealität, die nicht jeder Wachstumsstory folgt

Ganz anders die Lage beim australischen Anbieter DroneShield, der zeigt, wie volatil Bewertungen im Verteidigungssegment sein können. Das Unternehmen launchte am 10. August sein neues portables RF-Intelligenzsystem RfRecon auf Basis der RfAI-3-Architektur – deutlich mehr Spektrum-Abdeckung, KI-Rechenleistung und Speicher als beim Vorgänger, ein Produkt, das die technologische Führung im Counter-Drone-Markt untermauern soll. Trotz dieser Neuheit und einer Umsatzprognose von 250 bis 270 Millionen australischen Dollar für das laufende Geschäftsjahr notiert die Aktie zuletzt bei 1,21 Euro – rund 68 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 3,79 Euro aus dem Oktober 2025. Auf Jahressicht steht ein Minus von 48 Prozent zu Buche, auf Monatssicht ein Rückgang von 15 Prozent. Die Lehre daraus: Strukturelles Wachstum schützt nicht vor Bewertungskorrekturen, wenn der Kurs den Erwartungen einmal vorausgeeilt war. Wer hier einsteigt, kauft eine Wachstumsstory – aber eben auch ihre Vergangenheit.

DAX-Berichtssaison: Rekordgewinne, aber zwei Geschwindigkeiten

Gestern ging es an dieser Stelle um die 41.000 gestrichenen Stellen hinter den DAX-Rekordgewinnen. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass diese Zwei-Klassen-Gesellschaft nicht nur zwischen Konzernen verläuft, sondern mitten durch einzelne Branchen. Die DAX-Konzerne meldeten für das zweite Quartal 2026 ein EBIT von 52,6 Milliarden Euro (plus 16 Prozent) bei einem Umsatz von 463 Milliarden Euro (plus 4,6 Prozent), angeführt von Telekom (6,9 Milliarden Euro), Allianz (4,9 Milliarden Euro), VW (3,5 Milliarden Euro) und Siemens (3,4 Milliarden Euro). Gleichzeitig schrumpfte die Belegschaft der DAX-Konzerne um 41.000 Stellen auf 3,49 Millionen zum 30. Juni 2026. Die Bruchlinie verläuft klar entlang der Autoindustrie: Der Sektor verzeichnete insgesamt einen Umsatzrückgang von 1,2 Prozent bei einem EBIT-Einbruch von 12 Prozent – BMW traf es mit minus 39 Prozent besonders hart, während VW und Daimler Truck jeweils minus 9 Prozent beim EBIT hinnehmen mussten. An der Börse zeigt sich diese Spaltung längst: BMW notiert zuletzt bei 59,62 Euro und liegt auf Jahressicht 36 Prozent im Minus, während Daimler Truck bei 45,26 Euro steht und seit Jahresbeginn um 21 Prozent zugelegt hat. Selbst innerhalb der Autobranche gibt es also erhebliche Unterschiede – der Index-Blick allein führt in die Irre. Allianz notiert unterdessen bei 442,30 Euro nahe ihrem 52-Wochen-Hoch von 443,80 Euro, während die Deutsche Bank bei 33,34 Euro handelt – jenes Institut, das zuvor für den DAX 2026 ein zweistelliges Gewinnwachstum in Aussicht gestellt hatte. Für Anleger heißt das: Wer DAX kauft, kauft längst kein homogenes Portfolio mehr, sondern eine Wette auf einzelne Sektor-Gewinner.

Für eine ausgewogene Portfolio-Strategie lohnt sich neben Windkraft, Autoindustrie und Drohnenabwehr auch ein Blick auf einen ganz anderen Sektor, der gerade eine ähnliche Wucht entfaltet: den globalen Chip-Wettlauf zwischen den USA und China.

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SMA Solar: Rückkehr in die Gewinnzone

Auch abseits von Windkraft und Autoindustrie drehen sich Vorzeichen schnell. SMA Solar meldete für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 345,7 Millionen Euro, ein EBIT von 49,1 Millionen Euro nach einem Verlust von 30,4 Millionen Euro im Vorjahr sowie einen Gewinn von 74,4 Millionen Euro nach einem Fehlbetrag von 47,9 Millionen Euro. Die im Juli angehobene Jahresprognose 2026 sieht ein operativ noch stärkeres zweites Halbjahr vor. Die Aktie notiert zuletzt bei 57,95 Euro, nach einem kräftigen Anstieg binnen zwölf Monaten, wenngleich sie sich zuletzt unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 70,55 Euro aus dem Mai bewegt. Auch hier gilt: Der operative Turnaround ist real, die volle Kurserholung lässt noch auf sich warten.

RWE: Offshore-Wind als stiller Wachstumstreiber

RWE profitiert derweil sichtbar von genau jenem Windkraft-Comeback, das den heutigen Newsletter eröffnet hat. Das EBITDA im Offshore-Segment stieg im ersten Halbjahr 2026 auf 810 Millionen Euro (Vorjahr: 643 Millionen Euro), Onshore-Wind und Solar legten auf 1 Milliarde Euro zu (Vorjahr: 830 Millionen Euro). Der Konzern erweiterte seine Kapazität seit Juni 2025 um 2,6 Gigawatt. Die Aktie notiert zuletzt bei 58,96 Euro, deutlich über dem Niveau vor einem Jahr, wenngleich mit etwas Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 62,00 Euro aus dem April. RWE zeigt damit, dass der Windkraft-Aufschwung längst nicht nur bei den Ausrüstern ankommt, sondern auch bei den Betreibern der Anlagen.

Unterm Strich

Die Woche liefert ein Muster, das über die Einzeltitel hinausweist: Operative Wenden – bei Siemens Gamesa, SMA Solar, Vestas – schlagen sich nur teilweise in Kursen nieder, während eine Wachstumsstory wie DroneShield trotz Produktinnovation 68 Prozent unter ihrem Hoch notieren kann. Und in der Autoindustrie zeigt der Vergleich BMW gegen Daimler Truck, dass selbst innerhalb eines Sektors, der insgesamt schrumpft, einzelne Unternehmen prächtig verdienen. Für die kommende Woche bleibt der Blick auf die zweite Reihe lohnender als auf den DAX-Rekordkurs: Bei Siemens Energy entscheidet sich, ob die Analystenziele Realität werden, bei DroneShield, ob weitere Produktneuheiten die Bewertungslücke schließen können. Und in der Autoindustrie bleibt offen, wie lange die Zwei-Klassen-Gesellschaft aus Rekordgewinnern und schrumpfenden Herstellern noch Bestand hat.

Nutzen Sie den Rest des Wochenendes, um diese Divergenzen sacken zu lassen – am Montag zeigt sich, welche davon Bestand haben.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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