Zinserhöhungen: Notenbanken im Inflationskampf

EZB und Bank of Japan signalisieren weitere Zinserhöhungen trotz schwacher Konjunktur. Auch Schwellenländer wie Sri Lanka reagieren auf den Energieschock.

Felix Baarz ·
Zinserhöhungen: Notenbanken im Inflationskampf

Kurz zusammengefasst

  • EZB plant Zinserhöhung im Juni
  • Japan führt neuen Inflationsindikator ein
  • Sri Lanka erhöht Leitzins überraschend stark
  • Südkorea erwägt Straffung der Geldpolitik

Der Iran-Krieg hat die Weltwirtschaft in eine Lage manövriert, die Notenbanken rund um den Globus zunehmend unter Zugzwang setzt. Öl über 95 Dollar je Barrel, Lieferketten unter Druck, Währungen im Sinkflug — und fast überall dasselbe Ergebnis: steigende Zinsen.

Energie treibt den globalen Inflationsdruck

Drei Monate Krieg im Nahen Osten haben deutliche Spuren hinterlassen. Die Hoffnung auf einen Durchbruch in den Friedensverhandlungen — Iran und die USA sitzen in Doha am Tisch — wechselt täglich mit neuen Hiobsbotschaften. Frische US-Militärschläge auf iranische Ziele sorgten am Dienstag dafür, dass Brent-Öl um rund 1,5 Prozent auf knapp 98 Dollar anzog, nachdem es am Montag noch um sieben Prozent gefallen war.

Saxo-Chefstrategin Charu Chanana bringt die Ambivalenz auf den Punkt: „Märkte haben Recht darin, etwas Optimismus einzupreisen, weil selbst ein Weg zur Wiedereröffnung der Straße von Hormuz das extreme Tail-Risiko rund um Öl, Inflation und globales Wachstum senkt.“ Gleichzeitig mahnt sie: „Ich würde positiven Verhandlungslärm nicht mit einer nachhaltigen Deeskalation verwechseln.“

Genau das ist das Problem für Notenbanken. Selbst wenn morgen ein Waffenstillstand käme — die Infrastrukturschäden, die zerstörten Lieferketten, die eingebrannten Inflationserwartungen blieben. Die Energiepreise werden sich nicht über Nacht normalisieren.

EZB und BOJ: Zinserhöhungen trotz schwacher Konjunktur

EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel macht in einem Reuters-Interview unmissverständlich klar, wo die Reise hingeht. „Angesichts der Größe und Hartnäckigkeit des aktuellen Schocks ist Abwarten aus meiner Sicht keine Option mehr“, sagt sie. Eine Zinserhöhung im Juni hält sie für notwendig — und zwar unabhängig davon, ob ein Friedensabkommen mit Iran zustande kommt.

Die Begründung ist überzeugend: Die Inflation in der Eurozone liegt bereits bei drei Prozent, mit weiteren Aufwärtsrisiken. Zweitrundeneffekte — also die Gefahr, dass hohe Energiekosten in die Breite der Wirtschaft einsickern — zeigen sich laut Schnabel bereits in Umfragen, PMI-Daten und dem Konsumklima-Index der EU-Kommission. Die Wirtschaft der Eurozone wächst 2026 wohl nur um magere 0,9 Prozent, eine Zinserhöhung in diesem Umfeld ist daher kein leichter Schritt. Finanzmärkte preisen inzwischen zwei Erhöhungen vollständig ein, mit einer 50-prozentigen Chance auf eine dritte.

In Japan ist die Lage ähnlich komplex. Die Bank of Japan hat einen neuen Inflationsindikator eingeführt, der staatliche Einmalmaßnahmen wie Bildungs- und Energiesubventionen herausrechnet. Das Ergebnis für April ist ernüchternd: 2,8 Prozent — weit über dem Ziel von zwei Prozent und deutlich höher als die offiziell gemeldeten 1,4 Prozent. BOJ-Vizegouverneur Ryozo Himino signalisierte im Parlament, dass weitere Zinserhöhungen kommen werden, deren Tempo und Zeitpunkt allerdings von der Entwicklung im Nahen Osten abhängen. Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen berührte zuletzt 2,8 Prozent — der höchste Stand seit Oktober 1996.

Emerging Markets unter besonderem Druck

Wenn Großmächte schon ringen, trifft der Energieschock kleinere, rohstoffabhängige Volkswirtschaften besonders hart. Sri Lanka ist ein drastisches Beispiel. Die Zentralbank erhöhte den Leitzins überraschend um 100 Basispunkte auf 8,75 Prozent — obwohl sieben von zwölf befragten Ökonomen lediglich 25 Basispunkte erwartet hatten.

Das Land ist vollständig auf Energieimporte angewiesen. Die Folgen des Iran-Kriegs: 40 Prozent höhere Treibstoffpreise, Rationierungen, sogar Feiertage am Mittwoch zur Eindämmung des Verbrauchs. Die Inflationsrate sprang binnen eines Monats von 2,2 auf 5,4 Prozent. Die Rupie verlor seit Anfang März 8,7 Prozent an Wert. Für ein Land, das gerade erst seinen Weg aus der Finanzkrise von 2022 gefunden hat, sind das alarmierende Signale. „Die Zentralbank erwartet eindeutig, dass die angebotsseitigen Drücke aus dem Iran-Konflikt einen langanhaltenden, hartnäckigen Einfluss auf die heimische Inflation haben werden — und keinen vorübergehenden“, sagt Analyst Udeeshan Jonas von der Colombo-basierten Firma CAL.

Südkorea steht vor einem ähnlichen Dilemma, wenngleich aus einer robusteren Position. Die Bank of Korea dürfte ihren Leitzins bei der Sitzung am 28. Mai unverändert bei 2,50 Prozent lassen — aber die Richtung ändert sich. Über 70 Prozent der befragten Ökonomen erwarten bis Ende September mindestens eine Erhöhung, ein dramatischer Schwenk gegenüber dem Vormonat, als nur drei von 30 Experten mit einer Straffung rechneten. Die April-Inflation von 2,6 Prozent — der höchste Wert seit fast zwei Jahren — und ein schwächerer Won befeuern den Druck.

Frieden möglich, Normalisierung fern

An den Devisenmärkten spiegelt sich die gespaltene Stimmung wider. Der Euro hält sich bei rund 1,1637 Dollar, der Dollar-Index pendelt um 99. Australischer und neuseeländischer Dollar stabilisieren sich. Der Dollar verliert etwas von seiner Stärke, wenn die Risikofreude steigt — kehrt aber schnell zurück, sobald neue Schlagzeilen aus dem Nahen Osten die Hoffnung dämpfen.

OCBC-Strategen sehen keinen starken Grund, den Dollar bärisch zu sehen: „Wir erwarten eine langsame Ölpreis-Normalisierung. Der USD-Unterstützung durch Terms-of-Trade sollte nicht schnell verschwinden.“ Und auch die Federal Reserve hat die Erwartungen gedreht — Märkte rechnen bis Dezember inzwischen mit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte, wo zu Jahresbeginn noch zwei Senkungen eingepreist waren.

Ob ein Friedensabkommen mit Iran die globale Inflationswelle brechen kann, bleibt offen. Klar ist: Die Notenbanken haben das Wartezimmer verlassen.

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