Wolfram, Bitcoin und die 49,65-Prozent-Marke: Drei Wetten auf Knappheit
Commerzbank rückt durch Aktieneinzug näher an UniCredit-Mehrheit. Wolfram-Exportstopp treibt Almonty. Bitcoin profitiert von Liquiditätsspritze.

Kurz zusammengefasst
- UniCredit nähert sich Commerzbank-Mehrheit
- Almonty profitiert von Wolfram-Exportstopp
- Bitcoin-Rally durch Finanzministerium ausgelöst
- Deutsche Industrie überrascht mit Wachstum
Liebe Börsianerinnen und Börsianer,
3.125 Dollar kostet eine Tonne Wolfram – und ab dem 27. August blockieren die USA für ein Jahr den Export von wolframhaltigem Schrott. Wer diese beiden Zahlen zusammendenkt, versteht, warum ein kanadisches Minenunternehmen gerade zum meistdiskutierten Rohstoffwert des Sommers wird. Es ist eine von drei Geschichten dieser Woche, die zeigen, dass die wirklich interessanten Bewegungen an den Märkten selten im Indexstand stecken, sondern in Kapitalstrukturen, Exportverboten und der Frage, was Liquidität heute noch antreibt.
Commerzbank: UniCredit steht an der 50-Prozent-Schwelle – ohne eine einzige zusätzliche Aktie gekauft zu haben
Die Commerzbank hat eigene Aktien eingezogen, die zuvor 4,14 Prozent des Grundkapitals ausmachten. Weil dadurch die Gesamtzahl der Aktien schrumpft, wächst automatisch der potenzielle Zugriff der Italiener – von 47,59 auf 49,65 Prozent. Wichtig für die Einordnung: 3,36 Prozentpunkte davon sind reine Kaufoptionen, keine gehaltenen Aktien, und an den Stimmrechtsverhältnissen auf der Hauptversammlung ändert sich formal nichts. Trotzdem ist die Marke psychologisch bedeutsam. UniCredit steht rechnerisch an der Schwelle zur Mehrheit, ohne dass jemals ein reguläres Übernahmeangebot nötig war – ein Übernahmeweg durch die Hintertür, den es in dieser Form selten gibt.
Parallel hat BlackRock seinen Stimmrechtsanteil an der Commerzbank auf 4,52 Prozent gemeldet (3,01 Prozent aus Aktien, 1,51 Prozent aus Instrumenten, Stand 17. August). Der eigentliche Blockadefaktor bleibt aber der Bund mit weiterhin 12,7 Prozent. Die Commerzbank-Aktie beendete die Woche bei 39,05 Euro, knapp unter ihrem Jahreshoch von 40,11 Euro – ein gutes Stück der Übernahmefantasie steckt also längst im Kurs. Für Anleger bleibt der Übernahmepoker der wichtigste Kurstreiber des Papiers, und jede weitere technische Verschiebung des UniCredit-Zugriffs, selbst ohne echten Zukauf, kann die Spekulation neu befeuern.
Wolfram wird zur strategischen Ware – und ein kanadisches Unternehmen ist der einzige relevante westliche Profiteur
Almonty Industries hat seine Sangdong-Mine in Südkorea seit Juli 2026 in Produktion. Die Zahlen dahinter sind beachtlich: Der Umsatz im zweiten Quartal sprang gegenüber dem Vorjahr um 498 Prozent auf 43,0 Millionen kanadische Dollar, der Nettogewinn lag bei 181,8 Millionen kanadischen Dollar. Wer hier vorschnell jubelt, sollte allerdings genau hinsehen: 173,1 Millionen davon sind nicht zahlungswirksame Neubewertungsgewinne, kein operativer Cashflow. Das ist ein Unterschied, der zählt.
Das Analysehaus GBC AG hat trotzdem ein Kaufrating mit Kursziel 30 Dollar bis Ende 2027 ausgesprochen und prognostiziert einen Umsatzsprung von 365,9 Millionen Dollar 2026 auf 1,32 Milliarden Dollar 2027. DA Davidson nennt 33 Dollar, Oppenheimer 25 Dollar als Kursziel – wenngleich Diamond Equity zuletzt seine Gewinnschätzungen für die kommenden Quartale gekappt hat. Das Unternehmen selbst signalisiert Zuversicht mit einem Aktienrückkaufprogramm über 300 Millionen Dollar, das bis zu fünf Prozent der Aktien über drei Jahre einziehen soll. Die Aktie ist damit zum Symbol einer Renaissance der „Hard Assets“ geworden: In einer Welt, die ihre Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen fürchtet, wird eine funktionierende Mine plötzlich wichtiger als jedes Softwaremodell. Für Anleger heißt das: Wer hier einsteigt, kauft eine Knappheitswette – mit allen Chancen und Bewertungsrisiken, die ein Nettogewinn birgt, der zu einem Großteil aus Buchgewinnen besteht.
Bitcoin legt die stärkste Wochenperformance seit März 2023 hin – getrieben vom Finanzministerium, nicht von der Notenbank
Binnen einer Woche legte die Kryptowährung um rund ein Viertel zu. Auslöser war nicht die Fed, sondern eine Ankündigung des US-Finanzministeriums: Ab dem 9. September wird das Rückkaufprogramm für langlaufende Anleihen von 2 auf 4 Milliarden Dollar pro Operation verdoppelt. Marktteilnehmer nennen das Manöver bereits „QE Lite“ – es pumpt Liquidität in die Märkte, ohne dass die Fed selbst aktiv werden muss. Kryptobörsen meldeten binnen vier Tagen Netto-Zuflüsse von 1,45 Milliarden Dollar, Ethereum zog um 4,4 Prozent auf rund 2.430 Dollar an.
Wer Bitcoin oder entsprechende ETPs im Depot hat, sollte sich einen Punkt klarmachen: Dieser Rally-Impuls hängt an einer fiskalischen, nicht an einer geldpolitischen Entscheidung. Das macht ihn anfälliger für eine schnelle Kehrtwende, sollte sich die Beruhigung am Anleihemarkt als kurzlebig erweisen. Fiskalische Liquiditätsspritzen sind kein Ersatz für einen echten Zinskurswechsel – sie kaufen Zeit, keine Gewissheit.
Deutschlands Industrie überrascht positiv – doch der Rhein bremst, und die Berichtssaison bestraft Fehltritte
Der Einkaufsmanagerindex für die deutsche Industrie kletterte im August auf 54,1 Punkte, das stärkste Wachstum seit vier Jahren und deutlich über der Ökonomenprognose von 52,0. Auftragsbestände erreichten den höchsten Stand seit 2015, die Exporte legten im Juni um 7 Prozent zum Vorjahr zu. Stahlwerte reagierten prompt: Thyssenkrupp schloss die Woche 6,0 Prozent höher, Salzgitter zog laut Marktberichten um 8,2 Prozent an.
Die Bundesbank dämpft die Euphorie jedoch mit gutem Grund: Das Niedrigwasser am Rhein bremst die Erholung spürbar, das BIP wuchs im zweiten Quartal nur um 0,2 Prozent zum Vorquartal nach 0,4 Prozent im ersten. Die Inflationsrate zog im Juli auf 2,8 Prozent an, auch weil Erzeugerpreise so stark stiegen wie seit drei Jahren nicht mehr – angetrieben von Edelmetallen und Kupfer. Zwei Wachstumsbremsen also, die sich nicht gegenseitig aufheben, sondern addieren.
Wie gnadenlos die laufende Berichtssaison mit Enttäuschungen umgeht, zeigte Fielmann: Nach gesenkten Jahreszielen brach die Aktie zeitweise auf ein Jahrestief von 38,40 Euro ein, bevor sie den Handel nahezu unverändert beendete – ein Beleg dafür, wie nervös der Markt auf Konsumschwäche reagiert, selbst wenn sich der Kurs am Ende wieder fängt. Sartorius dagegen profitierte von einer Kaufempfehlung und legte an einem Tag rund 6 Prozent zu – ein Hinweis, dass Analystenurteile in dieser Berichtssaison unmittelbar durchschlagen, in beide Richtungen.
Unterm Strich
Drei der vier Geschichten dieser Woche eint ein Muster: Knappheit schlägt Wachstumsversprechen. Bei der Commerzbank ist es die Knappheit an frei handelbaren Aktien, die UniCredit näher an die Mehrheit rückt, ohne dass ein Cent zusätzlich fließt. Bei Almonty ist es die physische Knappheit eines Rohstoffs, den der Westen jahrelang ignoriert hat. Und selbst bei Bitcoin ist es am Ende eine Liquiditätsknappheit am Anleihemarkt, die das Finanzministerium mit „QE Lite“ zu lindern versucht. Nur die deutsche Industrie liefert die Gegenerzählung: Hier ist es nicht Knappheit, sondern eine echte Nachfragebelebung, die für Bewegung sorgt – gebremst allerdings von einem Fluss, der zu wenig Wasser führt, und einer Inflation, die nicht verschwinden will.
Kommende Woche zeigt, ob diese vier Linien tragen: Am Mittwoch legt Nvidia seine Quartalszahlen vor, von Donnerstag bis Freitag richten sich alle Blicke auf Jackson Hole. Bis dahin bleiben Übernahmepoker, Rohstoffknappheit, Liquiditätsrally und die Zweigesichtigkeit der deutschen Konjunktur die Themen, an denen sich konkrete Depotentscheidungen festmachen lassen.
Wer sich auf genau diesen Nvidia-Termin am Mittwoch vorbereiten will, findet dazu bereits morgen um 18:00 Uhr eine passende Gelegenheit: Im Live-Webinar „NVIDIA vor den Zahlen: DIE ARCHITEKTEN HINTER DEM KI-BOOM!“ ordnet Chefanalyst Carsten Müller ein, welche Zulieferer aus Netzwerktechnik, Fertigung und Chip-Design am stärksten vom KI-Infrastruktur-Boom rund um Nvidia profitieren könnten. Er geht dabei auch auf die anstehenden Technologiebörsengänge von OpenAI und Anthropic ein und ordnet ein, wie sich die Kräfteverhältnisse in der globalen Chip-Industrie derzeit neu sortieren. Konkret benennt er drei Aktien, die er als mögliche Hauptgewinner dieser Entwicklung einordnet, und erläutert, warum der Termin am 26. August für Anleger ein relevanter Fixpunkt sein könnte. Die Teilnahme ist kostenlos. Jetzt zum Webinar anmelden
Das Wochenende neigt sich dem Ende zu – nutzen Sie den Sonntag, um in Ruhe zu sortieren, welche dieser vier Geschichten Ihr Depot tatsächlich betrifft, bevor die Nachrichtenlage am Montag wieder Fahrt aufnimmt.
Beste Grüße,
Ihr Eduard Altmann
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