Fünf-Jahres-Hoch bei Thyssenkrupp, Jahrestief bei Bilfinger
Thyssenkrupp und Siemens glänzen mit Rekordwerten, während Bilfinger und Lufthansa unter Druck bleiben. Heidelberg hofft auf Zollentlastung.

Kurz zusammengefasst
- Thyssenkrupp nähert sich 52-Wochen-Hoch
- Bilfinger fällt auf neues Jahrestief
- Siemens profitiert von Rekordaufträgen
- Lufthansa verliert deutlich an Wert
Selten lagen die Schicksale deutscher Industrietitel so weit auseinander wie in diesen Tagen. Während sich eine Aktie ihrem höchsten Stand seit Jahren nähert, rutscht eine andere auf ein neues Jahrestief. Dazwischen ringen drei weitere Schwergewichte mit ganz eigenen Baustellen – von Rekordaufträgen bis zu ungeklärten Zollfragen.
Der deutsche Industriesektor wird derzeit weniger von einem gemeinsamen Trend getrieben als von einzelnen Unternehmensgeschichten. Konzernumbauten, Gerichtsurteile und Quartalszahlen bewegen die Kurse – und zwar in völlig unterschiedliche Richtungen.
Thyssenkrupp: Der Stahl-Poker nimmt eine neue Wendung
Die Thyssenkrupp-Aktie befindet sich im Höhenflug. Mit 14,45 Euro notiert das Papier nur noch knapp unter seinem 52-Wochen-Hoch von 14,49 Euro, das erst kürzlich markiert wurde. Auf Monatssicht steht ein Plus von 18 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn hat sich der Kurs um 55 Prozent verteuert.
Der Antrieb hinter dieser Rally liegt in der Neuausrichtung der Stahlsparte. Gleich zwei Übernahmeversuche waren zuvor gescheitert – das Gemeinschaftsunternehmen mit Investor Křetínský im Herbst 2025 und Gespräche mit dem indischen Konzern Jindal im Frühjahr 2026. Jetzt prüft Vorstandschef Miguel López offenbar einen eigenständigen Börsengang von Thyssenkrupp Steel Europe, an dem der Konzern nur noch eine Minderheit halten würde. Ein offizieller Beschluss steht noch aus.
Parallel treibt Thyssenkrupp seine Aufspaltung in fokussierte Einheiten voran. Die Wasserstoff-Tochter Nucera ist bereits seit 2023 börsennotiert, die Marinesparte TKMS wurde verselbstständigt, im Herbst soll die Handelssparte Materials Services folgen. Analysten honorieren den Kurs: Die DZ Bank hob ihr Kursziel Ende August von 11 auf 16 Euro an und stufte die Aktie auf Kaufen hoch, kurz zuvor hatte auch BofA sein Kursziel auf 22 Euro erhöht.
Heidelberger Druckmaschinen: Zollrückzahlung ohne Zahlen
Für Heidelberger Druckmaschinen bringt ein US-Gerichtsurteil unerwarteten Rückenwind. Der Oberste Gerichtshof der USA hatte die von der Trump-Administration verhängten Sonderzölle gekippt, weil dem Präsidenten die entsprechende Rechtsgrundlage fehlte. In der Folge erhielt auch Heidelberg zu viel gezahlte Zölle zurück – konkrete Beträge nennt der Konzern bislang nicht, spricht aber von spürbarer Entlastung.
Operativ bleibt die Lage angespannt. Nach der letzten Quartalsvorlage war die Aktie trotz Umsatzwachstums zweistellig eingebrochen, weil Anleger die Wachstumsaussichten skeptisch beurteilten. Aktuell zeigt sich der Titel erholt: Mit 1,48 Euro liegt der Kurs 7,7 Prozent über dem Niveau vor einem Monat, seit Jahresbeginn steht aber weiterhin ein Minus von 27 Prozent zu Buche.
Für das laufende Geschäftsjahr hält der Konzern an seiner Umsatzprognose von rund 2,35 Milliarden Euro fest, deutete aber an, bei der Marge eher am unteren Ende der Zielspanne zu landen. Strategisch setzt Heidelberg zunehmend auf ein zweites Standbein jenseits des klassischen Druckgeschäfts: Verteidigungs- und Dual-Use-Aktivitäten werden unter der Marke „HD Advanced Technology“ gebündelt, die Partnerschaft mit VINCORION läuft dabei planmäßig.
Siemens: Rekordaufträge schieben den Kurs
Siemens gehört zu den stabilsten Werten im Sektor. Bei 287,75 Euro bewegt sich die Aktie nur rund einen Prozentpunkt unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 291,25 Euro. Auf Wochensicht legte der Titel um 4,3 Prozent zu, seit Jahresbeginn summiert sich das Plus auf 20 Prozent.
Auslöser der Stärke sind die jüngsten Geschäftszahlen. Im dritten Geschäftsquartal wies Siemens einen Gewinn von 2,93 Euro je Aktie aus, nach 2,61 Euro im Vorjahr. Der Umsatz kletterte im selben Zeitraum von 19,38 auf 20,79 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr rechnen Analysten mit einem Gewinn je Aktie von 11,16 Euro, die nächsten Zahlen werden Mitte November erwartet.
Am Kapitalmarkt kam das gut an. Goldman Sachs hob sein Kursziel für Siemens Ende August deutlich an. Mit einem KGV von rund 27,95 und einer erwarteten Dividende von 5,65 Euro je Aktie zählt der Titel damit zu den höher bewerteten Industriewerten im DAX – ein Aufschlag, den der Markt der operativen Stärke offenbar zugesteht.
Lufthansa: Der Höhenflug ist vorbei
Bei Lufthansa hat sich das Bild seit dem Sommer deutlich eingetrübt. Nach dem Jahreshoch von 10,27 Euro Anfang Juli ist die Aktie auf aktuell 8,01 Euro zurückgefallen, ein Abschlag von rund 22 Prozent. Allein im vergangenen Monat verlor der Titel 11 Prozent, der RSI von 41 signalisiert eine eher schwache Momentum-Lage.
Die Einschätzungen unter Anlegern gehen weit auseinander. Diskutiert wird sowohl eine weiterhin attraktive Bewertung als auch die Sorge, Lufthansa sei eher ein zyklischer Wettschein als eine langfristige Position. Konzernintern hat die Führung zuletzt eine neue Restrukturierungsphase in Aussicht gestellt.
Bewertungstechnisch bleibt die Aktie mit einem niedrigen KGV vergleichsweise günstig. Die Dividendenrendite von rund 3,9 bis 4,1 Prozent macht den Titel für einkommensorientierte Anleger interessant, auch wenn die charttechnische Schwäche der vergangenen Wochen noch nicht überwunden ist.
Bilfinger: Prognoseschock drückt auf Jahrestief
Bilfinger musste nach den jüngsten Quartalszahlen einen herben Rückschlag hinnehmen. Mitte August fiel die Aktie bis auf ihr 52-Wochen-Tief von 72,55 Euro, mittlerweile hat sich der Kurs auf 82,45 Euro erholt – ein Tagesplus von 2,3 Prozent, auf Wochensicht sogar ein Zuwachs von 10 Prozent.
Dabei waren die reinen Zahlen zum zweiten Quartal durchaus solide. Der Gewinn je Aktie stieg von 1,28 auf 1,47 Euro, der Umsatz lag bei 1,45 Milliarden Euro. Belastet hat offenbar der Ausblick, den der Markt als zu vorsichtig einstufte – seit Jahresbeginn steht bei Bilfinger dennoch ein Minus von 23 Prozent zu Buche.
Trotz der Kursschwäche bleiben einzelne Analysten zuversichtlich. Die Deutsche Bank bestätigte Mitte August ihre Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 125 Euro, der Analysten-Durchschnitt liegt aktuell bei 118,50 Euro. Für das laufende Jahr rechnen Experten zudem mit einer höheren Dividende von 3,06 Euro, nach 2,80 Euro im Vorjahr.
Sektordynamik: Zwei Geschwindigkeiten im deutschen Maschinenbau
Der Blick auf die fünf Werte zeigt eine klare Zweiteilung. Thyssenkrupp und Siemens profitieren von strukturellen Fortschritten und bewegen sich nahe ihren Jahreshochs. Lufthansa und Bilfinger kämpfen dagegen mit operativem Gegenwind und markieren neue Tiefs oder bewegen sich in deren Nähe. Heidelberger Druckmaschinen nimmt eine Zwischenposition ein: positive Schlagzeilen bei ungelöster Margenfrage.
Die wichtigsten Muster im Überblick:
- Portfolioumbau als roter Faden: Thyssenkrupp, Siemens indirekt über sein Wachstumstempo und Heidelberger Druck über sein zweites Standbein treiben strukturelle Veränderungen voran
- Analystenzuspruch konzentriert sich auf die Gewinner: DZ Bank, BofA und Goldman Sachs erhöhten zuletzt Kursziele für Thyssenkrupp und Siemens
- Bewertungsschere öffnet sich: Während Siemens mit einem KGV von knapp 28 hoch bewertet ist, gelten Lufthansa und Bilfinger als vergleichsweise günstig
- Volatilität bleibt hoch: Sowohl Thyssenkrupp als auch Lufthansa und Bilfinger weisen annualisierte Schwankungsbreiten von über 30 Prozent auf
Ausblick: Worauf es in den kommenden Wochen ankommt
Bei Thyssenkrupp dürfte die Entscheidung über den möglichen Börsengang der Stahlsparte den Kurs in den kommenden Wochen prägen. Siemens richtet den Blick bereits auf die nächste Quartalsvorlage im November, während sich bei Bilfinger die Frage stellt, ob der jüngste Ausverkauf übertrieben war oder tatsächlich nachhaltigere Probleme widerspiegelt.
Lufthansa muss zeigen, ob der angekündigte Konzernumbau die charttechnische Schwäche drehen kann. Heidelberger Druckmaschinen wiederum dürfte in kommenden Berichten konkretere Zahlen zur Zollrückerstattung liefern müssen, um aus der positiven Meldung auch fundamentalen Rückenwind zu machen. Der Industriesektor bleibt damit ein Feld gegensätzlicher Geschichten – Transformationsfantasie auf der einen, operative Fragezeichen auf der anderen Seite.
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