Zinsen auf Mehrjahreshoch: Warum die Deutsche Bank jubelt und VW zittert

Steigende Anleiherenditen stärken Banken wie die Deutsche Bank, während Volkswagen wegen möglicher Werksschließungen und des Umbaus belastet bleibt.

Eduard Altmann ·
KI-generiertes Symbolbild
Symbolbild, KI-generiert

Kurz zusammengefasst

  • US-Rendite erreicht höchsten Stand seit Jahren
  • Deutsche Bank markiert neues 52-Wochen-Hoch
  • VW prüft Schließung mehrerer Werke
  • GEA wächst trotz Aktienplatzierung weiter

Liebe Börsianerinnen und Börsianer,

4,81 Prozent Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen, der höchste Stand seit fast drei Jahren. In Japan kratzt die Zehnjahresrendite erstmals seit 30 Jahren an der 3-Prozent-Marke, deutsche Bundesanleihen rentieren so hoch wie zuletzt 2011. Ein globaler Anleihe-Ausverkauf, und er trifft die Aktienmärkte höchst selektiv: Banken feiern Jahreshochs, Autobauer kämpfen ums Überleben ihrer Werke. Wer verstehen will, wohin das Geld in den kommenden Wochen fließt, muss diese Divergenz verstehen.

Warum die Zinsen steigen, und was das für den DAX bedeutet. Hinter dem Renditeanstieg stecken drei Kräfte: steigende Ölpreise, Sorgen um die Staatsverschuldung großer Industrienationen und eine Konjunktur, die robuster ausfällt als gedacht. Die Bundesbank hat ihre Wachstumsprognose für Deutschland 2026 von 0,5 auf rund 1 Prozent angehoben, das DIW rechnet sogar mit 1,2 Prozent. New-York-Fed-Präsident John Williams ordnete den Renditeanstieg explizit als Zeichen einer starken Wirtschaft ein, nicht als Marktversagen, ließ aber offen, ob die Fed im September tatsächlich nachzieht. Die Terminmärkte preisen eine Anhebung mit rund 68 bis 70 Prozent Wahrscheinlichkeit ein, für die EZB-Sitzung am 10. September sogar mit nahezu 100 Prozent. Für Anleger mit Anleihe- oder Zinsprodukten im Depot ist das eine klare Ansage: Die Ära der Nullzins-Refinanzierung ist endgültig Geschichte. Der DAX pendelte zuletzt bei rund 25.841 Punkten, spürbar unter dem Rekordhoch von 26.619 Zählern Ende August und in Tuchfühlung mit der viel beachteten 50-Tage-Linie bei 25.646 Punkten – ein Index, der die Nervosität der Zinswende bereits einpreist.

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Die Deutsche Bank zeigt, wer von höheren Zinsen profitiert. Goldman Sachs hob das Kursziel für die Aktie von 37 auf 43,75 Euro an und stufte sie auf „Buy“ hoch. Im Tagesverlauf markierte das Papier mit 35,36 Euro ein 52-Wochen-Hoch, den höchsten Stand seit Januar 2014, und notiert aktuell bei rund 34,61 Euro. CEO Christian Sewing pocht derweil auf die konsequente Umsetzung der angekündigten Reformen – Rückenwind von der Zinsseite bekommt er derzeit geschenkt. Parallel verdichtet sich die Übernahme-Dynamik bei der Commerzbank: UniCredit kontrolliert Zugriff auf fast 50 Prozent der Anteile, der Bund hält noch gut 12 Prozent. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp sprach beim Handelsblatt-Bankengipfel offen von laufenden Gesprächen mit dem UniCredit-Management und mahnte beide Seiten, „es jetzt tunlichst nicht zu vermasseln“. Am 14. September treffen sich Bundesfinanzminister Klingbeil und UniCredit-Chef Andrea Orcel in Berlin – ein Termin, der über die Zukunft der Commerzbank als eigenständiges Institut mitentscheiden dürfte. Beide Aktien notieren nahe ihren Jahreshochs: Commerzbank bei 40,42 Euro (52-Wochen-Hoch 41,00 Euro, erst Ende August erreicht), UniCredit bei 83,40 Euro (Hoch bei 86,41 Euro). Wer auf europäische Bankenkonsolidierung setzt, sollte sich den 14. September vormerken.

Volkswagen liefert das Gegenbild zur Bankenparty. Während Geldhäuser von der Zinswende profitieren, zeigt sich beim Wolfsburger Konzern die andere Seite der Konjunkturmedaille. Die Vorzugsaktie büßte zuletzt rund 2,7 Prozent ein und fiel auf etwa 74 Euro, nachdem bereits feststeht, dass VW Mitte September aus dem EuroStoxx 50 fliegt. Brisanter ist ein Bericht der Wirtschaftswoche, wonach der Vorstand die Schließung der Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm prüft – eine Entscheidung des Aufsichtsrats wird für Freitag, den 4. September, erwartet. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer widersprach zwar, dass die Entscheidung bereits gefallen sei, doch Niedersachsen, das 20 Prozent der VW-Anteile hält, kündigte bereits Widerstand an. Der Konzern plant ohnehin den Abbau von 50.000 Stellen bis 2030, Konzernchef Blume arbeitet parallel an einem „Zielbild 2030“. Für Anleger bleibt die Aktie eine Wette auf die Sanierung: Die Analysten-Kurszielspanne von 80 bis 121 Euro signalisiert deutliches Aufwärtspotenzial, sollte die Restrukturierung gelingen. Der Freitag dürfte zeigen, wie schmerzhaft der Weg dorthin wird.

GEA beweist, dass ein Verkäufer kein Warnsignal sein muss. Die Kuwait Investment Authority platzierte 5 Millionen Aktien, rund 3 Prozent des Kapitals, zu einem Preis zwischen 64,85 und 65,50 Euro und hält danach noch 10,5 Prozent. Die Aktie gab daraufhin nach, notiert aber weiterhin nahe 65 Euro. Bemerkenswert: Am selben Tag hob Deutsche Bank Research das Kursziel für GEA von 71 auf 76 Euro an und bestätigte die Kaufempfehlung, begründet mit einem organischen Wachstum von 11 Prozent, deutlich über dem eigenen Zielkorridor von 6 bis 8 Prozent. Die Lehre daraus: Ein Großaktionär, der Kasse macht, ist erst dann ein Alarmsignal, wenn auch die operative Substanz bröckelt. Hier tut sie das Gegenteil.

Chevron setzt seine Ölpreis-Rallye in eine langfristige Wette um. Abseits der Zinsdebatte investiert der US-Konzern 7 Milliarden Dollar über fünf Jahre in venezolanische Ölfelder, mit dem Ziel, die Förderung von 280.000 auf 600.000 Barrel pro Tag mehr als zu verdoppeln, bei Förderkosten von unter 20 Dollar pro Barrel. Über das neue Joint Venture NABEP sichert sich auch die US-Regierung Zugriff auf einen Teil der geschätzten 65 Milliarden Barrel Reserven. Die Chevron-Aktie, die seit Jahresbeginn bereits über 40 Prozent zugelegt hat, bleibt damit ein struktureller Profiteur hoher Ölpreise, unabhängig davon, wie sich die geopolitische Lage im Nahen Osten weiterentwickelt.

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Unterm Strich

Die Zinswende ist kein abstraktes Makro-Thema mehr, sie sortiert bereits jetzt Gewinner und Verlierer im Depot. Banken wie die Deutsche Bank gewinnen, weil höhere Zinsen ihr Geschäftsmodell direkt stärken. Zyklische Werte wie Volkswagen geraten zusätzlich unter Druck, weil teurere Refinanzierung auf einen ohnehin schmerzhaften Umbau trifft. Zwei Termine entscheiden, wie sich diese Schere in den kommenden Wochen entwickelt: der Freitag mit der möglichen VW-Werksschließung und der 14. September mit dem Berlin-Treffen zur Commerzbank-Zukunft. Wer sein Depot jetzt prüft, sollte weniger auf den Index schauen als auf die Frage, wie stark einzelne Titel vom Zinsniveau abhängen.

Beste Grüße,

Ihr Eduard Altmann

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