Die Eskalation im Nahen Osten stellt die Zentralbanken weltweit vor ein Dilemma: Steigende Ölpreise treiben die Inflation nach oben, während die geopolitischen Spannungen das Wirtschaftswachstum bedrohen. Europäische und asiatische Währungshüter kämpfen damit, ihre gerade erst erreichte geldpolitische Stabilität zu verteidigen – doch die Märkte rechnen bereits mit drastischen Kursänderungen.
EZB zwischen Gelassenheit und Alarmbereitschaft
Olaf Sleijpen, Gouverneur der niederländischen Zentralbank und EZB-Ratsmitglied, versucht sich an einem Balanceakt. „Ich würde die Worte Nirwana oder Goldilocks nicht mehr verwenden, aber ich habe meine Einschätzung nicht dramatisch geändert – wir befinden uns immer noch an einem guten Ort“, erklärt er im Reuters-Interview. Vor wenigen Wochen noch hatte Sleijpen die damalige Situation als „Nirwana für Zentralbanker“ bezeichnet: niedrige Inflation, neutrale Zinsen, respektables Wachstum.
Doch die Realität hat diese Sorglosigkeit binnen Tage eingeholt. Nach den US-israelischen Luftangriffen auf den Iran und der Versenkung iranischer Kriegsschiffe schossen die Energiepreise in die Höhe. Die EZB sieht sich nun mit einem klassischen Angebotsschock konfrontiert, der gleichzeitig inflationär und wachstumshemmend wirkt. Sleijpen räumt ein: „Wenn man die Entwicklungen der letzten vier bis fünf Tage in ein Modell einspeist, dürfte der Inflationseffekt höher ausfallen als der Wachstumseffekt.“
Dennoch hält die EZB vorerst an ihrer datenabhängigen Haltung fest. Für die März-Sitzung am 19. März wird keine Politikänderung erwartet – schlicht, weil es zu früh sei, die langfristigen Auswirkungen des Konflikts zu bewerten. Sleijpen deutet aber an, dass die Bank alternative Szenarien und Sensitivitätsanalysen zu ihren Projektionen diskutieren sollte.
Toleranz für Inflationsüberschreitung?
Bemerkenswert ist Sleijpens Hinweis auf die Symmetrie des Inflationsziels: „Wir sollten konsistent sein und sind symmetrisch. Wir gewichten weder Unter- noch Überschreitung höher.“ Die EZB könnte demnach eine moderate und vorübergehende Überschreitung der Zwei-Prozent-Marke tolerieren – ähnlich wie sie monatelang auch Unterschreitungen akzeptiert hatte.
Erste Ökonomen-Schätzungen deuten darauf hin, dass anhaltend hohe Energiepreise die Eurozone-Inflation in Richtung 2,5 Prozent treiben könnten. Die Gefahr: Wenn Unternehmen beginnen, ihre Preis- und Lohnsetzungsmechanismen anzupassen, könnte sich hohe Inflation verselbstständigen – genau das Szenario, das 2021/22 zur Inflationswelle führte.
Doch Sleijpen warnt vor vorschnellen Parallelen: „Die Natur des Schocks ist eine andere. Die Geldpolitik befindet sich jetzt in neutraler Ausrichtung, was damals nicht der Fall war.“ Zudem gebe es heute keine gleichzeitige Nachfragestimulierung durch expansive Fiskal- und Geldpolitik wie nach der Pandemie.
Die Finanzmärkte zeigen sich deutlich nervöser als die Notenbanker: Über Nacht-Index-Swaps preisen mittlerweile eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit ein, dass die EZB bis Jahresende die Zinsen wieder anheben muss. Eine dramatische Kehrtwende für eine Zentralbank, die 2025 noch mehrfach die Leitzinsen gesenkt hatte.
Bank of Japan auf Warteschleife
Auch in Tokio verschiebt die Nahostkrise die geldpolitischen Pläne. Seisaku Kameda, ehemaliger Chefvolkswirt der Bank of Japan, erwartet nun eine Verschiebung der nächsten Zinserhöhung auf Juni oder Juli – ursprünglich hatte die BoJ wohl April im Visier. „Vor den US-israelischen Angriffen auf den Iran hatte die BoJ ihre Augen vermutlich auf eine Zinserhöhung im April gerichtet“, erklärt Kameda, der die Denkweise der Zentralbank gut kennt.
Die Lage ist verzwickt: Japan leidet bereits unter steigendem Inflationsdruck, und der schwache Yen sowie höhere Ölpreise verschärfen das Problem weiter. „Die BoJ hinkt bei der Bekämpfung des steigenden Inflationsdrucks bereits hinterher. Das Risiko, zu spät zu kommen, könnte sich mit steigenden Ölpreisen und dem schwachen Yen noch verstärken“, warnt Kameda.
Doch gleichzeitig will die BoJ eine Wiederholung des Juli 2024 vermeiden, als eine überraschende Zinserhöhung einen Marktausverkauf auslöste. Notenbank-Gouverneur Kazuo Ueda hatte noch vor wenigen Tagen in einem Interview angedeutet, die Bank werde Daten bei den März- und April-Sitzungen prüfen – was Raum für eine baldige Anhebung ließ. Die Märkte sehen dennoch nur noch eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Zinsschritt im April.
Dollar profitiert, Immobilienmärkte divergieren
Während Zentralbanken abwarten, agieren die Devisenmärkte entschlossen: Der US-Dollar steuert auf seinen stärksten Wochengewinn seit über einem Jahr zu. Der Dollar-Index, der die Währung gegen einen Korb anderer Währungen misst, legte in dieser Woche um 1,4 Prozent zu – der größte Anstieg seit November 2024. Der Euro verlor 1,7 Prozent und notiert bei 1,161 Dollar, während der Yen auf 157,83 je Dollar nachgab.
„Wenn der Nahostkonflikt mit seiner aktuellen Intensität fortbesteht, dürfte das zu anhaltend höherer Inflation, einem stärkeren US-Dollar und einer massiv reduzierten Chance auf Fed-Zinssenkungen führen“, analysiert Tony Sycamore von IG Markets. Die Zinssenkungserwartungen für die Federal Reserve wurden bereits auf September oder Oktober verschoben.
Trotz der geopolitischen Turbulenzen zeigen sich Europas Immobilienmärkter überraschend widerstandsfähig. In Deutschland sollen die Immobilienpreise laut einer Reuters-Umfrage unter Analysten 2026 um 3,3 Prozent steigen, nach fast 6 Prozent Erholung seit dem Tiefpunkt Anfang 2024. Für 2027 und 2028 werden jeweils weitere 3 Prozent Zuwachs prognostiziert.
„Die Markterholung dürfte sich fortsetzen, bleibt aber wackelig. Verbraucher bleiben angesichts hoher geopolitischer und innenpolitischer Unsicherheit vorsichtig, hinzu kommen steigende Arbeitslosigkeit und schwächeres Lohnwachstum“, warnt Carsten Brzeski, globaler Chefvolkswirt bei ING. Die Erschwinglichkeit bleibe problematisch – zehn von zwölf befragten Analysten erwarten, dass Immobilien für Erstkäufer im kommenden Jahr weniger erschwinglich werden.
In Großbritannien erreichten die Hauspreise im Februar mit durchschnittlich 301.151 Pfund einen neuen Höchststand. Die jährliche Wachstumsrate beschleunigte sich auf 1,3 Prozent – das stärkste Tempo seit vier Monaten. Doch auch hier gibt es regionale Bruchlinien: Während Nordirland mit plus 6,3 Prozent anführt, fallen die Preise im Südosten Englands um 2,2 Prozent.
Ungewissheit als größter Feind
„Unsicherheit ist etwas, das ich noch mehr hasse als die Zölle selbst“, zitiert Sleijpen einen niederländischen Konzernchef. Diese Aussage fasst die aktuelle Marktstimmung treffend zusammen. Unternehmen können mit bekannten Rahmenbedingungen – selbst ungünstigen wie Zöllen – planen. Doch die ständige Unvorhersehbarkeit lähmt Investitionsentscheidungen.
Die Eurozone hat sich zuletzt widerstandsfähiger gezeigt als erwartet, auch angesichts der Handelsunsicherheit. Sleijpen führt das auf drei Faktoren zurück: die Agilität von Unternehmen und Haushalten, die sich schneller anpassen als Modelle vorhersagen; vorausschauendes Handeln von Firmen, die bereits vor „Liberation Day“ ihre Lieferketten umstellten; und Zeitverzögerungen bei der Übertragung von Handelspolitik auf die Realwirtschaft.
Doch diese Resilienz hat Grenzen. „Die Tatsache, dass das Wachstum in einem sehr schwierigen Jahr widerstandsfähig war, bedeutet nicht zwangsläufig, dass das immer so bleiben wird“, mahnt Sleijpen.
Vertrauen in transatlantische Kooperation – noch
Trotz aller handelspolitischen Spannungen betont Sleijpen sein Vertrauen in die Zusammenarbeit mit der US-Notenbank, insbesondere bei der Dollar-Liquiditätsversorgung in Krisenzeiten. „Ich habe großes Vertrauen in unsere Beziehung zur aktuellen Fed-Führung, wenn es um diese spezielle Vereinbarung geht. Und ich habe ähnliches Vertrauen in ihre künftige Führung.“ Auch an der Lagerung niederländischer Goldreserven bei der New York Fed will man festhalten.
Ob dieses Vertrauen gerechtfertigt ist, während US-Präsident Donald Trump öffentlich erklärt, er wolle bei der Auswahl von Irans nächstem Staatschef mitreden, bleibt eine offene Frage. Die Märkte jedenfalls preisen für die kommenden Monate maximale Unsicherheit ein – und das dürfte spannend werden.
