Contitech, zweimal verkauft – und die eigentliche Rechnung kommt von den Kassen

Lone Star übernimmt Contitech für 4 Milliarden Euro. IGBCE und Betriebsrat verlangen verbindliche Zusagen zum Stellenabbau.

Eduard Altmann ·

Kurz zusammengefasst

  • Lone Star kauft Contitech für 4 Milliarden
  • Gewerkschaft droht mit Widerstand
  • Merz investiert in Botox-Produktion
  • Sozialbeiträge könnten auf 48,6 Prozent steigen

Liebe Leserinnen und Leser,

manche Geschichten werden erst beim zweiten Blick interessant. Der Contitech-Verkauf an Lone Star lief Ihnen gestern in dieser Ausgabe bereits als Kapitalrückfluss-Story über den Schirm: 2,5 Milliarden Euro Ausschüttung, ein Konzern, der sich aufs Reifengeschäft konzentriert. Heute lohnt der zweite Blick auf dieselbe Transaktion — denn Gewerkschaft und Betriebsrat sehen darin etwas anderes: eine offene Rechnung mit den Beschäftigten. Und während sich Continental neu ordnet, liefert das Gesundheitssystem die eigentlich unbequeme Zahl der Woche: Sozialbeiträge auf dem Weg zu 48,6 Prozent.

Contitech: 4 Milliarden Kaufpreis, aber die Gewerkschaft will Garantien

Lone Star Funds übernimmt Continentals Kunststofftechnik-Sparte für einen Unternehmenswert von 4 Milliarden Euro, dazu kommen bis zu 250 Millionen Euro erfolgsabhängige Zahlungen. Der Vollzug ist bis Ende 2026 geplant, vorbehaltlich der Kartellfreigabe. Über 20.000 Beschäftigte weltweit sind betroffen, davon 7.700 in Deutschland.

Was gestern als Bewertungsgeschichte für Aktionäre zählte, ist heute eine Belegschaftsgeschichte: IGBCE und Betriebsrat fordern verbindliche Zusagen vom neuen Eigentümer und drohen mit Widerstand, sollte über die im Mai beschlossenen 3.000 Stellen (1.600 davon in Deutschland) hinaus weiter abgebaut werden. Betriebsbedingte Kündigungen sollen bis Ende 2030 ausgeschlossen bleiben. Die Aktie honorierte die Nachricht mit einem Plus von knapp 2 Prozent — für Anleger ein sauberer Fokussierungsschritt. Für die Belegschaft ist der eigentliche Test noch offen: Ob ein Private-Equity-Eigentümer Zusagen mitträgt, die eine Konzernmutter unterschrieben hat, entscheidet sich erst nach dem Eigentümerwechsel, nicht davor.

Pharma zeigt zwei Gesichter: Merz baut auf, BioNTech baut ab

Merz investiert über 100 Millionen Euro in den Ausbau seiner Botox-Produktion (Xeomin) in Dessau-Roßlau. Bis 2028 entstehen dort rund 150 neue Stellen — getrieben von wachsender Nachfrage nach Botulinumtoxin bei chronischer Migräne, Muskelkrämpfen und Spastiken, mit den USA, Brasilien und Südkorea als Kernmärkten und China als Zukunftsoption. Der Konzern wächst zweistellig, um die 10 Prozent jährlich. Einziger Wermutstropfen: Experten warnen bereits vor Versorgungsengpässen bei so viel Nachfrage.

Bei BioNTech läuft die gegenteilige Bewegung. Der Mainzer Konzern baut um, schließt Werke, rund 1.800 Stellen stehen zur Disposition. Der Grund: der Abschied vom auslaufenden Pandemie-Geschäft zugunsten der Onkologie — während Wettbewerber Moderna zeitgleich zukauft. Für Anleger im Biotech-Segment ist das kein Randnotiz-Thema: Ob die Onkologie-Pipeline die wegbrechenden Impfstoffumsätze auffängt, entscheidet in den kommenden Quartalen über die Bewertung der Aktie.

Foxconn als Kontrapunkt: Der KI-Zyklus kennt keine Strukturkrise

Während deutsche Zulieferer und Pharmakonzerne ihre Portfolios neu ordnen, liefert der taiwanesische Auftragsfertiger Foxconn den Beweis, dass der KI-Boom ungebrochen läuft: Der Umsatz sprang im zweiten Quartal um fast 40 Prozent auf 69 Milliarden Euro im Jahresvergleich und übertraf die Analystenschätzungen deutlich. Treiber sind die Nachfrage nach KI-Servern für Nvidia sowie die iPhone-Montage für Apple. Der Juni-Umsatz erreichte umgerechnet rund 821,8 Milliarden Taiwan-Dollar — ein Rekord, plus 52,1 Prozent. Für das dritte Quartal erwartet Foxconn weiteres Wachstum, warnt aber vor einer „volatilen“ globalen politischen und wirtschaftlichen Lage.

Für Anleger bleibt Foxconn ein verlässlicher Frühindikator für den Tech-Hardware-Zyklus — und ein Gegengewicht zur europäischen Industrie-Erzählung: Während hier Sparten verkauft und Stellen gestrichen werden, wird dort in Kapazität investiert.

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Die eigentliche Rechnung: Sozialbeiträge steuern auf 48,6 Prozent zu

Der unbequemste Datenpunkt der Woche kommt nicht von einer Börse, sondern vom IGES Institut im Auftrag der DAK-Gesundheit: Die Sozialbeiträge in Deutschland könnten bis 2035 um 7,5 Prozentpunkte auf 48,6 Prozent steigen. Der GKV-Beitrag klettert demnach von 16,3 auf 19,3 Prozent, der Rentenbeitrag von 18,6 auf 22,3 Prozent, der Pflegebeitrag auf 4,1 Prozent.

DAK-Chef Andreas Storm fordert einen zweistufigen „Stabilitätspakt“: Der Bund soll die Unterfinanzierung beenden — rund 9,2 Milliarden Euro jährlich, die er für Bürgergeldempfänger eigentlich schuldet — und den Bundeszuschuss dynamisieren; gleichzeitig soll die Ausgabendynamik gedeckelt werden. Damit ließe sich der Anstieg auf 16,5 Prozent begrenzen. TK-Chef Jens Baas wird noch deutlicher: Die im Haushalt 2025 vorgesehenen Darlehen — 2,3 Milliarden Euro für die GKV, 500 Millionen Euro für die Pflegeversicherung — seien „keine Lösung für das Finanzproblem“, sondern verschieben es nur. Er verlangt einen höheren Herstellerabschlag auf Arzneimittel, eine niedrigere Mehrwertsteuer auf Medikamente und ebenfalls die vollständige Übernahme der Bürgergeld-Kosten durch den Bund — nach seiner Rechnung fehlen dort rund 10 Milliarden Euro.

Passend dazu bringt Bundeskanzler Friedrich Merz das Thema Krankschreibungen in Stellung: Er fordert ein ärztliches Attest bereits ab dem ersten Krankheitstag, stößt damit aber auf wachsenden Widerstand von Ärzteverbänden und Kassen. Der Fehltage-Anstieg auf 14,5 Tage pro Jahr, den Merz beklagt, relativiert sich bei genauerem Hinsehen: Er erklärt sich überwiegend durch das gestiegene Durchschnittsalter der Erwerbstätigen — ein demografischer Effekt, kein Motivationsproblem.

Für Anleger zählt vor allem eines: Steigende Lohnnebenkosten treffen exakt jene Zulieferer und Mittelständler, die ohnehin schon unter Druck stehen. Die DAK selbst liefert dazu die Hausnummer: Im Geschäftsbericht 2024 stiegen die Ausgaben auf über 26 Milliarden Euro (plus 8 Prozent), das Gesamtvermögen brach um 64,6 Prozent auf 310 Millionen Euro ein. Branchenweit summierten sich die Kassendefizite 2024 auf fast 6,6 Milliarden Euro. Das ist keine abstrakte Sozialstaatsdebatte — das ist ein Standortfaktor, der direkt in die Kalkulation jedes deutschen Industrieunternehmens einfließt.

Quintessenz

Zwei Bilder prägen diese Woche. Das erste: Contitech, Merz und Foxconn zeigen, dass Kapital und Nachfrage dort hinfließen, wo Fokussierung und Wachstum stimmen — Conti wird zum reinen Reifenhersteller, Merz baut Botox-Kapazität aus, Foxconn reitet den KI-Zyklus mit knapp 40 Prozent Umsatzplus. Das zweite: BioNTech und die Krankenkassen zeigen die Kehrseite — Strukturbrüche bei 1.800 Stellen hier, eine Beitragslast von 48,6 Prozent dort. Wer deutsche Industrie- und Gesundheitswerte hält, sollte weniger auf den nächsten DAX-Rekord schauen als auf diese beiden Linien: Wo wird fokussiert und investiert, und wo wachsen die Fixkosten des Standorts schneller als die Produktivität.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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